Auch Rupert sprang ins Wasser. Eiskalt stürzten die Wellen über ihm zusammen, peitschten seinen Körper durch die Kleider hindurch, wollten ihn ersticken in ihren würgenden Armen. Aber er zwang sich; sollte er sich beschämen lassen von jenem tapferen Mädchen, dessen lichter Kopf hin und wieder vor ihm aus dem glasigen Grün der Wellen auftauchte? Ach was, beschämen lassen? Hier ging es um mehr, ging es um ein Menschenleben, vielleicht um zwei. Denn wie lange das tapfere Mädel das Schwimmen in diesen mörderischen Wellen noch aushalten würde, war die Frage. — Gewaltsam zwang er sich, die Tempi ruhig zu nehmen; „gleichmässig atmen“ befahl er sich selbst — und nun ging es. So gut er konnte, hielt er Richtung links vom Seesteg, denn dorthin war die Gefahr des Abgetriebenwerdens am grössten. Und nun sah er, das Mädchen hatte das dunkle, auf den Wellen tanzende Menschenbündel erreicht — er hob eine Hand und winkte — und nun schwamm sie zurück, den kleinen Körper vor sich herschiebend. Aber die Kräfte hatten das tapfere Menschenkind doch verlassen, zu stark war die Gewalt der Wellen, die sich hochgetürmt immer erneut dem menschlichen Willen entgegenwarfen. Da schwamm Rupert der Unbekannten entgegen. Wie gut es war, dass er sich noch nicht ganz verausgabt hatte. Im Gegenteil, jetzt, da er die Unbekannte schwach werden sah, verdoppelten sich seine Kräfte in geheimnisvoller Weise. Noch ein paar Stösse, er war neben dem Mädchen, ergriff das bewusstlose Kind, welches sie mit letzter Energie durch die Wasser vor sich herschob, und stiess es vor sich her an Land. Das Mädchen, von seiner Last befreit, gewann nun auch wieder Mut. Kaum hatte Rupert das Kind an Land geschoben, kam auch sie mit einigen Tempi heran. Aber nun war es mit ihrer Kraft zu Ende. In dem seichten Wasser des Strandes blieb sie liegen und schloss erschöpft die Augen.
„Um des Himmels willen“, sagte Rupert erschreckt und legte das bewusstlose Kind vorsichtig in den Sand, um dem Mädchen beizuspringen.
Da öffnete die Unbekannte die Augen: „Lassen Sie“, flüsterte sie, „erst das Kind — — —.“ Sie schwieg.
Unschlüssig stand Rupert. Aber ein Blick auf das anscheinend leblose Kind zeigte ihm, wo die höchste Gefahr lag. Er achtete nicht darauf, dass der Wind seinen nassen Körper eisig durchschauerte, dass die triefenden Kleider wie ein Panzer aus Eis um die erschöpften Glieder lagen. Er trug keuchend das bewusslose Kind in den Schutz des Strandkorbes, riss die nassen Sachen von dem fühllosen kleinen Körper, mit fliegenden Händen schlug er seinen weichen Lodenmantel um den weissen kalten Kinderleib, und dann begann er langsam und gleichmässig die Ärmchen auf und nieder zu bewegen, immer auf und nieder, wie er es gelernt, um das Leben in den fühllosen kleinen Körper zurückzupumpen. Da hörte er ein leises Gehen im Sande. Das Mädchen kam auf ihn zu. „Sie werden sich auf den Tod erkälten“, sagte Rupert angstvoll, aber er konnte kaum zu Ende sprechen, denn auch ihm schlugen die Zähne aufeinander. Er fühlte einen Fieberschauer durch seine Glieder jagen. Wortlos kniete die Fremde in ihren triefenden Unterkleidern bei dem immer noch bewusstlosen Kinde — nahm Rupert die willenlosen Kinderärmchen aus der Hand — „laufen Sie bitte ins Dorf, holen Sie einen Wagen.“ So schnell seine fieberschauernden Glieder ihn tragen wollten, lief er davon. — Im Gehen hörte er noch, wie das Mädchen, das dort bei dem kleinen Kinde kauerte, plötzlich einen schluchzenden Laut der Freude ausstiess. „Es lebt“, hörte er sie rufen — er wandte sich um, das Mädchen hob das Kind mit einer unendlich mütterlichen Bewegung empor, schritt langsam und sorglich mit seiner Last über das dünne Gras des Deiches, kam Rupert nach. Wer mag sie sein? dachte Rupert, aber dann vermochte er nicht weiterzudenken. Gerade, dass er noch an die erste Hütte des Dorfes kam und dem erschreckten Fischer mit mühsamen Worten von dem Vorgefallenen berichten konnte. Er sah nicht mehr, wie ein kleiner Fischerwagen mit einem mageren Pferde hastig nach dem Deiche rollte. Er sank fieberglühend zusammen.
Erst nach einigen Tagen fand sich Rupert wieder bei Bewusstsein, und zwar in dem kleinen Krankenhause der Insel. Von der freundlichen Schwester Martha erfuhr er endlich, wer die Unbekannte war. Eine Nichte des Fräuleins von Hilversen, der Gutsherrin der kleinen Insel Seehöft. Das gerettete Kind gehörte einer jungen Schifferwitwe, die allein im letzten Hause von Venndorf wohnte. — „Und das junge Mädchen, ist es auch erkrankt?“ forschte Rupert besorgt. Schwester Martha lachte über ihr ganzes freundliches, rotbäckiges Gesicht: „Die Elke erkrankt? Die ist wie Eisen, Herr Sartorius, die ist von Kind an gewohnt, in jedem Wind und Wetter draussen zu sein, so ein kaltes Bad macht der ebensowenig wie einem Fisch.“ — „Wer ist eigentlich die junge Dame, Sie nannten sie Elke?“ fragte Rupert interessiert und richtete sich in seinen Kissen auf. „Erzählen Sie mir doch etwas Näheres darüber, wie kommt sie zu der Gutsherrin von Seehöft, von deren Schrullen man doch Wunderdinge erzählt.“
„Sie ist eine entfernte Verwandte des Fräuleins von Hilversen, sie wird dort erzogen.“
„Diese Gutsherrin von Seehöft soll doch die Landungsstellen ihrer kleinen Inselbesitzung mit Stacheldraht gegen unerwünschte Besucher gesichert haben und mit der Schrotflinte schiessen, wenn sich jemand Unbefugtes ihrem Grund und Boden nähern will!“
Schwester Martha lächelte: „Allerdings, sie schliesst sich gegen alle Fremden ab — ist von Jugend an hart und ungütig gewesen. Das hat sich mit den Jahren noch verstärkt.“
„Aber das junge Mädchen, diese Nichte Elke, wird die auch so hermetisch abgeschlossen? Sieht man die nicht einmal wenigstens hier bei den Veranstaltungen des Kurbetriebes?“
„Ach nein, das Fräulein von Seehöft hält ihre junge Verwandte genau so von den Badegästen abgeschlossen, wie ihren eigenen Besitz.“
„Aber ein junges Mädchen“, beharrte Rupert mit eigentümlicher Eindringlichkeit, „kann doch nicht leben wie eine alte menschenfeindliche Dame — das braucht doch ein wenig Lebensfreude.“
„Sie sollen doch nicht soviel sprechen, Herr Sartorius“, mahnte Schwester Martha energisch und schob ihrem Patienten das Thermometer unter die Achsel. „Fieberfrei“, sagte sie befriedigt nach zehn Minuten, „das ist also nun der dritte Tag ohne Temperatur, na, dann wird ja unser guter Doktor ein Einsehen haben und Sie herauslassen.“
„Gott sei Dank“, sagte Rupert mit einem Aufatmen. — Schwester Martha sah ihn mit komischer Entrüstung an: „Ich bin ja ganz gekränkt, haben Sie es denn so schlimm bei uns gehabt?“
„Liebe Schwester Martha“, erwiderte Rupert Sartorius herzlich, „was hätte ich wohl ohne Ihr Krankenhaus angefangen und ohne Ihre treue Pflege? Aber schliesslich bin ich ja doch nicht zum Kranksein hergekommen.“
Aber warum er sich so sehr heraussehnte, das verriet Rupert Schwester Martha nicht; das Bild dieser jungen Elke hatte ihn während seiner ganzen Krankheit nicht verlassen, nicht im Wachen und nicht im Traum. Er musste sie wiedersehen. Bald! Um jeden Preis.
Doch vergeblich schaute Rupert in den kommenden Tagen nach der schönen Unbekannten aus — nie wieder war sie am Strande zu sehen. Wie oft war es, dass er in der Schar der Badegäste von weitem eine Mädchensilhouette erblickte, in der er Elke wiederzuerkennen glaubte. Eilte er dann nach, so hatte eine flüchtige Ähnlichkeit ihn genarrt. Nach acht Tagen hielt es ihn nicht mehr. An einem strahlenden Sommermorgen mietete er sich ein Segelboot von Fischer Gau und fuhr nach Seehöft, der Besitzung des Fräuleins von Hilversen, hinüber.
Die hohen Pappeln, die das Ufer säumten, schlossen die kleine Insel in einen undurchdringlich dichten Laubwall. Einsam träumte ein kleiner Kahn an dem Bollwerk. Die Bootskette schlug leise gegen das Holz des Pfahles. Eine dichte Mauer von Stacheldraht schloss den ganzen Uferrand der kleinen Insel ab. Die Pforte, die von dem Landungssteg hineinführte in die kleine Sommerwildnis, war mit einem schweren, altmodischen Vorhängeschloss versperrt.
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