Kein Zweifel: Neuengland wuchs und gewann mehr und mehr an Selbstbewußtsein gegenüber dem Mutterland. Aber trotz technischer Fortschritte mußten die Kolonisten noch lange leibliche und geistige Not leiden. Dort, wo sich eigentlich Fensterscheiben befinden sollten, waren die Häuser mit Holz- oder Ölpapierläden versehen. Fackeln stellten die Beleuchtung sicher. Gabeln und Teller waren unbekannt, letztere wurden durch »trenchers« ersetzt, rechteckige, ins Tischholz gehöhlte Doppelmulden, die zwei Personen zugleich dienten (woher übrigens der Ausdruck »trencher-fellows«, Busenfreunde, stammt). Kleidung wurde aus grobem Zeug angefertigt, und die Aufgabe der Gerichte bestand hauptsächlich darin, die Erhaltung der Sittenreinheit zu gewährleisten. Drakonische Gesetze mit harten Strafen wurden erlassen. Nichts war so undemokratisch wie die Mutterzelle der amerikanischen Demokratie.
Siedler für Karolina gesucht
Erst spät war das Interesse für Kolonialfragen in England erwacht. Solange man keine Expeditionen ausrüstete, verfaßte man anfangs zahlreiche Werke, Flugblätter und Denkschriften, die von den Vorteilen handelten, welche das englische Volk aus Niederlassungen jenseits des Ozeans ziehen könne. Dabei stand im frühen 17. Jahrhundert noch der Gedanke im Vordergrund, daß die Errichtung ferner Stützpunkte auch den Kampf gegen das verhaßte Spanien erleichtern könne, daß der englische Staatsschatz durch die in den exotischen Ländern gefundenen oder dem Feind in größeren Mengen abgenommenen Edelmetalle angereichert und für Katholiken, Arme und Abgeurteilte ein Abfluß geschaffen werden könne. Zehntausende von Iren wurden im 17., 18. Jahrhundert auf diese Art in die Karibik oder nach Australien deportiert.
Nach 1700 änderte sich Ton und Inhalt der Aufrufe an potentielle Auswanderer. Nun würde jeder persönlich angesprochen, und es war keine Rede mehr davon, was eine Ansiedelung in Amerika für die Krone, für das Vaterland bedeutete. Die überseeischen Kolonien waren selbstbewußter geworden und betrachteten sich mehr und mehr als vom Mutterland England unabhängig. Um das riesige Land besiedeln zu können, gab es immer häufiger Anwerbungen, die in Form von Flugblättern oder Anschlägen in englischen und irischen Häfen verteilt wurden oder dort aushingen. Fruchtbarkeit, Fülle, Üppigkeit und Überfluß waren die Kennzeichen der neuen Welt. Das Leben in Europa dagegen wurde in diesen Texten als überaus hart und wenig erfolgversprechend geschildert. So wurden Männer aus gutem Hause aufgefordert, mit geringem finanziellen Einsatz ihr Glück in Neuengland zu machen, wo ihnen ein Leben in Wohlstand wie die reife Frucht vom Baume zufallen würde. Die ganze Natur trüge dort zu den menschlichen Kräften der Zeugung und Erneuerung bei. Kinderlose Frauen und Männer tränken Wasser vom James-River und bekämen Nachwuchs. 1728 bestätigte William Byrd den indianischen Glauben an die Potenzstärkung durch Bärenfleisch, denn von seiner Gruppe von Landvermessern, die kräftig dem Bärenfleisch zugesprochen hatten, wären alle Verheirateten unserer Gesellschaft vierzig Wochen nach ihrer Heimkehr glückliche Väter geworden, und die meisten Unverheirateten hätten nach der gleichen Zeit uneheliche Kinder bekommen, mit Ausnahme des Kaplans natürlich.
Geworben wurde auch damit, daß einem jüngeren Bruder, der laut Gesetz kein Anrecht auf das Land seines Vaters besäße, in Karolina oder Virginia genügend Land zur Verfügung stünde, das er für sich und seine Familie urbar machen könne, wodurch es in seinen Besitz übergehen würde. Geworben wurde auch mit religiöser Freiheit und damit, daß der für jeweils drei Jahre regierende Gouverneur keine Macht habe, ohne Zustimmung der gesetzgebenden Versammlung Steuern aufzuerlegen oder Gesetze zu erlassen.
Wahrscheinlich wird William Cormac eines Tages am Hafen solch ein Flugblatt in die Hand gedrückt bekommen haben. Was dort über das Siedlerleben in Karolina zu lesen stand, klang vielversprechend. Und es mag sein, daß der Anwalt plötzlich die widersprüchlichen Gefühle vieler Menschen empfand, die für eine Auswanderung empfänglich waren. Er schaute auf seine alte englische Heimat herab, denn dort hatte er sich immer als Fremder gefühlt – genau wie auf der okkupierten irischen Insel. Wenn er also schon ein Fremder war, und noch dazu verhaßt wegen seiner persönlichen Geschichte, warum sollte er dann nicht gleich in ein Land voller Fremder in der Neuen Welt gehen? Diese Vorstellung mag in William Cormac geschwelt haben, und je länger er darüber nachdachte, desto mehr muß ihm Karolina wie das Paradies auf Erden vorgekommen sein. Mary mag ihn vielleicht daran erinnert haben, daß in Neuengland die Menschen auf Maishülsensäcken schlafen und schales Wasser trinken würden, weil es kein Bier gab, aber ihr Mann wird diese Bedenken mit einer Handbewegung vom Tisch gefegt haben. Hieß es denn nicht, daß sich dort ein Mann in nur fünf Jahren ein größeres Vermögen würde erarbeiten können, als in England oder Irland in seinem ganzen Leben? Und außerdem hatten sie ja ohnehin keine Wahl. Entweder würden sie in Cork an der Engstirnigkeit der Menschen zugrunde gehen oder in der Neuen Welt versuchen, von vorne anzufangen. William Cormac kümmerte sich um die Schiffspassage,
Für Anne mag die Aussicht, mit einem Schiff weit weit weg in ein fremdes Land zu reisen, aufregend gewesen sein. Zu oft hatte sie ihrem Vater als Junge verkleidet hinunter zu den Hafenkais folgen müssen, wo die Schiffe anlegten und wieder in See stachen, ohne daß sie auch nur einmal hätte mitfahren dürfen. Sie war jetzt fast neun Jahre alt und hatte sich die meiste Zeit ihres Lebens wie ein Junge benehmen müssen. Matrosen hatten ihr aufregende Dinge erzählt und in dem Mädchen das Gefühl geweckt, daß es an Bord eines Zwei- oder Dreimasters freier und verrückter zugehen würde als bei den »Landratten«. Die Neue Welt hingegen wird Anne sich von Cork aus weniger gut vorgestellt haben können. Abbildungen gab es nicht. Und so dürfte ihre Beziehung zuerst eine rein gefühlsmäßige gewesen sein: Dort würde es bestimmte, ihr verhaßte Leute nicht mehr geben.
Captain Kidd – ein Pirat als Abschreckung für alle Anständigen
Mit ihren unhandlichen, schweren Schrankkoffern ging die Familie eines Morgens hinunter zum Hafen von Cork. Dort wartete bereits ein Schiff auf die drei Cormacs, das sie nach London bringen sollte. Keiner von ihnen würde je wieder nach Irland zurückkehren, und zu diesem Zeitpunkt werden sich auch weder William, Mary noch Anne Cormac danach gesehnt haben. »Nur möglichst weit weg von Cork«, mag ihre Devise gelautet haben, und auf der Fahrt nach London, die einige Tage in Anspruch nahm, fiel der Druck, der die letzten Jahre auf ihnen gelastet hatte, ganz allmählich ab. Für Anne war es die erste längere Schiffahrt überhaupt und daher ein Abenteuer besonderer Art. Als sie in die Themse einfuhren und Tilbury Point passierten, wird sie jemand auf eine bestimmte Stelle am rechten Ufer aufmerksam gemacht haben. Vielleicht ist es sogar William Cormac selbst gewesen, der – seine Tochter an sich gedrückt – auf einen Landstrich gezeigt und vom Galgen erzählt hat, der dort vor ein paar Jahren für den berüchtigten Piraten Captain Kidd errichtet worden war. Anne wird die abschreckende Geschichte vom Piraten Kidd sicherlich gekannt haben, weil sie damals in aller Münde gewesen ist. Alle Schiffe, die in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts die Themse nach London hinauffuhren, mußten an dem an einem Galgenbaum hängenden, mit Ketten gefesselten und in ein eisernes Gerüst gepreßten Kidd vorbei – konnten ihn kaum übersehen. Kidd hing dort als abschreckendes Beispiel. Und manch ein Seefahrer, der Pirat wurde, schwor, sich eher in die Luft zu sprengen, als zum Trocknen aufgehängt zu werden wie Kidd.
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