Larradanas eigener Fehler wog aber noch viel schwerer. Nun rächte sich ihre Unbekümmertheit. Sie hielt es immer noch für richtig, dass sie Dorothon nicht getötet hatte. Aber seine Söhne hätte sie nicht verschonen dürfen! Es stand außer Frage, dass einer der Bewacher der Gruft den Weißen Mann aus seinem Gefängnis befreit hatte. Und sie wusste auch, was dies bedeutete.
„Schredostes zu retten war einfach“, sagte sie und ergriff beide Hände des Hochkönigs. „Ich werde alles tun, um auch dich zu retten. Aber voraussichtlich werde ich dieses Mal scheitern. Bitte vergib mir!“
„Lasst uns die Dunsteine suchen!“, verlangte Baron Schaddoch in der Hoffnung, dass wichtige Aufgaben manchmal das beste Mittel sind, um trübselige Gedanken zu verscheuchen.
*
Einst gehörte er einer unbesiegbaren Kriegerkaste an. Er konnte sich schneller bewegen als das menschliche Auge zu sehen vermochte. Die eisigen Winter des Nordens hatten ihn noch stärker gemacht. Auch die Kälte konnte ihm inzwischen nichts mehr anhaben. Aber nun sah er sich einem Gegner gegenüber, gegen den all seine Fähigkeiten versagten. Schützend stellte er sich vor die zierliche Frau, die ihn schon längst nicht mehr nur als Leibwächter betrachtete, sondern als Freund. Schmerzlich wurde ihm bewusst, dass er nichts gegen den Mann ausrichten konnte, der auf rätselhafte Weise die verschlossene Tür geöffnet hatte.
Als der Fremde über die Schwelle trat, musste er sich ducken, um nicht mit dem Kopf gegen den Türsturz zu stoßen. Anschließend richtete er sich wieder zu seiner vollen Größe auf. Obgleich er statt seines Jahrtausende alten Gewandes und der silbernen Mitra einen Mantel aus Bärenfell und eine Pelzmütze trug, konnte er den Pylax nicht über seine wahre Herkunft täuschen. Seine Größe, die gelben Augen und die sensenartige Waffe in seiner Rechten verrieten ihn.
„Gegen ihn kann ich Euch nicht schützen, Herrin“, flüsterte Argo a Narga. „Ihr müsst Eure Gabe einsetzen.“ Der Fremde breitete die Arme aus, um den Pylax und die Frau zu beschwichtigen. Angesichts der Salastra in seiner Hand wirkte diese Geste jedoch eher bedrohlich.
„Dazu besteht kein Anlass.“ Die Stimme hörte sich an wie ein hartes Sägeblatt, das weicheres Metall durchtrennt. „Ich bin hier, um Euch zu helfen.“
Duotora schob sich an Argo a Narga vorbei.
„Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?“, verlangte sie zu wissen.
„Mein Name ist Truchulzk“, antwortete der Bewacher der Gruft mit seiner misstönenden Stimme. „Ich möchte Euch nach Hause bringen. Nur dort seid Ihr und der künftige Hochkönig vorläufig in Sicherheit.“
„Mein Zuhause ist hier“, stellte die Eisgräfin klar. „Mein Sohn wird nie Hochkönig von Sindra sein. Ich habe zugunsten von Yxistradojn auf den Thron verzichtet, und diese Entscheidung war richtig und endgültig.“
Truchulzk schüttelte energisch den Kopf und widersprach: „Es sind Dinge geschehen, die alle einmal getroffenen Entscheidungen in Frage stellen. Eine Walze der Zerstörung wurde ausgelöst. Die Gilde der Seelenlosen ist ausgezogen, um das Geflecht der alten Wesenheiten vom Angesicht der Erde zu tilgen. Diese Bedrohung betrifft auch Euren Eisbaum und mich. Auch wir sind Teil des Geflechts der alten Wesenheiten. Der Eisbaum wird bereits in den nächsten Stunden vernichtet werden.“ Plötzlich beugte der Bewacher der Gruft sein Knie und senkte demütig seinen Kopf. Diese Zeichen der Unterwürfigkeit galten jedoch nicht Duotora, sondern einem kleinen Knaben, der unbemerkt das Zimmer betreten hatte und Truchulzk neugierig ansah.
„Eure Hohe Majestät“, kreischte die Stimme des Bewachers. „Ich werde Euch mit meinem Leben beschützen.“
„Steht auf!“, verlangte Duotora unwirsch. „Valkon ist noch ein Knabe. Wir sind hier nicht in Sindra.“
Der Bewacher der Gruft erhob sich.
„Wieso seid Ihr sicher, dass der Eisbaum von Orondinur bedroht wird?“, erkundigte sich die Eisgräfin.
„Das Geflecht der alten Wesenheiten verfügt über Möglichkeiten der Verständigung, von denen die Sterblichen nichts ahnen“, entgegnete Truchulzk. „Ihr müsst so schnell wie möglich nach Sindra fliehen.“
„Ich werde meinen Baum nicht im Stich lassen“, entschied die Eisgräfin und wandte sich an den Pylax: „Hole die Schutzgarde von Orondinur! Wir treffen uns am Standort des Baumes.“
„Gegen die Gilde der Seelenlosen seid Ihr machtlos“, beschwor der Bewacher der Gruft die zierliche Gatyerin. „Auch der „vernichtende Blick“ wird Euch nichts nützen.“
„Meine Entscheidung ist gefallen“, beharrte Duotora.
„Dann lasst mich wenigstens hierbleiben, um den künftigen Hochkönig zu beschützen“, bat Truchulzk.
Die Eisgräfin warf ihm einen zornigen Blick zu.
Anscheinend wollte der Fremde nicht begreifen, dass sie entschlossen war, ihren Sohn mit allen Mitteln aus den Machtspielen, um den Thron von Sindra herauszuhalten. Andererseits empfand sie eine gewisse Beruhigung bei der Vorstellung, dass der hünenhafte Mann mit seiner schrecklichen Waffe und seinen geheimnisvollen Fähigkeiten während ihrer Abwesenheit ihren Sohn behüten würde.
*
Lunalto trug lediglich einen Lendenschurz. Seine gebräunte Haut hatte er mit Öl eingerieben, sodass sein muskulöser Körper glänzte. Auf diese Weise hatte er im Wald bei Yacudac jahrelang überlebt. Aber das war heute nicht der Grund für seine Aufmachung. Gespannt sah er zur Tür, die gerade von zwei Leibgardisten geöffnet wurde. Sie schoben eine völlig unbekleidete Frau vor sich her und gaben ihr einen leichten Schubs. Während die Frau in den Raum taumelte, verschlossen die Gardisten von außen die Tür.
„Willkommen in Dukhul!“, begrüßte der Hafenmeister die Frau, wobei ein anzügliches Lächeln auf seinen Lippen erschien.
„Diese Behandlung verstößt gegen jegliche Regeln“, schimpfte die Frau. „Dafür werden Sie sich verantworten müssen!“
„Sie irren gleich mehrfach“, widersprach Lunalto. „Niemand hat die Macht, mich zur Rechenschaft zu ziehen. Aber Sie werden sich verantworten müssen, denn Sie haben in schwerwiegender Weise gegen die Gesetze Sindras verstoßen. Jeder Fremde, der durch die Straße von Ludoi segeln will, braucht die Erlaubnis des Hafenmeisters von Dukhul. Und dass Sie hier nackt vor mir stehen, entspricht den uralten Gebräuchen unserer Dynastie. Personen, die als Feinde Sindras gelten, müssen unbekleidet vor dem Hochkönig erscheinen, damit bewaffnete Anschläge ausgeschlossen werden können. Und überdies …“ Erneut schlich sich ein süffisantes Lächeln auf seine Lippen. „… spüren Frauen auf diese Weise am besten ihre Hilflosigkeit. Das macht sie gehorsamer.“
Tornantha schäumte vor Wut und hätte sich am liebsten sofort auf den Hafenmeister gestürzt und mit den Fäusten auf ihn eingeschlagen. Seine straffen Muskeln verdeutlichten ihr jedoch, dass dies ein vergebliches Unterfangen gewesen wäre, bei dem sie den Kürzeren gezogen hätte. Daher keifte sie nur: „Sie sind nicht der Hochkönig!“
„Noch nicht“, gestand Lunalto ruhig mit unbewegtem Gesicht zu. „Aber bald. Und zwar dank Ihrer Hilfe.“
Tornanthas Menschenkenntnis sagte ihr, dass das Selbstbewusstsein des Hafenmeisters nicht von ungefähr kam. Er schien überzeugt von seiner Ankündigung. Und dafür musste es einen Grund geben.
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