„Oho!“ sagte Tamp, als er wieder saß, zu seiner Nachbarin. „Hishwa heißt du?“
Sie nickte und warf ihren Blick angeregt umher, während ihm eine Erinnerung dämmerte an das Gespräch zwischen Makler und Reeder im Salon der „Merryland“, das an seiner Empörung, und da es mit seiner Sache nichts zu tun hatte, fast ganz vorbeigeglitten war. Nun verknüpfte er den Rest mit dem, was dieses Mädchen anging.
„Ihr Papa ist gegen die Mission!“ sagte er vorwurfsvoll, und er fühlte in sich, obwohl es gegen den Makler sein sollte, eine gewisse Finsternis betreffs jener Anstalt und ihres Negerdirektors.
„Der ist gegen alles, er hat einen Herzfehler!“ lachte sie sanft zurück.
Da konnte keine Dunkelheit standhalten. Tamp rückte ihr näher. Das war ein Spaß, dieses kleine vornehme Honigfleisch ließ die lieblose Abmusterung fast vergessen. Geradezu hübsch war dieses Kind ja eigentlich nicht, im Gegenteil, noch etwas unentwickelt war es, blaß und überspannt, mit ein wenig schrägen, grünbraunen, schwarzbewimperten Augen, einer spitzlichen Nase und einem Mund, der wohl schmal, aber nicht klein war. Ihre Haut jedoch, obwohl gelblich, sah frisch und gesund aus. Tamp betrachtete sich unverhohlen das sonderbare Geschöpf, das nunmehr, einen Flip mit Bedacht saugend, nachdenklich die tosend laute und dunstende Runde beobachtete. Es war klar, ihr ganzer Ausdruck überstrahlte die Einzelheiten ihres Gesichtes mit Lieblichkeit, ja Lustigkeit, obwohl sie gerade mit gekrausten Brauen und ernsthaft einem jener Seemannstäubchen zusah, die, wie in jedem Hafen der Welt, auch hier in Glanz und Glimmer anzutreffen waren.
„Das ist die Billige Dorschangel, wie sie hier genannt wird, eine Verlorene!“ erklärte der Koch zuvorkommend.
„Gut!“ nickte die kleine Hishwa. „Der Name ist nicht schlecht. Nur sollte sie ihn anders anwenden!“
Sie streifte ihren Babyhut ab. Ihr Haarknoten wölbte sich gelblich und blank wie ein Messingpoller.
„Nein,“ sagte Tamp, „du bist nicht indianisch oder farbig.“
Sie lachte ihn an, nicht ohne Spott: „Wissen Sie das so genau, was Ihre oder meine lieben Ahnen trieben? Oder fühlen Sie sich behindert, ohne aufgeschlagenen Stammbaum einem vernünftigen Mädchen Freundlichkeit entgegenzubringen? Sind Sie etwa ebenso beschränkt wie manche in diesem schönen Lande, welche die Menschen nach der Hautfarbe anstatt nach dem Herzen, der Gesinnung und der Tüchtigkeit beurteilen? Meine Urahne hieß Hishwa, eine Mohikanerfürstin, lange vor der May-flower, sagt meine Mutter. Und die „Maienblüte“? Das war ein Schiff, mit dem die Blaßgesichter kamen, die ersten Yankee doodles, ein Segelboot voll Taugenichtse und Freudenmädchen, die los zu sein, Europa heilfroh war, sagt mein Vater, und das sei eine wissenschaftliche Grundlage, sagt er.“
Tamp war verlegen ob dieser so gelehrt und flüssig geformten Sätze. Er beeilte sich, den Kopf zu schütteln. Seine Ohren waren voll dicken Lärms, und nun drangen diese Bemerkungen wie silberne Nadeln in sein Gehirn.
„Außerdem habe ich wenig geschlafen!“ fügte sie hinzu, nicht ohne sich zu ärgern über ihre eigene eitle Verkleinerung einer soeben gut vertretenen Überzeugung.
Der Koch legte seine breiige Pranke auf ihre blassen Knöchel, noch immer die whiskygurgelnde Dorschangel im Auge. Er mußte schreien, um sich verständlich zu machen, denn soeben spülte ein gröhlender Trupp schon Eingekleideter herein.
„Diese wissen ja nicht, was sie tun!“ hörte Hishwa den dicken Mann sagen. „Sie gehen schlechten Tagen entgegen, vielleicht dem Tode. Dies sollte die Gelegenheit sein der Wiedergeburt. Aber sie ertränken ihre Seligkeit in Schnaps und Gelächter.“
„Diese Dorschangel werde ich mir fischen!“ sagte Hishwa energisch, von Tamps Schulter beengt.
Er legte den Arm um sie. Ihr kleiner Nacken bebte plötzlich unter dem schwarzweißen Kragen. Sein Knie fühlte ihren Schenkel. Sie verbarg die Berührung nicht, wie jede andere es getan haben würde. Sie ergriff vielmehr seine Hand und sagte freimütig: „Fühlen Sie, meine Beine sind hart. Ich nehme es mit jedem Kuhjungen auf. Pferde und Schiffe, das liebe ich und das, was damit zu tun hat. Und Afrika. Und den Himmel.“
In Tamp begann der Ingwersprit zu kreisen. Unversehens küßte er seine Nachbarin auf die Wange. Sie drehte sich ein wenig, sie bog sich zurück, purpurn überschattet, ihr Mund wölbte sich flüchtig und verlangend zu ihm auf. Aber ebenso flüchtig verschwand die holde Anbietung. Tamp war verblüfft über sich selbst und über sie. Es war wirklich nicht gerade üblich, was hier geschehen war, selbst bei Banders nicht. Aber war die Welt nicht anders geworden? Eine heißere, üppigere Luft wehte ringsum. Die Dorschangel hing am Halse eines betrunkenen Kulis, und dort saß der Heizer Swutt und küßte des Teufels leibhaftige Großmutter. Überall ging man in den Krieg und feierte Abschied. Das war es.
Tamp zog wie gewöhnlich, wenn seine Empfindungen arbeiteten, die Tabakspfeife aus der Tasche. Hishwa tippte mit dem Finger auf den geschnitzten Kopf. Ihre Stimme glitzerte. Sie sagte, sie sei beschwipst. Aber der Pfeifenkopf sehe aus wie Josua Burn, und Tamp müsse mit, ihn reden hören. Diesen Abend noch. Der „Ohio“ aus ihrem Munde duftete wie ein junges Frühlingsbeet durch den Kneipenschwalch. Sie hatte schöne Zähne, und sie war prächtig angezogen.
Sie neigte sich zu Hoggard hinüber.
„Sie sind gut und fromm!“ sagte sie milde. Der Koch riß verlegen den speckigen Filz von seinem kahlen Haupte. Aber das Fräulein wandte sich schon wieder an Tamp, unerwartet rasch, wie in manchen ihrer Bewegungen. „Gehen Sie auch an die Front?“ fragte sie. Ihr Blick flog leuchtend über die blutrünstigen Werbeblätter.
„Ich?“ entgegnete der Koch, obwohl er nicht gemeint war. „Ich töte keine Menschen. Mein Amt war ja vielmehr, sie am Leben zu erhalten.“
Er wiegte verzweifelt den massigen Schädel. Vor der aufgesperrten Tür erschollen Posaunenklänge in greller Tonspaltung zur Bumsorgel. Tamp wollte antworten, aber Hoggard hob beschwörend drei Finger. „Seht!“ schmetterte seine Kopfstimme. „Die Heilsarmee! Gott ist noch nicht gestorben!“
„Sie nehmen vielleicht keinen mehr bei der Marine!“ entgegnete nun Tamp, ein wenig verspätet. Sein Satz fiel unter den Tisch. Er zog die Karte des Kommissars aus der Brusttasche und legte sie neben die ungefüllt gebliebene Pfeife. Hishwa schüttelte den Kopf. Sie kenne den Mann nicht. Sie fragte auch nach Tamps Kreuzer und ob er Leutnant sei und versprach, als Hilfsschwester einzutreten, falls er verwundet werde. Aber diesen Abend predige Burn, und Josua Burn müßten sie noch hören, ehe sie in den Tod zögen.
„Ich bin zu alt zum Morden!“ antwortete der Koch.
Tamp ärgerte sich. Es wehte trotz aller schönen Worte eine unbequeme und kühle Zone um dieses Mädchen, das er soeben geküßt und das ihn fast wiedergeküßt hatte.
„Kennen Sie auch den Reeder Smithson?“ fragte er.
Sie nickte und meinte, weswegen—?
„Oh, nichts weiter“, antwortete er, ob es wohl wahr sei, was man so höre, und ob Smithson sich mit Mädchenhandel befasse.
Hishwa sah ihn neugierig an.
„Was ist das?“ fragte sie.
Aber Tamp war es nicht gegeben, sich auf nähere Erklärungen über solch kitzliges Thema einer Dame gegenüber einzulassen. Er brachte es nur zu einer Handbewegung in die Runde, indem er mit leichtem Ton hinwarf: „So mit diesen hier!“
Er erhob sich. Er müsse endlich zur Werbestelle. Wenn sie Lust habe, solle sie hier auf ihn warten, Hoggard werde sie beschützen.
„Gut!“ sagte Hishwa und hielt ihn am Ärmel fest. „Sie gehen drüben am Tisch vorbei. Sagen Sie dieser Dorschangel, ich wolle sie sprechen, und machen Sie ihr hübsche Augen, daß sie auch wirklich herüberkommt. Ich bin doch Schwester bei der Mission, ich muß über alles Aufklärung haben. Aber das sagen Sie ihr bitte nicht!“
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