Rupert hatte sich in einiger Entfernung von dem Hause in eine Bodensenke gelegt und die Augen geschlossen. Vor sich sah er wie greifbar deutlich ein stolzes, süsses Mädchenantlitz mit wehendem, goldbraunem Haar, einem herben, unerweckten Munde, Augen klar und rein wie die blaue nordische See. Ein leichtes Räderschlürfen auf weichem Sande riss ihn aus seinen Träumereien. Er richtete sich auf den Ellenbogen auf. Sein Herz tat einen heissen, glücklichen Schlag — dort kam ein kleiner Jagdwagen — gelenkt von einem schlanken Mädchen in einfachem lichtblauen Leinenkleidchen. Vor der Tür hielt der Wagen, das Mädchen sprang leichtfüssig hinab und schlug die Zügel des Pferdes um den Holunderbaum vor dem Hause. Die junge Frau von vorhin kam eilig heraus — hinter ihr rannte Malte, so schnell er auf seinen kleinen dicken Beinchen konnte. — „Guten Tag, Stine“, hörte Rupert Elke Hilversen mit ihrer tiefen, reinen Stimme sagen, „guten Tag, mein kleiner Malte; nehmen Sie doch die Pakete vom Wagen, Stine, ich habe Ihnen und dem kleinen Wildfang vom Gut einiges mitgebracht.“ Nun wurde es still — die drei schienen in dem Häuschen verschwunden zu sein. — Vorsichtig kam Rupert aus der Bodensenke hervor. Eilig schrieb er ein paar Worte auf einen Zettel, schlich zu dem Wagen, legte zwei Zeichenblätter und den Zettel vorsichtig in den Fond des Wagens und schritt dann schnell aus dem Dorfe heraus, der hohen Düne zu, die sich eine Viertelstunde entfernt am Uferrande aus dem Flachland emporhob. Wenige Minuten später kam Elke, begleitet von der jungen Fischersfrau und dem kleinen Malte, heraus. — Nach herzlicher Begrüssung bestieg sie den Vordersitz des Wagens und fuhr davon. Der Weg wurde, je näher sie dem Dorfe kam, holpriger. Besorgt sah Elke sich nach den Paketen um, die im Fond des Wagens verstaut waren. Da stutzte sie — was war denn das für ein sorglich eingewickeltes flaches Etwas, das kannte sie doch nicht? Sollte der Krämer etwas verwechselt haben? Sie hielt an, um nachzusehen. Da errötete sie jäh, vor ihr lag ein Zeichenblatt, aus dem ihr eigenes Gesicht ihr entgegenblickte. Das war sie, wie sie lebte, ihre Nase, ihr Mund, ihr Haar und ihre Augen — nur dass der Unbekannte, der es gemacht, sie viel schöner gesehen, als sie sich in ihrer Bescheidenheit jemals glaubte. Wer konnte das sein, der ihr Wesen so liebevoll verschönt von diesem Papier widerstrahlen liess?! Darunter lag aber noch ein Blatt — und als sie es mit zitternden Händen ergriff, lächelte sie Maltes rundes, süsses Kindergesichtchen wie lebend an. Am Rande der Zeichnung hing ein kleiner Zettel: „Mein sehr verehrtes, gnädiges Fräulein, ich bitte Sie, diese Bilder als kleine Erinnerung anzunehmen an den Tag, der uns bei der Rettung des kleinen Malte zusammenführte. Ich habe seither, während ich krank lag, immer an jene Stunden denken müssen, die trotz ihrer Schrecken für mich das grösste Erlebnis meines Daseins sind. Ich wage nicht, mich Ihnen zu nähern, es sei denn, dass Sie es mir gestatten. Wenn ich Ihnen mit den Bildern eine kleine Freude bereiten könnte, wäre ich glücklich. Und noch glücklicher, wenn ich diese Gewissheit und die Zuversicht, dass es Ihnen gut geht, aus Ihrem Munde empfangen dürfte. Ich bin heute zur Arbeit an der hohen Düne und warte den ganzen Tag. Rupert Sartorius.“ Mit glühenden Wangen sah Elke auf diese beiden Bilder von Künstlerhand. Denn dass nur die Hand eines begnadeten Künstlers in diese wenigen Linien das ganze Sein einfangen konnte, das erkannte sie auf den ersten Blick. Und nun blickte sie nochmals auf die energischen Schriftzüge des Briefes. „Rupert Sartorius?“ Hiess nicht so der junge Maler, der im vorigen Jahr in der Kunstausstellung Berlins solches Aufsehen gemacht? Sie hatte seinen Namen und die Abbildungen seiner Werke in den Kunstzeitschriften gesehen, die im Winter den Hunger des Geistes stillen mussten in der Einsamkeit von Seehöft. Er war es gewesen, der zu der Rettung ihres kleinen Lieblings beigetragen. Aber was schrieb er da: er war krank gewesen?! Sicherlich hatte er sich diese Erkrankung zugezogen, als er, sein Leben nicht achtend, ihr ins Wasser nachgesprungen. Ob er ganz wieder hergestellt war? Musste sie nicht danach fragen, musste sie ihm nicht danken für diese Bilder? Unschlüssig sah sie auf die Gaben, die Rupert ihr in den Wagen gelegt, „ich warte den ganzen Tag“, las sie noch einmal — ein glühendes Rot stieg in ihre Wangen —, dann gab sie dem Braunen einen leichten Schlag mit der Peitsche und fuhr schnell quer über das Weideland.
Mit spähenden Augen sass Rupert Sartorius auf der hohen Düne. Da — ein Schatten bewegte sich schnell auf den weiten Wiesen, nun wurde er grösser — Rupert stiess einen leichten Jubellaut aus — er erkannte den Wagen und darauf die lichte Gestalt Elkes. Da richtete er sich hoch auf, damit sie ihn gleich sähe, und ein helles Jauchzen drang bis an den Fuss der Düne. Mit ein paar grossen Sprüngen, halb rutschend im Sande, raste Rupert Elke entgegen.
„Gnädiges Fräulein“, sagte er, noch etwas atemlos von dem schnellen Hinab, dann schwieg er — die konventionellen Worte versagten ihm vor diesem holden, reinen und verwirrten Mädchengesicht.
„Ich bin gekommen“, sagte Elke hilflos unter dem leidenschaftlich zwingenden Blick des Mannes.
„Ja, Sie sind gekommen“, wiederholte er. Dann schwieg auch er. Ihre Worte schienen eine ganz andere und viel tiefere Bedeutung zu haben in dieser Stunde hier oben, in der Verzauberung des sonnenstillen Sommertages. Er fühlte, wie das Mädchen leise zitterte, da nahm er sie einfach bei der Hand. Behutsam seinen Schritt dem ihren anpassend, führte er sie um die hohe Düne herum, dorthin, wo der Blick aufs Meer frei wurde. Als müsste es so sein, ging sie an dieser fremden Männerhand, fühlte das kräftige Pochen des Blutes in seiner Hand — und auch ihr eigenes Blut wie beschwingt und befeuert. Auf dem weichen Rasen liessen sie sich nieder. Gelb wehten die Blüten der grossen Ginstersträucher im Winde, schienen wie eine Gloriole von Gold hinter dem zarten Oval des Mädchenkopfes. Mit heissem Entzücken sah Rupert diese jungstrahlende Schönheit, die sich ihrer nicht bewusst war. Ein Schweigen war zwischen ihnen, in das nur die Lerchen oben am Himmel ihr jubelndes Lied hineingleiten liessen.
Endlich fasste Elke sich: „Ich muss Ihnen danken, Herr Sartorius“, sagte sie leise, „das sind so kostbare Bilder, die Sie mir da schenken wollen, ich weiss nicht, ob ich sie annehmen darf.“
„Gefallen Sie Ihnen?“ fragte Rupert schnell.
„Ob sie mir gefallen? Ach, ich bin nicht so ein dummes Kind vom Lande, um nicht zu wissen, was ein Bild von Ihrer Hand bedeutet — ich bin beschämt, und ich weiss nicht, wie ich eine solche Gabe verdient habe.“
Rupert Satorius beugte sich vor. Mit einem flehenden und doch zwingenden Blick sah er in Elkes blaue Augen. „Verdient?“ fragte er mit einer verdunkelten Stimme zurück. „Alles Glück und alle Schätze der Erde möchte ich in Ihre Hände legen, mich selbst — Fräulein Elke“, er ergriff wieder ihre Hände mit einem heissen, herrischen Druck, der fast schmerzte, — „ich kenne Sie kaum, Sie kennen mich nicht, aber ich muss Ihnen sagen, seit ich Sie damals an dem stürmischen Morgen allein am Strande erblickte, habe ich Sie nicht mehr vergessen können. Mir ist, als wäre zum ersten Male mein Herz erwacht — alles, was vorher war, ist versunken, seitdem ich Sie gesehen habe — Elke, ich liebe Sie.“ Mit Erschauern hatte das Mädchen seinen stürmischen Worten gelauscht, sie vermochte nicht zu antworten, ihre blauen Augen hingen wie gebannt in seinen dunklen. Da zog er sie leise, mit unendlicher Zärtlichkeit an sich — und ihre Lippen erschlossen sich seinem ersten Kusse.
Ein nie gekanntes Glücksgefühl überkam auch Rupert. Die Berührung dieses keuschen, reinen Mädchenmundes nahm alle Erinnerung an frühere Erlebnisse in ihm fort. Mit unendlicher Zärtlichkeit sah er auf dies Gesicht, um dessen Lippen ein Zug von Glück lag, das in seinem Übermass fast schmerzhaft erschien.
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