Mit einer kleinen Schar von italienischen Sekretären und Hofdamen zog sie nach Pavia, um auf neue kaiserliche Befehle zu warten.
Aber noch ein norditalienischer Winter verging, noch ein Frühling und noch ein heißer Sommer, ehe die Anordnung zur Fortsetzung der Reise erfolgte.
Es regnete in Strömen, als Christine am 15. Oktober Pavia verließ, und der Tag brachte einen letzten Abschied. Graf Stampa mußte zurückkehren nach Mailand, er befand sich unter spanischem Kommando, und für Christine war es ein seltsames Gefühl, endgültig von dem Mann Abschied zu nehmen, der vor dem Altar in Lille an ihrer Seite gestanden hatte. Er war der engste Vertraute ihres Mannes und der, der sie in ihren zwei Jahren als Witwe informiert hatte. Sie wußte, welche Hoffnungen er mit ihrem Kommen verknüpft hatte. Sie hatten sich nicht erfüllt. Seine Landsleute hatten ihre Selbständigkeit verloren, und ehe er sich ein letztes Mal verbeugte, meinte sie Wehmut in seinem Blick zu erkennen, das erste und einzige Anzeichen von Gefühl hinter der steifen Fassade.
Mit einer unzureichenden Eskorte erreichte sie den Brenner, wo es zu schneien begann. Der junge Kapitän, der die Verantwortung für ihre Sicherheit trug, war nervös, es fehlte an Sold für die Soldaten, und man mußte mit Räuberbanden rechnen. Pferde und Maultiere wurden angetrieben, und erleichtert hörte sie endlich die Kanonen, die für die Herzogin Salut schossen. Sie hatten österreichisches Gebiet erreicht, wo man Geld für die Weiterreise beschaffen konnte.
Kurz vorher hatten sie zwei Kaufleute aus Genua getroffen. Sie waren von Norden, aus Deutschland gekommen und hatten auf ihrem Weg den Pfalzgrafen und seine Frau, die Prinzessin, mit großem Gefolge unterwegs in Richtung Heidelberg gesehen. Als erste Handlung in Innsbruck schrieb Christine an den Kaiser und ersuchte um Erlaubnis, den Reiseweg so zu legen, daß ein Besuch Dorotheas möglich wurde.
Die Schwestern fielen sich um den Hals. Kichernd erzählte Dorothea von ihrem neuen Leben, von Reisen, von Bergbesteigungen und von weiten Röcken, der neuen Mode. Und Pfalzgraf Friedrich fand gar kein Ende für die Gunstbezeigungen, die er seiner Schwägerin erwies, und die Begeisterung für seine junge Frau, die er vom Kaiser als Lohn für treue Dienste bekommen hatte.
Christine sah, daß ihr Schwager einmal ein schöner Mann gewesen war, doch seine Haut war schlaff, und der goldene Brokat betonte den Umfang seines Bauches. Er verwöhnte seine junge Frau maßlos, steckte die Hand in ihren Ausschnitt und pries mit lautem Getöse die köstlichen Freuden des Ehebettes. Immer wieder erzählte er von der Neujahrsnacht, als sein Bote aus Spanien mit der Nachricht zurückgekommen war und aus vollem Halse gerufen hatte: »Ich bringe meinem Herrn eine königliche Braut von Kaisers Gnaden und mit großzügiger Mitgift.«
So vergingen die Tage in diesem November in Heidelberg, und Christine begriff allmählich, so zufrieden Friedrich auch mit seiner Dorothea war, so bestand die Gnade des Kaisers nur aus leeren Versprechungen, und die Mitgift, den dänischen Thron, durfte er sich selbst holen.
Es sollte gefeiert werden. Christine würde über Weihnachten bleiben, nichts war gut genug, schön genug, teuer genug – Geld war etwas, das man sich leihen konnte. Die Reiche des Nordens gab es nach wie vor, dieser Herzog Christian, der sich König nannte, saß nur locker im Sattel. Es war nur eine Frage der Zeit, dann würden Friedrich und Dorothea König und Königin von Dänemark sein, und ein weiteres üppiges Bankett würde zu Ehren von Christine abgehalten werden.
Aber sie mußte weiter. Sie wurde zum Aufbruch gemahnt, ihre Tante erwartete sie in Brüssel.
Am letzten Tag war Christine endlich allein mit ihrer Schwester. Dorothea erzählte, wie unglaublich glücklich sie in ihrer Ehe sei, und sie lachte und lachte, biß sich aber nicht mehr mit den spitzen Zähnen auf die Lippe, um sich zu beherrschen. Die tiefe Vertrautheit, die einmal zwischen den Schwestern geherrscht hatte, war verschwunden. Es gab Dinge, die nicht ausgesprochen wurden.
Als der Abschied kam, vergoß Dorothea keine Tränen wie seinerzeit in Brüssel. Sie stand nur still neben ihrem ältlichen Ehemann, dessen Bauch wie eine blanke, gelbe Sonne vorstand, und ihr Gesicht war merkwürdig blaß unter ihrem hellen, gekräuselten Haar. Fackeln erleuchteten an diesem frühen Morgen den Schnee um das kurfürstliche Schloß und ließen Dorothea trotz ihrer weiten Röcke noch zerbrechlicher erscheinen.
Von Heidelberg ging die Reise zuerst den Rhein abwärts bis Köln. Von dort nahm man den Landweg über Aachen, Kleve und Maastricht.
Am 18. Dezember 1537 stand die Regentin, umgeben von ihrem Hofstaat und sämtlichen ausländischen Gesandten, in winterlicher Kälte bereit, die Herzogin von Mailand zu empfangen, die mit ihrem Gefolge in den Palast zu Brüssel einzog.
Christine war zurückgekehrt.
Niederlande
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