Burn hatte sich gerade durch Funkmeldung angesagt. Große Plakate, wie er sie beschrieben hatte, lagen längst gedruckt vor bis auf den Zeitpunkt seiner ersten Rede und Versammlung, die sofort am Abend seiner Ankunft stattfinden sollte. Aber eine ganze Reihe der Zöglinge ließ sich trotzdem im ersten und allgemeinen Rausch beurlauben, was ebenso kopflos gewährt wurde, und traten zum Jubel und zur Erleichterung mancher Familie als Hilfsschwestern in den Felddienst. Auch Hishwa war drauf und dran, wenn nicht die bitteren Militärerfahrungen ihres toten Bruders und die aufrichtige Neigung, den Missionar Burn wiederzusehen und unter dessen Leitung die wahre Reife für den schweren Dienst am Wort zu erlangen, sie nicht hätten zögern lassen. Sie wurde innerlich verwirrt und voller Zweifel, was zu tun das Rechte sei. Nach einer mit Pralinen, Büchern, Tränen, schemenhaften Vorsätzen und zwei der süßesten Engelsschülerinnen ihrer Gruppe, die beide am Morgen in den Dienst des Vaterlandes treten wollten, und der kleinen Zofe Moali verbrachten Nacht fuhr sie hinauf nach Bronx in ihr elterliches Haus.
Ohne Vorwürfe, ja voller Zärtlichkeit empfing man sie dort, sie, die in tiefstem Herzen zerknirscht wie der verlorene Sohn und doch nicht wie dieser, sondern mit wertvolleren Erfahrungen, deuchte ihr, sich aufgemacht hatte. Als aber die Mama unter einem Scherze ihr jene kleine schwarze Sonne, das Abzeichen der Mission, vom Aufschlag der Bluse entfernen wollte, widersetzte sie sich und war froh, als ihr Vater, die Schwüle der Stimmung bemerkend, sie einlud, ihn an den Hafen zu begleiten. Er erklärte auch auf ihr vorsichtiges Befragen, den Ankunftssteg des nächsten Afrikadampfers zu wissen. Es sei der nämliche, an dem er zu tun habe. Der Reeder Smithson verkaufe seine ganze Flotte an die Marine, ein blendendes Geschäft, gestern zwei, heute das dritte, beste und letzte.
So also kam Hishwa, noch immer ohne bestimmten Entschluß über ihre nächste Zukunft, an den Liegeplatz der „Merryland“, wo sie auf ihren Vater warten wollte, oder vielmehr auf den Dampfer Burns, und wo sie den Steuermann Tamp zum ersten Male sah.
*
Die Farbe tut
Nicht schlecht noch gut:
Blut ist in jedem rot.
Sie fädelten sich durch das Getöse der Massen. Aus alter lieber Gewohnheit hielten sie, so gut es ging, geradeswegs auf den Salon zum Goldkorn zu, Tamp und der Koch. Und das Fräulein schlenkerte vergnügt zwischen ihnen und hieß Hishwa.
Bei Banders im Goldkorn nun war gewaltiger Betrieb. Alles, was um die Christopher-Fähre herum von Bord gegangen war, und das war nicht wenig, ließ den Anker erstmal für einige Glasen in diesem an den Hafenkanten der ganzen Welt berühmten Schnapsloch fallen. Hier traf man seine Freunde, tauschte sein Garn aus, entwarf seine Pläne und äußerte laut und nachdrücklich seine Meinung über die tolle Lage der durchgedrehten Weltkugel. Man war sich einig, daß einzig und allein Amerika sie wieder ins Lot bringen könne. Die Werbeplakate, auffordernd zum freiwilligen Eintritt in die Marine und in die Armee, marschierten zur Tür herein und verknallten stumm ein unwahrscheinliches Feuerwerk über den wogenden Schwall windverschabter Pfannkuchenmützen. Keiner wollte da zurückstehen, man drängte hinaus, neue Gäste fluteten herein, das nächste Meldeamt war keine Kabellänge stadtaufwärts. Ein Koloß von Trimmer brüllte empor, in Annapolis sei schon alles besetzt, man komme nur noch in die Liste für Sandkarnickel und Grabenwürmer.
Unermüdlich, Tag und Nacht, hackte das Orchester in den Krakehl. Es waren abgedroschene Reißer, manchem, der lange draußen war, dennoch neu. Zuweilen gab es sich wie eine Kirchenorgel. Niemand achtete darauf. Nur der Koch äußerte sich dahin zu Tamp, aber Tamp hatte mehr Aufmerksamkeit für das Mädchen, das plötzlich ganz sanft war und wohl vor Erstaunen nichts zu sagen wußte. Tamp empfand eine große und schöne Rührung. Dieses Fräulein saß da wie eine verlorene Blume und blühte in dieser dampfenden Männerhöhle. Selbstverständlich waren auch noch andere Mädchen da, manch helles Oval, manch geschingelte Locke schwebte dort durch den muffigen Qualm, lachend anvertraut und angelehnt den ehrlichen, aufrechten Seemannshäuten. Die Kellner flutschten wie besudelte Tanzmäuse durch die Labyrinthe, zielsicher glitten ihre Tellerbretter durch das Dschungel der Arme und Köpfe an den beorderten Platz. Die Berge der kostenlosen Butterbrote wurden zu Ebenen abgetragen, die Wirkung der scharfen Feuerwässer ein wenig hinauszögernd.
Der Wirt, ein See-Elefant in Hemdsärmeln, übersah ohne Wimperzucken das brodelnde Geschäft. Seine feuchten Flossen bedienten eine mit vielerlei Glühlämpchen und Klingelzeichen arbeitende Kontrollkasse, die magnetisch die Cent- und Dollarstücke aus den Taschen der Kundschaft zu saugen schien. Banders machte allerdings auch Bankangelegenheiten ohne viel Wesens in Ordnung. Hoggard beispielsweise schickte sogleich seinen Scheck von der „Merryland“ hinüber, nicht ohne Besorgnis. Aber der Kellner schwenkte ihm anstandslos und vollzählig das Eingelöste hin.
Tamp verzog keine Miene. Hoggard konnte ja nicht ahnen, was da im Salon der „Merryland“, als alle schon hinaufgegangen waren, für ein Unrecht ausgeübt worden war. Er stimmte in das Loblied auf den Wirt ein, und dann ging er unter einem Vorwand hin und lieh sich in der Kasse eine Summe. Banders gab sie ihm, ohne überhaupt auf die gemurmelte Erklärung zu achten, Tamp war ihm bekannt und für jede Summe gut, und die Anleihe ging so selbstredend und geschickt vor sich, daß keiner sie zu bemerken brauchte.
Doch plötzlich patschte sich der Wirt auf die rasiert bläuliche Backe.
„Heiliger Zickzack!“ grunzte er. „Wir haben ja Krieg. Was haben Sie als Sicherheit, Herr Leutnant?“
Aber als wäre es ihm selber peinlich, verdeckte er es leichthin damit, daß er aus einem in viele kleine Felder eingeteilten Gestell einen Brief zog und ihn Tamp reichte. Banders verwaltete nämlich nebenbei eine Art seemännischer Postlagerung.
Tamp blickte auf den Brief, sah, daß er von seiner Mutter sei, und riß ihn zögernd auf, im Gewühl hin und her geschoben. Es stand nur kurz darin, daß die Zeiten schlecht seien und daß sie die Farm wohl aufgeben müßten. In Südafrika gebe es jetzt gute Bedingungen, und der Vater träume von Diamantenfunden, er könne die Jugendtorheit von Alaska noch immer nicht vergessen.
Tamp faltete den Brief mit einem Ruck zusammen, er merkte, daß er im Wege stand. Der Gegensatz zwischen einer einsamen Farm und diesem tollen Lokal setzte ihn in dumpfes Erstaunen —, als sähe er es zum ersten Male, sah er voll Neugier, wie hinter Banders auf einer glühenden offenen Herdplatte, einem Halbnigger in Weiß unterstellt, die kleinen Maiskuchen zischten und in Unmengen, begleitet von Fleischspeisen, Salaten und endlosen Getränken, über die Theke den umgekehrten Weg wie die Dollars ihrer Verdauung entgegenwanderten. Geeiste, bittere wie süße Batterien gemischter Gläschen entsandten feurige Ströme in die aneinandergeballten Knäuel abenteuerlicher Gestalten. Tamp fädelte sich zurück, frei sah er um sich. Da ruhten die massigen Schultern einiger Männer von der Cap-Cod-Bay wie Felsblöcke im Gischt. Aus den funkelnden Rüben derer von den Chandeleur-Inseln brachen melodische Flüche. Ungestört ging ein bärtiges Bootsmannspoker seinen Gang. Auch Dänen und Holländer waren da. Mißtrauische Heizer gluckten eingeklemmt auf ihren Seesäcken, der Dunst ihrer öligen Blusen mischte sich mit dem der Transtiefel schwitzend rechnender Fischdampferkapitäne. Das spitze Gekreisch einer gekitzelten Braut ertrank augenblicks in der Hochflut dieser Menschenschleuse. Niemand war da, der sich nicht wohlfühlte. Das Dasein ging hier ohne viel Umstände und Formen vor sich, der Gegensatz zu Back und Logis trat nicht so scheußlich übergangslos in die Erscheinung, hier erst war die eigentliche und gangbare Planke, von der aus das feste Land ohne Hemmung zu betreten war, und zumal in diesen tollen Tagen.
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