Plötzlich war das ganze Schloß ruhig. Die Regentin der Niederlande war angekommen und wünschte eine Unterredung mit König Christian von Dänemark.
In dieser Nacht weinte Christine. Sie weinte richtig, nicht wie bei dem Begräbnis, wo ihr nur Tränen in den Augen gestanden hatten. Sie lag alleine in dem großen Bett hinter dem Vorhang, sie lag da im Dunkeln und wußte auf einmal, daß sie ihre Mutter nie mehr wiedersehen würde. Und ihr wurde klar, wenn man seine Mutter verlieren konnte, so konnte man auch alles andere, was man liebte, verlieren.
Kein Laut war in dem großen Haus zu hören. Durch den Spalt im Vorhang sah sie die Kammerjungfer auf dem Stuhl neben der Tür, und die Flammen des Kamins erhellten den Raum. Christine faltete die Hände und flehte in einem Gebet die Heilige Maria an. Sie bat leise und innig darum, der liebe Gott möge ein bißchen warten, ehe er ihr noch mehr wegnimmt.
Am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang wurden Christine und Dorothea hinunter zu ihrem Vater gebracht. Er lehnte am Kamin, die linke Hand aufgestützt, drehte sich aber nicht um. Hinter ihm saß zwischen vollen Kisten und Truhen eine Frau auf einem Hocker, und die Fackeln waren angezündet. Eine Sekunde lang glaubte Christine, ihre Mama sei trotzdem zurückgekommen und säße hier im Schein der Flammen, dann wandte die Dame ihnen langsam ihr Gesicht zu.
Sie war korpulent, schwarz gekleidet, und ihr Haar war weiß gestärkt.
»Kommt her«, sagte sie gebieterisch, und Christine sah, daß sie denselben Mund wie ihre Mutter hatte, nur größer, wie alles an ihr größer war.
»Laßt euch anschauen«, sagte sie, aber Christine und Dorothea blickten hilfesuchend zum Vater, wußten nicht, ob sie es wagen sollten, hinzugehen.
Der Vater rührte sich nicht. Die Dame sah einen Moment hinüber zu ihm, bis sie ihren Blick wieder auf die Mädchen richtete.
»Ich bin die Tante eurer Mutter und habe mit eurem Vater vereinbart, daß ihr bei mir wohnen werdet, solange er unterwegs ist.«
Christine hörte, daß ihre Schwester zu weinen anfing. Die Dame erhob sich langsam und kam auf sie zu. Christine schaute erschreckt auf, sie hatte Angst vor der Frau und verstand nicht, warum der Vater ihnen den Rücken zukehrte, statt sie zu beschützen.
Die Dame streckte ihre Hand aus, und die Mädchen beugten sich vor und küßten sie. Dann faltete sie die Hände auf dem schwarzen Kleid und sagte: »Ich hatte einmal ein kleines Kind. Es ist gestorben. Ihr hattet eine Mutter, die gestorben ist. Ich werde euch lieben wie meine eigenen Kinder.«
Dorothea hörte auf zu weinen, und Christine blickte die Dame an.
Sie wußte, daß es die gefürchtete Regentin war, die da vor ihr stand. Alles in ihrem Gesicht war schwer. Die Augen und die breite Nase, der Mund mit der dicken Unterlippe, und Christine hatte sich noch nie so allein auf der Welt gefühlt.
Plötzlich drehte sich ihr Vater um.
Er ging langsam zu ihnen, hob sie hoch, jedes auf einen Arm, hielt sie fest und schaute ihnen in die Augen.
»Eure Tante wird euch lieben, es ist sicher am besten so. Vertraut auf Gott und vergeßt nicht die dänische Sprache.«
Die Mädchen antworteten nicht. Die Stimme des Vaters war rauh, und Tränen liefen in die Falten seines Gesichts und verschwanden im Bart. Einen Augenblick blieb er mit ihnen im Arm stehen, ohne etwas zu sagen, dann setzte er sie behutsam ab.
»Ich werde dafür sorgen, daß Prinz Hans hereinkommt«, sagte die Dame, faßte Christine und Dorothea bei der Hand und führte sie hinaus.
Die Sonne schien, aber es war erst Anfang März, die Luft noch kühl und feucht, und Christine war unglücklich, als sie am Palast von Mechelen ankamen. Niemand wußte, wann ihr Vater aus Sachsen zurückkehrte, wann er seine Länder zurückeroberte und den bösen Onkel vertrieb. Sie hatte ihren Vater lieben gelernt, und plötzlich war auch er weg. Die Tante sprach bei der Reise kaum ein Wort, neigte bloß den Kopf ein wenig, wenn Menschen am Straßenrand die Mützen vom Kopf rissen.
Im Innenhof gab es einen langen Gang mit weißen, dünnen Säulen, und in der Ecke bei der großen Treppe standen Diener, Zofen und Stallknechte. Christine wurde rasch abgesetzt.
»Kommt, kommt«, sagte die Tante und faltete ihre Hände, während sie die Kinder antrieb. »Jetzt zeige ich euch das Haus. Zuerst die Bibliothek, denn dort gibt es etwas, das euch gefallen wird.«
Während Diener in Samt und Seide Türen öffneten und schlossen, wurden Christine und ihre Geschwister in einen halbdunklen Raum mit Büchern, Handschriften und Gemälden gebracht. Mit einer weitausholenden Handbewegung deutete ihre Tante auf ein Bild und fragte: »Nun, Christine, wer ist das?«
»Das ist Mama«, antwortete sie mit tränenerstickter Stimme und schaute hinauf.
Ihre Mutter war die schönste Frau, die sie jemals gesehen hatte. Sie trug ein weißes Gewand, mit Perlen am Bund, einer Brosche und geschnürten Ärmeln. Locken fielen um das Gesicht.
»Ja«, sagte ihre Tante. »Und wer ist das, Dorothea?« fragte sie und wandte sich dem anderen Bild zu.
»Papa.« Mehr brachte Dorothea nicht heraus.
»Gut.« Sie legte Hans den Arm um die Schultern. »Eure Mutter ist im Himmel beim lieben Gott und euer Vater auf Reisen. Trotzdem sind sie hier, ihr könnt jederzeit hineingehen und sie anschauen. Und eure Mutter im Himmel und euer Vater auf seinen Reisen freuen sich, wenn sie wissen, daß ihr gehorsame, gottesfürchtige Kinder seid, die ihnen Ehre machen.«
»Ja, Madame«, sagten die Kinder mit winzigen Stimmen.
»Gut.« Die Tante ging schwerfällig durchs Zimmer und blieb stehen.
»Kommt, kommt. Es gibt noch viel mehr zu sehen.«
Sie wurden durch die anderen Räume geführt. Es gab Gobelins mit Motiven von David und Goliath und Jagdszenen und griechischen Sagen, die Kinder sahen Gemälde, große silberne Spiegel, riesige Kronleuchter und schließlich die Tiere.
Zuerst ein italienischer Windhund, und Christine sah ihre Tante lächeln, als sie sich bückte und ihn streichelte. Danach begrüßten sie die Vögel. Es waren Singvögel in großen Käfigen und Kakadus, die aus der Neuen Welt stammten, und schließlich der grüne Papagei. Die Tante erzählte von ihrem ersten Papagei, der gestorben war.
Er hatte drei Sprachen sprechen und auf alles antworten können. Er war sehr alt gewesen, denn er hatte schon bei der Mutter der Tante am burgundischen Hof gelebt. Dieser hier sei freundlich und genauso grün, aber leider nicht ganz so klug.
In Christines Zimmer hatte das Bett einen goldenen Vorhang, es gab Decken anstelle der Plumeaus, die sie gewohnt war, und am Abend kamen zwei Kammerzofen, um zu wachen.
Eine von ihnen schlafe immer ein, erklärte die Tante mit einem kleinen Lächeln.
Als Christine in ihrem Bett lag, war sie nicht mehr so traurig wie bei der Ankunft. Ihre Eltern waren tatsächlich da drinnen auf den Bildern, und sie war davon überzeugt, daß die Tante sie und ihre Geschwister liebte. Trotzdem grübelte sie darüber nach, warum der liebe Gott einen grünen Papagei so lange auf der Erde leben ließ und ihre Mutter so jung sterben mußte. Das konnte Christine nicht begreifen, aber weil sie nach der langen Reise sehr müde war, schlief sie bald ein.
Der Alltag am Mechelner Hof begann. Sobald die Kinder von der Messe kamen, fingen sie mit dem Lateinischen an, dann folgte Französisch, Bibelkunde, Geschichte, Geographie und Mathematik. Sie mußten gutes Benehmen lernen, tanzen und reiten. Ohne Rücksicht auf das Wetter waren sie jeden Tag draußen. »Frische Luft härtet ab«, erklärte ihre Tante und gewährte keine Ausnahme, wenn der Schnee auf ihren Wangen brannte und die Kanäle zufroren.
Für Christine und ihre Geschwister war jede Stunde des Tages fest verplant. Von morgens an hatten sie Aufgaben zu erledigen, bis sie erschöpft und mit roten Wangen abends einschliefen.
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