Und drittens haben Neonazis auch ihre Kampfsportevents über die letzten Jahre zusehends professionalisiert: die Werbung und den öffentlichen Auftritt, die Organisation der Veranstaltungen weiterentwickelt. Hier hat die Szene vor allem ihre Erfahrungen aus dem RechtsRock nutzen können. Denn viele der Schlüsselfiguren extrem rechter Kampfsportevents können auf eine lange Geschichte in der Organisation extrem rechter Konzerte und Festivals zurückblicken. Sie haben erkannt, welches Potenzial im Kampfsport für die Szene liegt, und nutzen es europaweit.
So kommen im Boom des extrem rechten Kampfsports der vergangenen Jahre ganz verschiedene Entwicklungen und Teile einer fragmentierten Szene zusammen: Ideologisch liegen die Wurzeln im Nationalsozialismus, historisch steht man in einer direkten Tradition der paramilitärischen Wehrsportübungen, organisatorisch orientiert man sich an den Strukturen militanter Kameradschaften der 2000er Jahre. Dabei ist der RechtsRock das Vorbild des Eventmanagements, der Hooliganismus das Rekrutierungsfeld und sportlicher Taktgeber. Extrem rechte Kampfsportfirmen und manche Security-Unternehmen fungieren als Jobbörse. Die Landschaft extrem rechter Immobilien bildet schließlich die Trainings- und Eventstätte, das institutionelle Rückgrat.
Die militante extreme Rechte nutzt den allgemeinen Fitnessboom, um sich für die angeheizten gesellschaftlichen Konflikte zu rüsten. Alles läuft auf Rechtsterrorismus mit internationalen Dimensionen hinaus. Die Szene hat ein professionalisiertes, europaweites Netzwerk im Kampfsport aufgebaut – sie trainiert für den politischen Umsturz. Das Ziel ist eine völkische Gewaltherrschaft.
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*Literaturhinweis: Volker Weiß: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Stuttgart 2017.
*Siehe dazu Kapitel „Kampfsport für weiße Europäer“ auf Seite 55 in diesem Buch.
Sport im Nationalsozialismus
Die Wehrhaftigkeit junger Männer
Sowohl im heutigen Kampfsport neonazistischer Organisationen als auch im historischen Vorbild bilden Wehrhaftigkeit und nationalsozialistische Ideologie den Kern. Denn schon die nationalsozialistische Sportpolitik der 1930er Jahre orientierte sich an der zukünftigen Kriegsführung, bekämpfte ihre politischen Gegner und schloss die jüdische Bevölkerung aus. Der Sporthistoriker Lorenz Peiffer hat zu vielen Facetten des Sports im Nationalsozialismus geforscht. Im Gespräch erläutert er den Stellenwert des Boxens im nationalsozialistischen Schulsport, die Bedeutung von Selbstverteidigung in jüdischen Sportvereinen sowie die lückenhafte Aufarbeitung der deutschen Sportgeschichte.
Herr Peiffer, wie gestaltete sich die deutsche Sportlandschaft vor 1933?
Damals existierte eine sehr heterogene Sportlandschaft in Deutschland. Dazu gehörte zum einen die große Masse an bürgerlichen Sportverbänden, z. B. die Deutsche Turnerschaft und der Deutsche Fußball-Bund. Zum anderen gab es eine große Arbeitersportbewegung. Diese wiederum war ab 1928 differenziert in einen eher sozialdemokratisch orientierten und einen eher kommunistischen Teil. Hinzu kommen religiös orientierte Sportverbände, darunter eine marginale Zahl jüdischer Sportvereine. Die Landschaft war also sozial, politisch und weltanschaulich-religiös ausdifferenziert.
Welche Rolle spielte Sport im Programm der Nationalsozialisten nach ihrer Machtübernahme?
Die Nazis hatten nach ihrem Machtantritt zunächst kein Sportprogramm. Wichtig war für sie zunächst, ihre politischen Gegner auszuschalten, und dazu zählte auch die Arbeitersportbewegung. Diese wurde 1933 schnell zerschlagen. Sie wurde aufgelöst, das Vermögen konfisziert und ihre Funktionäre zum Teil liquidiert.
Welche sportpolitischen Ansätze verfolgten die Nazis?
Mit dem Verbot der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland durch den Versailler Friedensvertrag von 1919 war das Militär als die sogenannte Schule der Nation weggefallen. Das bedeutete, man musste schnell Ersatz finden, um die körperliche Fitness der jungen Generation zu trainieren. Ein wesentliches Ziel der Nationalsozialisten war die Erhöhung der Wehrfähigkeit und die Schulung des „Rassebewusstseins“. Zur Wehrerziehung zählte dann auch die Einführung der SA-Kommandosprache im Oktober 1933 im Sportunterricht der höheren Jungenschulen. Dort wuchs der potenzielle Nachwuchs für die Offiziersausbildung heran. Aus dem Grund erfolgte der erste Eingriff in das Schul- und Bildungswesen bei den höheren Jungenschulen. Ob diese Maßnahme flächendeckend im Unterricht umgesetzt wurde, ist leider nicht gesichert.
Wie wichtig waren die sportlichen Leistungen für den schulischen Werdegang?
Für die Schüler an den höheren Jungenschulen wurde ein allgemeiner Ausleseerlass verfügt: Wer den geforderten Fitnessgrad nicht erreichte, der konnte von der höheren Schule verwiesen werden. Zudem gab es in den Zeugnissen eine sogenannte Charakternote: Dafür zählten z. B. Führerqualitäten und das Bekenntnis zur nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Jüdische Kinder waren da schon lange ausgeschlossen.
Welchen Stellenwert hatte Kampfsport im schulischen Programm?
Einen zunehmend großen. Die Erziehung zur Härte war ein zentraler Punkt des nationalsozialistischen Erziehungswesens. Die Jungen sollten lernen, nicht nur Schläge auszuteilen, sondern auch einzustecken.1935 haben die Nazis die sogenannte Dritte Turnstunde eingeführt, für die eigens Personal geschult wurde. Diese Dritte Turnstunde schrieb verbindlich Schwimmen für die Unterstufe vor, weil man bei den Musterungen festgestellt hatte, dass die Quote an Nichtschwimmern groß war. Für die Mittelstufe wurden „Kampfspiele“ vorgeschrieben und für die Oberstufe Boxen. Die ganze Maßnahme – Ausbildung der Lehrkräfte und Anschaffung der notwendigen Ausstattung für den Unterricht – wurde aus den Mitteln des Reichswehrministeriums finanziert. Auf diese Weise konnten Schulen eigene Boxringe anschaffen. Für Hitler war das Boxen auch jenseits des Schulsports wichtig, in seiner Propagandaschrift „Mein Kampf“ hat er mehrfach auf die Bedeutung des Boxens im Rahmen des körperlichen Trainings hingewiesen. Sinngemäß sagte er, dass er aus tausend gut trainierten Männern schnell eine kampffähige Armee bilden könne. Das Boxen wurde auch früh in der Hitler-Jugend (HJ) eingeführt, was zahllose Bilder in ihren Heften belegen. Für den Schulunterricht wurde eine „Methodik des Massenboxens“ entwickelt – mit den entsprechenden Anschauungsmaterialien.
Welche Ziele verfolgten die Nazis damit?
Das Ziel, junge Männer im nationalsozialistischen Sinne für die geplanten Eroberungs- und Vernichtungskriege – den Kampf um Raum im Osten Europas – einsatzfähig zu machen, ist die große kontinuierliche Linie der nationalsozialistischen Politik. Alle Maßnahmen dienten dazu, das männliche Idealbild von Härte, Kampf und Kraft zu verfolgen. Für die Mädchenerziehung wiederum galt das Ideal der „werdenden Mutter“. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen: Das Ziel des „Kampfes um Lebensraum für die arische Rasse“ hatte Hitler bereits im Februar 1933 vor seinen Generälen erklärt. Auf dieses Ziel wurden Schulen, Jugendorganisationen sowie Sport hin organisiert und gestaltet.
Welche Sportarten wurden hierfür noch gefördert?
Neben der Schule und den nationalsozialistischen Jugendorganisationen (HJ und Bund Deutscher Mädel) wurde auch in anderen NS-Organisationen wie SA und SS intensiv Sport betrieben. Eine der Paradesportarten in der SS war das Fechten. Reinhard Heydrich zum Beispiel, Leiter des Reichssicherheitshauptamts und einer der Hauptverantwortlichen des Judenmordes, war ein erfolgreicher Fechter. Auch hier lässt sich nachzeichnen: Es wurden vor allem Sportarten betrieben, die sich in militärische Praxis ummünzen bzw. transferieren ließen. Deshalb war das Reiten in beiden Organisationen auch von großer Bedeutung. Dabei ging es aber nicht um die Verbindung zwischen Mensch und Tier, sondern um die spätere Verwendung als Reiterstaffeln an der zukünftigen Front. Hinzu kommt, dass Leichtathletik zur Ausbildung einer Grundphysis genutzt wurde.
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