Verständlich, daß den meisten die unfügsame, selbstbestimmte Lebensweise der Piraten ein Dorn im Auge ist. Ein solches Leben kann nur Ausdruck maßloser Faulheit sein, die »bekanntlich der Vater sündhafter Laster und die unumstrittene Mutter von Armut und Schande ist«. Nach und nach wird der Begriff »Piraterie« im 18. Jahrhundert zum Sämmelbegriff für alle Lebensäußerungen und Handlungsweisen, die sich dem Zugriff »der merkantilen Machtorganisation widersetzen, entziehen, die desertieren, fliehen, schmuggeln, die dem Monopolhandel der Companies Schwierigkeiten machen und jede profitmotivierte Tätigkeit ablehnen«. Ein Pirat zahlt keine Steuern, er verachtet die Sparsamkeit, lehnt Seßhaftigkeit und Arbeitsgehorsam ab und will statt dessen autonom sein.
Es hat allerdings in den Zeiten, als das Kräfteverhältnis in Europa noch keine relative Ausgewogenheit erreicht hatte, staatliche Versuche gegeben, die Flibustier, Bukaniere, Küstenbrüder für eigene Zwecke zu mißbrauchen. Eine Weile wurde die Piraterie als Mittel der politischen Auseinandersetzung benutzt. In diesem politischen Spiel stellten die Piraten eine ständig präsente maritime Elitetruppe dar, die als Kundschafter, lohnunabhängige Soldaten und unorganisierte Händler für die Kolonien gewinnbringend arbeiteten. So sicherte der Verkauf von Lebensmitteln und Ausrüstungsgegenständen an Piraten Pflanzern, Jägern und auf den Inseln ansässigen Händlern gute Geschäfte. Als Soldaten, die sich ihren eigenen Sold erarbeiteten, halfen sie den Regierungen, ausländische Invasoren zu bekämpfen, indem sie deren Schiffe kaperten. Denn seltsamerweise blieben viele Piraten Patrioten und verloren die geistig-kulturelle Bindung an ihre Heimat nicht. So wurden die westindischen Piraten in die merkantile Ordnung integriert, aber nur für einen bestimmten Zeitraum, solange die Regierungen Nutzen daraus ziehen wollten. Danach wurden sie wieder wie Terroristen gejagt, denen nur in den seltensten Fällen Recht gesprochen wurde. Aber wie man es auch dreht und wendet: Die westindischen Freibeuter sind ein soziales und historisches Phänomen. Sie bekannten sich zu einem Zeitpunkt zu einem autarken, anarchischen Gesellschaftssystem, als die Neue Welt noch kein geschlossenes Staatengefüge darstellte, und sie beanspruchten den daraus resultierenden politischen Freiraum für sich.
Aber der am Ende geführte Kampf der Mächtigen, genauer des im westindischen Kolonialgeschäft engagierten Handels- und Finanzbürgertums gegen die Piraten war Teil einer umfassenden Strategie, in der die Vernichtung der freibeuterischen Lebensweise Vorrang hatte.
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