1 ...6 7 8 10 11 12 ...18 Langsam begann sie, ihn mit anderen Augen zu betrachten. Es war kein Wunder, dass ihm scharenweise die Frauen zu Füßen lagen. Seine kräftige Gestalt harmonierte in idealer Weise mit den schönen, wenngleich auch etwas zu harten Gesichtszügen. Unbewusst kämpfte die Witwe Crescals gegen eine langsam einsetzende Schwäche an. Umgekehrt konnte sich auch Lunalto dem Reiz ihrer Erscheinung nicht völlig entziehen. Kataraxas hatte ihn ausführlich über die Gefangene aufgeklärt. Nun verstand der Hafenmeister auch, weshalb selbst junge Männer der Ausstrahlung dieser reifen Frau verfielen.
„Warum glauben Sie, dass ich Ihnen helfe, obgleich Sie mir das hier antun?“, fragte Tornantha und deutete mit einer entsprechenden Geste an, dass sie ihre Nacktheit meinte. Die Angriffslust war jedoch bereits weitgehend aus ihrer Stimme verschwunden.
„Sie sind eine außergewöhnlich schöne Frau“, schmeichelte Lunalto. „Es wäre eine Schande, diese Schönheit zu verhüllen.“ Nach einer kurzen Pause ergänzte er: „Ich will jedoch ehrlich zu Ihnen sein. Ein wichtiges Druckmittel ist das Schiff, mit dem Sie gereist sind, und das ich jederzeit mitsamt der Besatzung vernichten könnte. Außerdem haben wir die seltsame Ladung, die Sie transportiert haben. Ich nehme an, Sie wollen nicht, dass Ihren Leuten oder der Ladung etwas zustößt.“
„Und was wollen Sie?“, erkundigte sich Tornantha, der nun immer klarer wurde, dass sie sich völlig in der Hand des Hafenmeisters befand.
„Kommen Sie!“, forderte er sie auf und trat zu einem großen Fenster, von dem aus man einen Teil der riesigen Festungsanlage, die beiden Häfen und die westlichen Bezirke der Hafenstadt überblicken konnte. Wegen des klaren Wetters hatte man sogar freie Sicht über die Meerenge bis zu der großen Insel Ludoi. Es war ein herrliches Bild, voller landschaftlicher Schönheiten und beeindruckender Gebäude.
„Möchten Sie dazu beitragen, dass dies alles erhalten bleibt oder dass es zerstört wird?“, forschte Lunalto. Tornantha sah ihn fragend an, worauf er erklärte: „Ich weiß aus einer sicheren Quelle, dass eine Gruppe monströser Dämonen entfesselt wurde, um wesentliche Teile des Kontinents zu vernichten. Sie werden weder vor Obesien noch vor Sindra haltmachen. Wir brauchen eine mächtige Allianz, wenn wir das alles überstehen wollen. Nord-Obesien muss sich wieder mit dem Süden und mit uns verbünden. Sie sind die Einzige, die das bewerkstelligen kann.“
„Dann werde ich aber nach Modonos zurückkehren müssen“, hielt ihm die unbekleidete Witwe vor.
„Das sollen Sie auch“, bestätigte Lunalto. „Ich werde Ihnen sogar einen mächtigen Beschützer mitgeben, der Sie sicher in Ihr Land geleiten wird. Er heißt Kataraxas und weiß über die Monstren Bescheid, die als die „Gilde der Seelenlosen“ bezeichnet werden. Kataraxas wird Ihnen dabei helfen, die Allianz zu schmieden, die uns allen das Überleben sichern soll.“
Tornantha brauchte nicht lange nachzudenken. Der Ovaria durfte nichts geschehen. Und sie selbst konnte in Modonos mehr bewirken als in Sindra.
„Ich bin einverstanden“, stimmte sie zu.
„Gut!“, freute sich der Hafenmeister. „Dann werden wir jetzt unseren Pakt entsprechend dem alten Brauch der Hochkönige besiegeln.“ Er trat zu Tornantha, ergriff sie am Oberarm und führte sie zu einer Sitzgruppe in der Raumecke. Auf dem Tisch lag ein schwarzes Tuch. Lunalto faltete es zu einem handbreiten Streifen zusammen und schlang es der Obesierin über die Augen. Scheinbar willenlos ließ sie ihn gewähren. Ihm Widerstand zu leisten, wäre zwecklos gewesen. Vor allem war sie aber äußerst gespannt, was nun folgen würde.
Lunalto zwang sie, sich auf die Sitzfläche eines Sessels zu knien. Dann beugte er ihren Oberkörper nach vorn. Allmählich begriff Tornantha, was ihr bevorstand. Weil sie jedoch nur die halbe Wahrheit ahnte, leistete sie weiterhin keinen Widerstand. Das schwarze Tuch half ihr dabei, das Bild des muskulösen Körpers und des ausdrucksstarken Gesichts vor ihrem inneren Auge zu bewahren. Die alten Hochkönige hatten es verstanden, auch die feinsten Saiten der Vorstellungskraft zum Klingen zu bringen. Als Lunalto die Schenkel Tornanthas leicht auseinanderschob und sie zwischen den Beinen befühlte, stellte er fest, dass sie leicht zitterte und feucht geworden war.
Dann trat er lautlos drei Schritte zurück. Wie aus dem Nichts tauchte neben ihm eine große, hagere Gestalt auf. Inzwischen wusste der Hafenmeister, wie sie in den Raum gelangen konnte. Die offene Geheimtür in der Wandvertäfelung war nicht zu übersehen.
Mit wenigen schnellen, panthergleichen Schritten trat Kataraxas hinter Tornantha. Sein silbernes Gewand fiel geräuschlos zu Boden. Mit seinem hoch aufgerichteten, harten Glied drang er tief in die Witwe Crescals ein. Lustvoll stöhnte sie auf. Vor ihrem inneren Auge stand immer noch das Bild des kräftigen Hafenmeisters mit dem jugendhaften Gesicht. Vor dem inneren Auge des ehemaligen Gruftwächters zeichnete sich dagegen ein völlig anderes Wunschbild ab: ein kleines Wesen, das eine neue Dynastie begründen sollte.
*
Verwundert beobachtete der hochbetagte Mann den gänzlich in schwarz gekleideten Reiter, der sich ihm näherte. Längst fühlte er sich bereits viel zu alt, um Todesangst zu empfinden. Dennoch beschlich ihn ein leiser Schauder. Sowohl in den Augen des Reiters wie in den Augen seines pechschwarzen Pferdes schienen Flammen zu lodern. Der Fremde mit den langen, glänzenden Haaren trug über der Hose lediglich ein dünnes Hemd, das angesichts der bitterkalten Temperaturen im Spätherbst Gatyas völlig unpassend wirkte.
Der alte Mann fröstelte nun noch mehr und zog seinen ausgefransten Fellumhang enger um den Körper. Für kurze Zeit wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem riesigen Eisbaum zu, dessen Blätter in unterschiedlichen Rotschattierungen vom Herannahen des Winters kündeten. Der seltsame Reiter schien den Baum nicht zu beachten. Er hielt genau auf den alten Mann zu. Sein bleiches Gesicht blieb völlig ausdruckslos, und kein Wort kam über seine schmalen, zusammengepressten Lippen, als er unmittelbar vor dem Alten sein Pferd zum Stehen brachte. Er schwang sich aus dem Sattel und legte die wenigen Schritte bis zu dem einsamen Gatyer ohne Hast zurück. Seine Augen flackerten unruhig, gerade so, als ob das Feuer in ihnen den alten Mann verzehren wollte. Der aber stand völlig unbewegt, obgleich er das herannahende Unheil körperlich spürte. Was hätte er auch schon dagegen tun können?
Völlig übergangslos lag ein schwerer Streitkolben in der Hand des Fremden. Der greise Gatyer wunderte sich, wo die klobige Waffe plötzlich hergekommen und wie sie in die Hand des Schwarzgekleideten gelangt war. Es wirkte fast wie Zauberei. Seine Gedanken wurden jäh beendet. Der Hammer sauste herab und zermalmte den Schädel des alten Mannes.
Völlig ungerührt drehte sich der schwarzgekleidete Fremde um und schritt zu dem Eisbaum. Der Streitkolben in seiner Hand verformte sich zu einer Schaufel. In der Nähe des Baumstamms begann er, die Erde aufzugraben. In einer Tiefe von zwei Metern stieß er auf einen kleinen, grauen Stein.
Im schwachen Licht der herbstlichen Sonne des Nordens glitzerten winzige Einschlüsse, die sich über die gesamte Oberfläche des Steins erstreckten und wie der Sternenhimmel an einem grauen Firmament anmuteten. Der schwarzhaarige Mann schob den Stein in den Mund und verschluckte ihn. Fast zwanzig Minuten lang stand er wie eine leblose Statue unter dem Eisbaum von Orondinur. Gelegentlich schwebten einige vertrocknete Blätter zu Boden, die ersten Vorboten des kommenden Winters. Der stumme Mann nahm sie genauso wenig wahr wie die zwölf Reiter, die zuerst am Horizont erschienen und sich nun bis auf Rufweite annäherten.
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