1 ...7 8 9 11 12 13 ...18 Das Feuer in den Augen des Fremden erlosch. Unversehens verspürte er Kälte. Etwas benommen ging er mit unsicheren Schritten zu dem erschlagenen Mann, dessen zertrümmerter Schädel den Boden in seiner unmittelbaren Umgebung mit Blut getränkt hatte. Er legte den Spaten zur Seite, wickelte die Leiche aus dem Fellmantel und zog sich den Mantel über. Danach ergriff er wieder den Spaten. Beim Aufstehen blickte er in ein Gesicht, das anscheinend aus dem Nichts aufgetaucht war.
„Du hast einen wehrlosen, alten Mann umgebracht“, lautete der Vorwurf. „Warum hast du das getan?“
Den Fremden überkam der Eindruck, aus einer geordneten, analytischen Welt herausgerissen zu werden. Die Aufgaben, die er zu erledigen hatte, lagen allerdings immer noch klar vor ihm. An seinem folgerichtigen Denken hatte sich nichts verändert. Aber plötzlich war da noch etwas anderes, ein verworrener Wust von Empfindungen, wo zuvor nur Leere geherrscht hatte. Er beschloss kurzerhand, dieses Chaos einfach außer Acht zu lassen.
Blitzartig ordnete er seine Kenntnisse. Die dunklen Augen, die gebogene Nase und die kurzen, schwarzen Haare verrieten ihm, dass es sich bei seinem Gegenüber um einen Pylax handelte, einen gefährlichen Krieger, der über einen außergewöhnlich schnellen Bewegungsablauf verfügte. Im gleichen Augenblick gewahrte er auch die Frau und die zehn weiteren Reiter. Sie hatten grüne Augen – Gatyer. Ohne dass ihm dies wirklich klar zu Bewusstsein kam, hatte er bereits die Vorgehensweise festgelegt: Der Pylax war am gefährlichsten. Er musste zuerst ausgeschaltet werden, dann die zehn bewaffneten Reiter und zuletzt die zierliche, harmlose Frau.
Der immer noch in seiner Hand liegende Spaten verwandelte sich in ein kurzes Rohr mit einigen sonderbaren, leuchtenden Ausbuchtungen.
Argo a Narga starrte in die Mündung des aus dem Spaten entstandenen Rohrs. Geistesgegenwärtig warf er sich zur Seite. Ein Lichtbündel zuckte auf und hinterließ ein hässliches, rundes Loch mit verkohlten Rändern in der Schulter des Pylax. Während er zu Boden stürzte, flammte die Waffe erneut in schneller Folge auf und erfasste mit tödlicher Präzision einen der Reiter nach dem anderen.
Dann geschah etwas Unvorhergesehenes.
Duotora hatte zunächst nicht begriffen, was vor ihren Augen ablief. Ein völlig in schwarz gekleideter Mann verharrte während ihrer Annäherung bewegungslos wie ein Standbild nahe dem Stamm des Eisbaums von Orondinur. Dann lief er mit einer Schaufel in der Hand wie ein Traumwandler zu einem leblosen Körper, der einige Meter abseits am Boden lag.
Für die Eisgräfin hatte es zunächst den Anschein, als ob ein in Trauer versunkener Mensch einen geliebten Toten bestatten wollte. Argo a Narga hatte sich dagegen nicht von Mutmaßungen leiten lassen. Ihm klangen immer noch die warnenden Worte des Bewachers der Gruft im Ohr nach. Er stürmte sofort zu der Stelle, wo der Tote am Boden lag. Duotora konnte die Worte des Pylax nicht hören. Dann warf sich Argo a Narga zur Seite. Aus einem seltsamen Gerät in der Hand des Fremden blitzten Lichtstrahlen auf. Die Schaufel war verschwunden. Erst als weitere Blitze aufzuckten, und die Stadtgardisten aus Orondinur von ihren Pferden stürzten, begriff die Eisgräfin, dass der Fremde eine ihr völlig unbekannte Waffe betätigte.
Die Mündung dieser Waffe zeigte nun auf Duotora. Der Lichtstrahl, der sich daraus löste, wurde jedoch in einer zuerst wabernden, dann grell aufleuchtenden Blase erstickt. Duotora hatte den „vernichtenden Blick“ zur gleichen Zeit eingesetzt, als der Fremde den Abzug seiner Waffe erneut betätigte. Ein heftiger Schreck durchzuckte den Schwarzgekleideten. Die Waffe in seiner Hand zerfiel plötzlich zu Staub. Aber letztlich war es nicht dieser Vorgang, der ihn sekundenlang lähmte. Das Gefühl des Erschreckens selbst hatte ihn überwältigt, denn er hatte noch nie zuvor irgendetwas empfunden.
Ein nicht minder großer Schock fuhr der Eisgräfin in die Glieder. Ihre besondere Gabe hatte zwar die Waffe des Fremden zerstört; an ihm selbst perlten die Wellen des „vernichtenden Blicks“ dagegen wie Wasser ab. Dass Duotoras gesamtes Leben wie dasjenige aller anderen Menschen von einer Abfolge aus vertrauten Gefühlen begleitet wurde, zu denen auch das Erschrecken gehörte, verschaffte ihr den entscheidenden Vorsprung. Noch im gleichen Augenblick hatte sie verstanden, dass den Fremden etwas umgab, das sie auch mit dem „vernichtenden Blick“ nicht zu zerstören vermochte.
Während der Schwarzhaarige die von ihm fälschlicherweise als harmlos eingestufte Frau noch betroffen anstarrte, wendete die Eisgräfin bereits ihr Pferd ab und stob davon. Der Fremde sah sich demgegenüber nicht zu einer sinnvollen Reaktion imstande. Zuerst musste er den logischen Grund für seine Fehleinschätzung finden und daraus das weitere Vorgehen ableiten.
Von einer Anhöhe in einer knappen Meile Entfernung beobachtete ein einsamer Reiter den Ablauf der Geschehnisse. Zerknirscht musste er sich eingestehen, dass er zu spät gekommen war, um das Verderben noch aufhalten zu können. Unschlüssig wartete er ab.
Der Fremde mit dem bleichen Gesicht und den schwarzen Haaren hob langsam den Kopf. Er hatte nun Klarheit. Die zierliche Frau musste eine Eisgräfin sein. Damit gehörte sie als eine Helferin des Geflechts der alten Wesenheiten zu den Personen, die es zu beseitigen galt. Er hielt Ausschau nach seinem Pferd. In diesem Moment blendete ihn ein kurzer Lichtreflex von der entfernten Anhöhe. Der Blick des Fremden fiel auf die Kuppe, und er erspähte den Reiter, dessen goldene Rüstung weithin sichtbar in der Sonne schimmerte. Der goldene Ritter bemerkte, dass er entdeckt worden war. Hastig ritt er nach Osten davon.
Die Denkabläufe des Schwarzhaarigen gerieten erneut ins Stocken. Den Ritter mit der goldenen Rüstung durfte es auf dieser Welt nicht mehr geben! Wieso standen seine Beobachtungen im Gegensatz zu den unumstößlichen Tatsachen? Mit ungewohnter Verzögerung entschied er, diesem unerklärbaren Phänomen auf den Grund zu gehen. Die Beseitigung der Eisgräfin konnte warten. Der Eisbaum von Orondinur war dem Tod geweiht. Dadurch würde die ehemalige Königin zweier Länder sowieso ihre besondere Fähigkeit verlieren. Sie stellte keine Bedrohung mehr dar.
Das Schicksal des schwer verwundeten Pylax kümmerte den bleichen Mann nicht. Mit neu erwachtem Elan nahm er die Verfolgung des Ritters mit der goldenen Rüstung auf. Während auch er im Osten verschwand, brach Duotora zornig ihre Flucht ab und kehrte an den Ort des Geschehens zurück.
Seit ihrer Reise von Sindra nach Oot vor vielen Jahren stand Argo a Narga schützend an ihrer Seite. Und jetzt, da er ein einziges Mal ihre Hilfe benötigt hätte, war sie geflohen. Dass sie einem offenbar übermächtigen Gegner gegenübergestanden hatte, entschuldigte Duotoras Verhalten in ihren eigenen Augen nicht.
Die Umgebung des sterbenden Eisbaums wirkte verlassen. Elf Leichen lagen verstreut umher, ferner ein schwerverletzter Pylax. Den elf Toten konnte niemand mehr helfen, wohl aber dem Krieger aus Zitaxon mit der rätselhaften Brandwunde.
Kapitel 2 – Die Mitteilung des letzten Überlebenden
Jalbik Gisildawain sah sich gehetzt um.
„Fürs Erste sind wir den Häschern des Hafenmeisters entkommen“, beruhigte ihn Stilpin.
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