Der kleine Josua, dessen Vater dann in Texas eingewandert war, hatte sich schon früh durch Begabung ausgezeichnet. Das äußerte sich sowohl in heimlichem und kostenlosem Anschaffen von besten Zuchthennen aus der weiteren Umgegend als auch im Fußballspiel und Boxen. In der Landschule geriet er unter den Einfluß einer wohl gebildeten, aber fanatisch religiösen halbfarbigen Lehrerin, die den gerissenen, doch tief im Grunde von dumpfer Phantastik erfüllten Knaben hinter verschlossener Tür in beschwörender Verzückung die Fackel Afrikas nannte. Sie auch setzte es durch, daß der junge Josua auf der Hochschule zu Texas Theologie studierte. Er selber neigte noch während seiner ganzen Universitätsjahre zur Laufbahn des Baseball- oder Boxchampions, auch aus wirtschaftlichen Gründen, obwohl ihm seine Farbe manche Kränkung einbrachte.
Sobald er jedoch promoviert hatte, es geschah durch mancherlei Hindernisse erst mit seinem 28. Lebensjahre, änderte sich sein Sinn. Der Ruf seiner Begabung war schon hier und da hindurchgedrungen. Die N.A.A.C.P., die große nationale Vereinigung zur Förderung des farbigen Gedankens, bot ihm ihre restlose Mithilfe an, jedoch er behielt sich seinen eigenen Weg vor, widerstand den verlockenden Weihen gutbezahlter Predigerstellen, schlug die Posten bedeutender Missionsgesellschaften aus und begab sich, ehrgeizig auf sich selbst gestellt, auf eine Wanderung, die ihn als Evangelisten und Erweckungsredner durch alle Städte des Nordens, Ostens und Westens der Staaten führte. Seine Art zu reden erwies sich als außerordentlich wirkungsvoll, man sah in ihm den Prediger der alten Zeit auferstehen. Doch sehr schnell begann er, sich auf ein Sondergebiet zu beschränken und für die afrikanische Mission zu werben. Er lehnte sich an keine der bestehenden Einrichtungen an und warf vor allem die Gefahr der Verislamung des schwarzen Erdteils in die christliche Wagschale.
Man genoß ihn wie eine Mode, feierte ihn wie einen letzten kostbaren Schrei. Im zweiten Jahre wurde er von einem weißen Geschäftsführer begleitet, angeblich einem geflohenen russischen Popen. (In Europa war damals das große Gemetzel auf seinem Höhepunkt.) Er wagte sich sogar in den Süden. Sein Ruhm war so bedeutend, daß er die Kühnheit besaß, bis in die Bäder Floridas sich mit einer so weißen als blonden Sekretärin zu zeigen, was ihm nicht gut bekommen sein soll. Zumindest brach ein Blättergelächter los, als ihm ein begüterter Industriesprößling das außergewöhnlich hübsche Mädchen von der Schreibmaschine wegheiratete.
Trotzdem hatte sein Ruf im Norden nicht gelitten. Man pries nach wie vor seine unerhörte Rednergabe, dazu seine amerikanisch fromme und demokratische Gesinnung, seine sportliche Vergangenheit, sein achtunggebietendes Äußeres und seinen wachsenden Reichtum. Und immer wieder fand man die Geschichte von seinem totgepeitschten Großvater aufs rührendste ausgesponnen in jenen Zeitungen, die freiheitliche Duldung, Nationalismus, praktische Vernunft, Sportinteresse und kirchliches Gemüt zu verbinden, ihren Lesern täglich neu zusicherten.
Die Öffentlichkeit hatte allerdings keine Ahnung von Burns Mama, die inzwischen nach Chikago verzogen war und sich mit Geschick und durch Zufall Leitung und Besitz eines berüchtigten Hauses angeeignet hatte, indem der Besitzer, ein Schwarzer, sie aus der Küche in den Salon erhob, sie heiratete und ihr somit den Namen Madame Silk vermittelte. Nicht lange währte diese Ehe, die sich durch Zärtlichkeit ausgezeichnet haben soll, da erlag der ebenso reiche als skrupellose Herr Silk einem Handgemenge am Spieltisch.
Der große Verkünder nun hatte auf Grund umfänglicher Stiftungen schon nach kurzer Zeit ein eigenes Haus in Neuyork kaufen und nach seinen Plänen aufziehen können. Er taufte es: Die Schwarze Sonne. Es sollte der Ausbildung von Missionsschwestern dienen. Die äußere Leitung aber legte er klugerweise in weiße Hände. In der Rechtspresse begann nun allerdings ein warnendes Gemunkel. Es waren Töchter ziemlich begüterter und nicht schlechter Namen dem beredten Einfluß dieses Negers gefolgt, und das ging entschieden zu weit.
Damals tauchte im Herald zuerst das zynische Wort „Blondjäger“ auf, da Burn, in Übereinstimmung mit jenem römischen Papst, der beim ersten Anblick gefangener Angelsachsen von Engeln sprach, das helle Haar einer besonders engelhaften Wirkung für gewiß hielt, namentlich bezüglich Afrikas.
Kurz und gut, besonders unangenehm war dabei, daß die Stiftungen plötzlich magerer flossen und auch der Andrang heilsdurstiger Mädchen spärlicher wurde. Wohl ließ sich das Neuyorker Haus nach wie vor gut füllen, aber an Nebengründungen zu denken, hatte wenig mehr Sinn. Es galt nun wenigstens das Heim zu Neuyork unter gewissem Pomp zu halten. Nur daher kam es, daß sich der große Missionar den heftigen Einspruch verbiß, als seine Mama nach Neuyork übersiedelte. Es fesselte sie nichts an den Ort jener Bluttat, die zum zweitenmal eine Witwe aus ihr gemacht hatte. Zudem empfand sie Sehnsucht, in der Nähe ihres berühmtgewordenen Kindes zu verweilen, und da ihr Vermögen kaum den Zielen ihres Sohnes gewachsen schien, setzte sie kurzerhand ihr einträgliches Gewerbe fort, ihre Salonmischung aus Spielklub und zarten Möglichkeiten. Der „Nachtfalter“, in einer stillen Seitenstraße Harlems gelegen, und Madame Silk selber waren in jenen Kreisen, deren ungeschriebenes Einvernehmen nicht nur von Chikago nach Neuyork, sondern um den ganzen Erdball reicht, bald in hohem Grade angesehen und besucht.
Der Schwarzen Sonne flossen nun wieder reichliche Mittel zu, ohne daß jemand von der Beziehung der beiden so gegensätzlichen Einrichtungen etwas ahnte. Nur dem Missionsarzte Dr. Connel hatte Burn für den Fall, daß ihm etwas zustoße, mitgeteilt, wo seine Mutter in Neuyork wohne. Und Connel war später der erste von der Schwarzen Sonne, der das elegante Haus Madame Silks betrat, um Auskunft über den Verbleib ihres Sohnes zu geben (und aus innerster Freundschaft zu Burn nicht ohne Wissensdrang). Aber selbst der Reeder Smithson, einer der besten Kunden des „Nachtfalters“, der sich schmeichelte, auf Grund alter Erfahrungen ein bißchen in das innere Getriebe des Hauses eingeweiht zu sein, kam erst nach seinem schmerzlichen Abenteuer und seiner Genesung in der Mission hinter das nahe verwandtschaftliche Verhältnis. (Worüber noch berichtet wird.)
Das hübsche Geld füllte die Stiftungsspalten auf der Bank. Burn hegte unruhige Gewißheit, heuchelte sich dennoch vor, er wisse nichts, und ließ für den ungenannten Spender beten. Heimlich fürchtete er Entlarvung seines eigenen Gewissens, fürchtete seine innere Auflehnung, dann erst äußere Schmach und Störung, Zerstörung des Werkes, dem er sein Leben in wahrhafter Inbrunst gewidmet hatte. Er war kindlich genug, an Flucht zu denken, um dem Geraune seiner Einbildung und seiner Selbsttäuschung zu entrinnen. Auch sagte er sich einfachen Gemütes, daß man das dunkle Freudengeld heiligen könne und müsse, indem man Ungewöhnlicheres damit zu Gottes Wohlgefallen begleiche: eine Kreuz- und Wallfahrt etwa, mit der die endlich notwendige Inaugenscheinnahme des eigentlichen Zielfeldes seiner Mission zu verbinden sei. Zugleich würde man der heimischen Presse längere Zeit entzogen sein, und vielleicht konnte man einer gänzlichen Übersiedlung der Schwarzen Sonne nach drüben vorarbeiten. Somit faßte er seine Absichten zusammen und machte sich auf eine Reise nach Mittel- und Südafrika.
Einige Schwestern begleiteten ihn und sollten den ersten, versuchsweisen Missionstransport bilden. Er wählte, weise genug, solche Mädchen, die keinerlei nennenswerten Familienanhang in den Staaten besaßen.
Die Kriegsereignisse raubten dem Unternehmen fast jede öffentliche Beachtung, und auch die Rückkehr des großen Verkünders hatte vorerst kein Aufsehen erregt.
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