Seltsam nur: dieser interessante Mann scheint sich zu verstecken. Seine Konturen verschwimmen hinter all den Schriften und Büchern, hinter den Tausenden von Briefen, die er geschrieben hat. Sein Bild löst sich völlig auf in der Bewegung, die sich heute noch auf ihn beruft. Er bleibt im Schatten hinter der blendenden Wahrheit, für die er eintrat. Er geht auf in der überwältigenden Wirklichkeit, zu der er sich ein Leben lang mit aller Konsequenz bekannt hat.
Wer war Eberhard Arnold? Wie wurde er, was er war? Wie war er? Denn zweifellos war auch er ein Mensch und kein glattgeschliffener Monolith. Was hat ihn gefreut, gequält, herausgefordert? Wo sind Brüche, Weichenstellungen in seinem Leben gewesen? Was ist die Summe seines Lebens? Was geht es uns heute an? Das sind die Fragen, die zur Entstehung dieses Buchs geführt haben. Die Antworten finden sich teils in, teils zwischen den Zeilen.
Man kann die Lebensgeschichte Eberhard Arnolds wie einen Roman lesen und wird eine äußerst spannende Dramaturgie darin entdecken, die auf den Dramaturgen und Regisseur dieses Lebens verweist. Man kann die Lebensspanne Eberhard Arnolds aber auch als einen Ausschnitt der Zeitgeschichte, der Kirchengeschichte, der Kulturgeschichte betrachten. Es war nicht gerade die langweiligste Periode des 20. Jahrhunderts.
Ich hatte das Vorrecht – so empfinde ich es bis heute –, dass ich in den späten 80er und frühen 90er Jahren die Bekanntschaft einiger beeindruckender Menschen machen konnte – Weggefährten Eberhard Arnolds aus den 20er und 30er Jahren, schon damals allesamt hochbetagt. All diese Zeitzeugen sind mittlerweile verstorben. Ich denke mit großer Hochachtung und Dankbarkeit an sie. Namentlich an Marianne Zimmermann und Edna Jory, Arnold Mason und Kathleen Hasenberg, Walter Hüssy, Irmgard Keiderling, Sophie Löber und Rudi Hildel – und an EmyMargret Arnold-Zumpe, Eberhard Arnolds älteste Tochter.
Die Familie Arnold hat mir Einblick in viele persönliche Dokumente gewährt. Die Bruderhöfe in England und den USA haben mir alle erdenkliche Hilfe geleistet. Vor allem, indem sie mir die über Jahrzehnte hinweg hervorragend dokumentierten Schriften Eberhard Arnolds zugänglich gemacht haben. Insofern ist dieses Buch auch eine Würdigung der Männer und Frauen, die durch alle Wirren der Zeit hindurch auf drei Kontinenten das Bruderhof-Archiv gepflegt und damit einen unermesslichen Schatz an geschichtlichen Zeugnissen gehütet haben.
Markus Baum
Die Zukunft ist offen. Für einen Menschen von Anfang 20 jedenfalls. Eberhard Arnold war 22, als er sich am 11. November 1905 an der Königlichen Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale einschrieb – ein Student unter annähernd 2.000, theologische Fakultät, zweites Semester. Ein großgewachsener junger Mann mit ernstem Gesicht. Braune Augen, Kneifer, dunkle Haare, Scheitel rechts, Oberlippenbart. Ein Mensch mit Grundsätzen und Disziplin. Man wird es ihm bei der Immatrikulation kaum angemerkt haben, dass er eigentlich gegen seine innere Überzeugung Theologie studierte (er hatte sich dem Willen des Vaters gefügt) und sich über seinen weiteren Weg ganz und gar nicht gewiss war. Jedenfalls nicht im Herbst 1905. Er war sich auch seiner selbst nicht ganz sicher: Ehre im Sinn von Ehrsucht und Stolz und das Leiden daran sind wiederkehrende Motive in den persönlichen Gedichten der frühen Studentenzeit.
Gewiss war sich stud. theol. Eberhard Arnold allerdings seines Glaubens, einer persönlichen, fast kindlichen Beziehung zu Jesus Christus. Von ihm erwartete er eine klare Berufung. Die Berufung erfolgte dann auch. Sie kam nicht über Nacht. Sie kam nicht als blendende Vision. Sie kam schrittweise. Aber das reicht ja schon.
Eberhard Arnold wurde am 26. Juli 1883 auf den Hufen bei Königsberg geboren. Sein voller Name lautet Eberhard Arthur Julius Arnold. Die Mutter Elisabeth Arnold geborene Voigt hatte vor ihm bereits zwei Kinder zur Welt gebracht. Sie kam aus einer Gelehrtendynastie; ihr Vater war Professor für Kirchengeschichte und Dogmatik an der Königsberger Universität, Großvater und Großonkel mütterlicherseits waren ebenfalls Theologieprofessoren und einflussreiche Männer in der Preußischen Union der evangelischen Kirche gewesen.
Nicht weniger spannend liest sich der Stammbaum des Vaters. Carl Franklin Arnold war Doktor der Theologie und Philosophie und arbeitete zur Zeit der Geburt von Eberhard als Gymnasiallehrer in Königsberg. Er selbst war der Sohn eines amerikanisch-deutschen Missionarsehepaars und war als Pflegekind in der Bremer Patrizierfamilie Gildemeister aufgewachsen. Eberhard Arnolds Großvater väterlicherseits Franklin Luther Arnold war in den USA Pastor einer evangelischreformierten Kirche. Seine Frau hatte er in Afrika bei einem Missionseinsatz kennengelernt: Maria Arnold geborene Ramsauer. In ihrer ursprünglich Schweizer Familie lassen sich über mehrere Generationen Erzieher, Juristen und Theologen nachweisen, und Eberhard Arnolds Urgroßvater Johannes Ramsauer war engster Mitarbeiter des Schweizer Pädagogen Heinrich Pestalozzi. Kurzum: Eberhard Arnold wurde in eine stolze, bürgerliche, traditionsbewusste, buchstäblich geistreiche Familie hineingeboren. Sein Bruder Hermann war drei Jahre älter als er; mehr verband ihn mit seiner Schwester Clara, die 17 Monate älter war. Zwei weitere Geschwister gesellten sich in den folgenden Jahren dazu: Elisabeth („Betty“; * 1885) und Hannah (* 1888).
1888 wurde Carl Franklin Arnold als Professor für Kirchengeschichte an die Universität Breslau berufen. Und damit verschob sich der Lebenskreis Eberhard Arnolds von Ostpreußen nach Schlesien. Er war ein fröhliches Kind („sonnig und harmonisch“, schreibt seine Schwester Clara), in der Schule träumerisch und nicht besonders aufmerksam, mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und einer Antenne für die Ausstrahlung, oder soll man sagen das Wesen der Menschen, auch bei nur flüchtiger Begegnung. Solche Beobachtungen teilte er lieber mit den Schwestern als mit seinen gleichaltrigen Kameraden.
Wer von den Eltern größeren Einfluss auf den Jungen hatte, ist schwer zu entscheiden – jedenfalls war die Qualität der Beziehung sehr unterschiedlich. Der Vater lebte in erster Linie seiner Wissenschaft. Das war zu dieser Zeit vor allem die Geschichte der gallischen Kirche unter Caesarius von Arelate und später dann die Geschichte der Salzburger Protestanten und ihrer Vertreibung unter Erzbischof Firmian im 18. Jahrhundert. Carl Franklin Arnold pflegte sich in sein Studierzimmer zurückzuziehen und verließ es meist nur zu den Mahlzeiten. Wenn er Gesellschaft hatte, dann vor allem mit anderen Dozenten oder älteren Studenten, mit denen er leidenschaftlich disputieren konnte. Morgens las er der versammelten Familie die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine vor. Abends beglückte er die Kinder, die zum Teil noch nicht einmal zur Schule gingen, mit dem „Zauberlehrling“ und anderen Versdichtungen des von ihm hochgeschätzten Geheimrats von Goethe. Selbst mit dem „Götz von Berlichingen“. Weder die Losungen noch Goethe scheinen auf die Kinderschar einen besonders nachhaltigen Eindruck gemacht zu haben – die Kleinen waren vermutlich schlicht überfordert. Erst recht mutete der Vater später den Heranwachsenden hochgeistige Diskussionen zu – über die Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, über den deutschen Idealismus Fichtes, Schellings und Schleiermachers, über die geistige Größe Carlyles und Macauleys. Carl Franklin Arnolds Begeisterung für die deutschen Nationalphilosophen entsprach sein scharfes Urteil über die Gegenwart des ausgehenden 19. Jahrhunderts: „Unsere Zeit ist im Sinne einer höheren Geistigkeit überaus langweilig, unsere Politik seit Bismarcks Abgang überaus töricht, ja grundverkehrt.“ Höchst selten, dass sich der Vater einmal gelöst und fröhlich gab (er konnte durchaus fröhlich sein, erlaubte es sich aber meist nur bei Familienfesten. Erstaunlicherweise ließ er den Kindern die Beschäftigung mit den wildromantischen Abenteuerromanen von Karl May unbeanstandet durchgehen (Eberhard Arnold brachte es zu einer gewissen Meisterschaft darin, Karl-May-Bände in den Sonntagsgottesdienst zu schmuggeln). Für unbekümmertes, kindliches Herumalbern hatte er kein Verständnis. „Interesselosigkeit“ attestierte er seinen Sprösslingen, wenn er sie einmal bei nichtigem Gerede erwischte.
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