»Freie Stunden führen nur zu Mißmut«, meinte ihre Tante, aber eine Stunde Spielen war auch festgelegt.
Sie saß dann auf ihrem Stuhl und beobachtete die Kinder mit schweren Augen unter dem weißen Schleier. Sie schaute ihnen zu, wenn sie mit den Tieren scherzten, auf dem Boden unter den Gobelins tobten, mit Pfeilen auf eine große Scheibe warfen oder die kleinen Heiligenfiguren aus Holz mit Blumen schmückten. Dick und breit, die Hände im Schoß gefaltet, lächelte sie nur, egal was sie anstellten und wie sehr ihre Kleider in Mitleidenschaft gezogen wurden. Es war die Stunde, in der »alles erlaubt war«, und nur wichtige Ratsversammlungen und Reisen hielten sie davon ab, den Kindern zuzuschauen. Ihr Spiel, ihr Herumtollen und ihre kleinen Unfälle waren offenbar ebenso wichtig wie der Lateinunterricht in den eiskalten Morgenstunden.
Während dieser Zeit in Mechelen wurde Christine von vielen Menschen geprägt. Wenn sie nicht von der Tante beaufsichtigt wurde, kümmerte sich die Dienerschaft um sie. In jedem Raum hielten sich Zofen auf, und aus den Fenstern des Unterstocks hörte man das Schwatzen und Lachen von denen, die Essen zubereiteten, die einmachten, pökelten und Fische ausnahmen. Sie hörte die Dienstmägde, die mit der Wäsche beschäftigt waren, Mägde, die aus großen Gefäßen Kerzen zogen, und Stallburschen, die die Pferde striegelten. Die Hofdamen waren schweigsam und würdevoll, während sich die jungen Fräuleins, die sich am Hof aufhielten, um ihre Erziehung zu vervollkommnen, stets plaudernd durch Stuben und Säle bewegten.
Pagen verneigten sich vor Christine, Gouvernanten überwachten ihre Manieren, Lehrer ihre Ausbildung, Hofdamen ihre Kleidung, den Tanz und den Gesang. Aber enger als mit allen anderen Menschen war Christine mit ihrer Schwester verbunden.
Zwischen den beiden bestand nur ein Jahr Altersunterschied. Und weil Dorothea kleiner war, fühlten sie sich wie Zwillinge. Ihr Bruder Hans erhielt gesonderten Unterricht, weil er der Sohn war, der Erbe und außerdem älter. Dorothea zeigte nach außen hin ein heiteres Gemüt, obwohl sie im Grunde sensibel war. Der geringste Anlaß konnte einen Lachanfall bei ihr auslösen. Nachdem die Milchzähne ausgefallen waren und die neuen kamen, die bedauerlicherweise die Form von kleinen Zacken hatten, versuchten sowohl die Tante wie alle Hofdamen, ihr diese hemmungslose Heiterkeit auszutreiben. Sie sollte lernen, sich vorteilhaft zu benehmen, ihrer Umgebung gefällig zu sein, und die Zähne waren nicht das Hübscheste an ihr. Sie versuchte, sich zu beherrschen, und biß sich mit ihren spitzen Zähnen in die Lippe, während der ganze Kopf unter den hellen Locken bebte.
Durch Dorothea wurde Christine die Komik im Leben bewußt, Christine hingegen half ihrer Schwester in Latein, Theologie und Mathematik. Christine hatte eine sehr gute Auffassungsgabe, und sie half ihrer langsameren Schwester mit Verben und Formeln.
Beide Mädchen begeisterten sich gleichermaßen für die Äsopischen Fabeln, aber sie hatten nicht dieselbe Lieblingsheilige. Dorothea schätzte am meisten ihre Namenspatronin, die heilige Dorothea, die so sanft war, und das Rosenwunder, das geschah, als sie für Jesus, ihren Bräutigam, den Märtyrertod starb.
Christine bevorzugte die heilige Birgitta. Zum einen war sie nordisch und sowohl edel wie gerecht, eine Frau vornehmsten Geschlechts, zum anderen wußte sie, was in der großen Welt vorging. Gott zu veranlassen, einen Korb mit duftenden Äpfeln und Rosen im Februar auf die Erde zu schicken, war natürlich hübsch, aber so klug zu sein wie Birgitta, daß man von Herrschern und sogar vom Papst um Rat gefragt wurde, erschien ihr doch begehrenswerter.
Christine und ihre Schwester teilten Freuden und Sünden miteinander. Sie flüsterten sich ihre Geheimnisse zu, wie Dorothea in Abwesenheit der Tante in die Wasserschale des Papageis Rheinwein gegossen hatte, wie Christine mit ihrem Pfeil eine der Heiligenfiguren getroffen oder wie sie während der Messe über einen Mönch gelacht hatten, der so komisch aussah, weil seine Nase voller Warzen war. Sie beichteten es Pater Antonius. Vor ihm fürchteten sie sich nicht besonders. Er sagte nur, wieviele Kerzen sie anzünden sollten, schalt aber nie.
Es gab Menschen im Leben der beiden Schwestern, die sich nur verneigten und ihren Wünschen gerecht zu werden versuchten. Andere aber erfüllten die Mädchen mit Ehrfurcht und Respekt.
An oberster Stelle in ihrem Dasein stand natürlich Gott, zu dem sie morgens und abends beteten. Aber gleich unter ihm, nur ein kleines Stück darunter, war der Kaiser, von dem sie täglich hörten, ihn aber nie gesehen hatten.
Christines Geographiestunden waren besonders interessant, wenn sie auf dem großen Globus all die Länder zeigen durfte, über die der Bruder ihrer Mutter herrschte.
Er war Kaiser des deutsch-römischen Reiches, König von Spanien und Neapel und Herrscher der Niederlande, wo die Tante für ihn regierte. Und außerdem gehörten ihm die neuen Länder jenseits des Meeres, für die man den Globus drehen mußte.
Der Kaiser war gut, fast wie Gott, jedenfalls besser als alle anderen Menschen auf der Welt. Daß seine Macht so groß war und sich bis auf die andere Seite der Erde erstreckte, hing mit den Eltern seiner Mutter zusammen, mit König Ferdinand und Königin Isabella, die Kolumbus losgeschickt hatten, um den Seeweg nach Indien zu finden.
Der Gedanke, daß man früher geglaubt hatte, die Erde sei eine Scheibe, brachte Dorothea zum Lachen.
»Und wo sollte sie dann aufhören? Mit einem Gartenzaun?« Wie die Vorstellung von einer flachen Erde gab es in den vergangenen Tagen viel Komisches. Man wohnte damals wie in dem Palast gegenüber, mit Festungsmauern und ohne fließendes Wasser. Kaum jemand konnte lesen und schreiben, man konnte keine Bücher drucken, sondern schrieb sie mit der Hand, und die Wissenschaftler waren so unwissend, daß die beiden Mädchen über ihre Dummheit kichern mußten.
Ihr Bruder Hans war für Christine etwas ganz Besonderes. Manchmal nahm der Junge seine Schwestern liebevoll in den Arm, scherzte mit ihnen, lachte über das, was sie sagten, er war der ritterliche Beschützer. Er half, wenn es mit dem Lateinischen haperte, und verschwieg ihre kleinen Unfälle und auch das mit dem Papagei, der so besoffen war, daß er nicht richtig sprechen konnte, sondern wie verrückt im Käfig herumflatterte und mit seinen grünen Flügeln gegen die Stangen schlug, ohne daß die Hofdamen wußten warum.
Hans war ihr Freund, ihr Bruder. Sie vertrauten ihm und bewunderten ihn grenzenlos.
In den Geographiestunden hörte Christine auch von den nordischen Ländern. Sie wußte, wo sie lagen, konnte auf dem Globus daraufzeigen, hörte aber nichts von ihrem Vater.
Christine hatte ihn nicht vergessen. Wenn sie im Halbdunkel in der Bibliothek stand und zu seinem Gesicht hinaufschaute, war er für sie so lebendig und leibhaftig wie damals, als sie auf seinem Schoß gesessen, seinen Bart gespürt und den phantastischen Geschichten gelauscht hatte. Es gab Bären in Norwegen und Elche in Schweden, erinnerte sie sich dann, um es an dem Tag zu wissen, an dem er kam und sie heimholte. Ihr schien, als redete sie mit ihm, wenn sie sich in der Bibliothek aufhielt, sie vermeinte seine Stimme zu vernehmen, sein Lachen, seinen Schritt. Und hinterher, wenn sie den Raum verließ, fühlte sie sich gestärkt. Auch wenn er weit weg war – er beschützte sie vor Gefahren. Er war wie ein gewaltiger Felsen, und sie konnte mit den Händen Halt suchen und seine Kraft spüren.
Dorothea liebte den grünen Papagei. Er mußte aus Deutschland stammen, denn er sagte immer »Jawohl, gnädige Frau«, und Französisch war ihm einfach nicht beizubringen.
Ein wenig erfuhren die Schwestern auch über das Leben außerhalb des Palastes. Das meiste erzählte ihnen Johanne, obwohl Johanne ihrer Stellung gemäß nicht mit den königlichen Fräuleins verkehren durfte.
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