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Das Lokal von Ostlers strebte, wenigstens in den hinteren Teilen, eine gewisse anheimelnde und mit Lorbeerbäumen verzierte Lauschigkeit an. Es war wegen dieser Seltenheit und trotz der hohen Preise ein begehrter, aber auch verrufener Treffpunkt und war heute gefüllt von abschiednehmenden Paaren. Die beiden gingen hindurch, beide ziemlich beklommen, Hishwa wegen der Ungewohnheit, Ketty wegen der vorgenommenen Absage. Neben der Statue einer bronzenen Flötenbläserin erkannte Hishwa plötzlich ihren Vater.
Sie wollte sich ungesehen ein wenig verziehen. Denn betreffs der Rückkehr in den Schoß der Familie hatte sie es sich schon wieder überlegt. Ketty hingegen steuerte gerade auf den und keinen anderen Tisch zu, an dem noch mehrere Herren in höchster Ausgelassenheit tafelten.
Hishwa hielt ihre Begleiterin zurück. Blaß fragte sie, wer von denen es denn sei.
„Der mit der Melone, der Graue, der Yankee, der mit dem langen Hals“, sagte die Dorschangel achselzuckend, als verberge sie, sich zu schämen.
„Komm mit hinaus!“ flüsterte Hishwa. „Die drei also sind es, mehr sind nicht am Tisch. Laß sie einfach sitzen, sie sind es nicht besser wert!“
Sie hatte auch den Reeder und den Kapitän von der „Merryland“ erkannt. Ihr war gegenwärtig, was Tamp von Smithson gesagt hatte. Und ihr ehrenwerter Papa war der dritte im Bunde? Und die drei, und er mit, standen im Begriff, dieses unglückliche, gefallene Geschöpf namens Ketty noch tiefer in den Sumpf zu stoßen!
„Der Herr hat mich gestern verpflichtet, ein großer Schiffsverkauf oder so etwas soll mit mir auf eine nette Weise gefeiert werden. Es ist nicht anständig, zu kneifen, andere werden es zu büßen haben“, antwortete Ketty und sandte bedenklich lange Blicke in Richtung der munteren Runde.
„Anständig? Ich will dir etwas sagen!“ sagte Hishwa ruhig, aber bleich wie die Kelche der Mattglaslampen. „Mein Vater ist dabei.“
Die Dorschangel war nicht wenig erstaunt. Dann lachte sie breit und meinte, nicht ohne dunkle Überlegenheit: „Das macht nichts. Deinen eigenen Vater brauchst du ja nicht gerade zu übernehmen. Bleib da und tu mir einen Gefallen, du übernimmst etwa den mit dem roten Schnurrbart.“
Hishwa drehte sich um. Ihre Kraft versagte. Das Böse war eine grausig schwierige Sache, und sie war im Begriff, sich geschlagen zu fühlen und zu flüchten. Ketty hielt sie fest, mit angstvoll grob zupackenden Fingern: „Halt! Ich habe es nur aus Jux gesagt. Es sind drei schreckliche alte Bambusen. Das heißt, über deinen Papi will ich nichts gemeckert haben!“
Somit wollten sie sich beide gerade zurückpirschen, als der Makler zufällig ein spähendes Auge durchs Lokal schickte und seine Tochter sah. Und diese merkte es. — Er zuckte deutlich zusammen. Aber die beabsichtigte Verdeckung auf beiden Seiten führte zu einem unecht freudigen Aufleuchten beider Gesichter. Der Vater sprang unsicher empor.
Inzwischen hatte auch der Yankeereeder seine bestellte Freundin erkannt und rückte steif, gebläht und kullernd heran wie ein alter Puthahn. Hishwa schanzte sich, ein feuriger Cherub, vor die verlegene Dorschangel. Es gab eine so lächerliche als mißbehagliche Szene, da sowohl der Makler wie der Reeder in ihrem hochprozentigen Glimmer weder schnell noch klar die Zusammenhänge zu erfassen vermochten.
Hishwa wandelte sich in ein sprühendes Tier der Offenbarung.
Ihr Papa, der ahnungsweise einen dummen Verrat oder fromme Schnüffelei zu wittern glaubte, zudem von ihrer nun ihm sichtbar werdenden Bekanntschaft mit einer als anstößig verschrienen Person befremdet, drohte herantretend mit dem Finger, lud sie ärgerlich ein, doch höflicherweise wenigstens eine Tasse Tee mitzutrinken. Der Reeder fügte unter Schluckauf hinzu, es dürfe auch Hock oder französischer Champagner sein, und der übervolle Kapitän sang, an seinen Platz gelötet, lauthals einen Schlagerkehrreim, der die höchst eindeutige Aufforderung zu einer süßen Stunde „Traum der Liebe“ enthielt.
„Wir haben edlere Aufgaben vor uns und müssen es verschmähen, den verabscheuungswürdigen Absichten dieser Herren zu willfahren! Wir haben hier nichts zu suchen, wir wollten nur absagen! Und das ist alles!“ eiferte Hishwa, und die kleinen Flips, die sie getrunken, stiegen ihr glühend in die Wangen.
Der lange Reeder verstand es einigermaßen. Er ruckte den Geierhals vor und zurück, trillernd: „Huch, ihr kleinen Mäuse, nun seid doch nicht so spröde!“ Er hatte diesen Satz vor Zeiten in einem verfänglichen Roman gelesen und lange, von früher verwöhnt, auf eine Anwendung gelauert. Denn die Polizei hatte in seine einstigen Tanzmädchenfrachten nach Rio eine höchst taktlose Einsicht genommen, was ihn damals geraten sein hieß, Fracht und Kurs zu ändern. Und Gott schickte ihm zur rechten Zeit den europäischen Großkrieg, mit dem ein gleich gutes Geld zu verdienen, es sich gnädig ergeben hatte, ohne daß seine einstige Neigung für hübschere Verladungen unter den Schießkisten erstickt worden wäre.
Hishwas Vater nun verstand die tochterliche Absage anders, wenngleich auch nicht falsch, als er aufrichtig bestürzt antwortete: „Kind, du kommst also wirklich nicht zurück zu deinen flehenden Eltern? Kindchen, Hishwa, was ist wieder in dich gefahren, ich flehe dich an um alles in der Welt, es ist Krieg, und du verläßt uns wieder, kaum daß wir dich neu an unserem Herzen gespürt und zurückgewonnen? Gehst du etwa wieder in deine schwarze Höhle, ist dein Niggerpastor, verflucht sei sein Kadaver, etwa wirklich gekommen? Kind, ich warne dich, ich entziehe dir mein Konto, höre auf deinen armen Vater, es ist etwas im Geschehen! Lieber melde dich zum Dienst an unserm Vaterlande, an unserm weißen Lande! Amerika ist weiß, alles andere ist Dreck und Stiefelwichse!“
„Hick!“ krächzte der Reeder. „Habt ihr es mit Schokolade getrieben? So kehrt zurück, ihr kleinen süßen Leckerzähne! Hier fließt die wahre Sahne, Gottes schneeweiße Milch, das sind wir!“
Der Makler, auch über den albernen Smithson wenig erbaut, fuhr, dem Schlagfluß nahe, fort: „Hishwa, ich sage dir, geh fort aus dem Schandloch, aus dem Niggerstall! Oder du sollst erfahren, es ist hundsgefährlich da, Todesgefahr für euch alle! Wir werden beschließen — der Klub wird — wir werden den Stall ausmisten, wir werden dich befreien müssen, verlorenes Kind!“
„Der große Türke! Hihi!“ kullerte Reeder Smithson, mit einem kameradschaftlich drohenden Seitenblick auf den Makler: „Er soll sie wohl mal ein bißchen umrühren, eure Schokolade! Laßt uns nicht allein, ihr zuckersüßen Tautropfen, oder wir müssen uns entschädigen mit Teer und Federn an euren Haremswächtern! Hupp!“
Die Gäste des Betriebes waren aufmerksam geworden. Jemand, der etwas von Niggern fallen hörte, rief zum allgemeinen Genuß: „Kuklux!“, wie eine Kuckucksuhr.
Hishwa und die papageienhaft gekleidete Ketty eilten beide unglücklich genug hinaus, nahmen, so rasch es ging, ein Mietsauto und fuhren davon, Harlem zu, zur Schwarzen Sonne.
*
Nachschrei und schleich
Der Dirne gleich,
Reich dich dem Geiste hin!
Nach zwei Stunden kam der Steuermann Tamp vom Anwerbebüro zurück. Der Betrieb im Goldkorn war unvermindert. Aus der Tür wand sich ein Handelsmann mit einem Bauchladen voll feldgrau gestrichener Taschenlampen, Leibriemen, Extrakoppel, Dolche, Klappmesser und sonstiger Ausrüstung für den europäischen Kriegspfad. Er hielt Tamp ein handgroßes, herzförmiges und sohlendickes Stück Eisenblech an einer Schnur entgegen. Es sei dies der wahre Panzerschutz und Lebensretter, der patentierte Bedecker des edelsten menschlichen Teiles und undurchdringlich für die stärksten Dum-Dum-Geschosse.
Tamp lachte finster und spuckte aus. Er wühlte sich schnaubend durch den Strom, der die Tische umschwoll. Er rief Banders an, ob sein Gepäck da sei. Es war noch nicht da. Im Hintergrunde brannte schon Licht. Er fluchte, wischte sich die Schläfen, ließ sich wortlos neben Hoggard niederfallen. Er fragte nichts, obgleich er Hishwa vermißte. Er bestellte sein Glas. Ihm kam die Besorgnis, daß es hier nicht gerade erste Kajüte sei in bezug auf allgemein natürliche und namentlich beim Likörtrinken folgerichtige Anlässe, besonders für Damen. Er zog seine Pfeife hervor und stopfte sie umständlich, während der Koch unruhig einen flachen Gegenstand unter der Pranke hin und her schob und ihm erwartungsvoll zusah. Tamp erkannte ein Ende Schnur. Es war von derselben Sorte, wie sie ihm eben vor der Tür entgegengebaumelt hatte. Er lachte mitleidig: „Armseliger Hund, du solltest lieber auf Gott vertrauen!“
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