»Du schaust auf die Sterne und träumst von etwas wie Zukunft, denkst dir, dass die Welt so groß und so weit ist und dass sie woanders vielleicht etwas Besseres für dich bereithält. Dabei ist das Leuchten im Himmel ein Blick in die Vergangenheit, da das Licht, das du dort siehst, seit Hunderten von Jahren erloschen ist. Aber diese Wahrheit verdrängst du und fängst stattdessen an zu träumen, und in den vielen langen Nächten wird die Sehnsucht oder deine Verzweiflung immer stärker, so dass es dich ganz langsam zerreißt. Da oben ist das Funkeln zum Greifen nah und du denkst, jeder Stern ist ein Wunsch. Du müsstest nur einen auswählen und seinem Licht folgen. Nur einem einzigen, der vielleicht ganz allein für dich dort strahlt. Du schaust so lange in diese unfassbare Weite, bis du es nicht mehr aushältst, und so werden deine Träume immer größer und dein Leben, aus dem du weglaufen willst, immer kleiner, und dann brichst du endlich auf. Gefüllt mit Zuversicht fliegst du los. Du bist leicht wie ein Vogel, der vom Wind getragen wird. Doch anstatt dich den Sternen zu nähern, bleiben sie immer gleich weit von dir entfernt. Erschöpfung und Müdigkeit lasten auf dir, und du fängst an zu taumeln, bis du das erste Mal fällst. Mit dem ersten harten Aufschlag stellst du dann fest, dass das Unerreichbare immer unerreichbar sein wird, dass nichts vor dir liegt, aber alles hinter dir, und es gibt kein Zurück mehr. Flucht ist wie Fallen. Ein nicht enden wollendes Stürzen in ein schwarzes Loch. Du brichst auf, willst zu den Sternen, aber du verschwindest in unendlichem Nichts. Bist du erst einmal hineingeraten, kannst du nicht mehr entkommen. Egal wie viel Licht du in dir trägst, es wird von allem Schwarz geschluckt, bis du selbst ganz in der Düsternis verschwindest. Flucht ist endlose Einsamkeit. Du verlierst die Zeit, deine Sprache, und selbst der Schlaf gewährt dir keine Ruhe und keinen Trost. Bis nichts mehr bleibt. Flucht ist wie ein vorweggenommener Tod, ein unentwegtes Sterben.«
Er sagte es nicht wörtlich so, weil er ja sein Ding mit Artikel und Substantiv hatte und oft Englisches dazumischte, dennoch war es die traurigste Poesie, die ich über das Flüchten gehört hatte. Zum Schluss fügte er noch hinzu:
»Du willst Hilfe, doch keiner kommt. Alle denken nur noch an sich, und jeder bleibt allein.«
Aber heute stand er mit seiner gelben Schlabberhose und zwei riesigen Sporttaschen mit mulmigen Gefühl vor dem Hotel und wartete auf mich. Er hatte sein Gute-Laune-Gesicht aufgesetzt und sah aus wie ein Profibasketballer.
»Wir wollen nicht nach Amerika«, rief ich ihm zu, als ich für zwei neue Gäste noch die Koffer an der Rezeption abholte und nach oben trug. Trotz des Hochsommers hatten wir kaum Besucher. Nur vierzehn der siebenundzwanzig Zimmer waren belegt. Rofu grinste und winkte mir zu. Dabei sah man seine kindliche Zahnlücke, die nicht zu seinem Äußeren mit den Narben und der Glatze passen wollte.
Die beiden Neuankömmlinge waren sonderbar. Zwei Typen mit wenig Gepäck. Jeder hatte einen Koffer und eine dicke Aktentasche, so als wären sie auf Geschäftsreise. Vertreter? Ich sah Mimi, wie sie aus der Küche in den Flur kam, kurz zu uns herüberschaute und dann wieder verschwand. Jedenfalls bekam jeder der Herren ein kleines Zimmer. Dann beeilte ich mich, nach draußen zu kommen. Ich lief noch schnell zu meinem Appartement hinten im Hof, um meine Zigaretten und das Buch, das ich in diesen Tagen las, zu holen. Ich schloss gerade die Tür hinter mir ab, da kam Novelle aus ihrem Zimmer. Barfuß. Nur mit Tanktop und Slip. Die Haare waren strubbelig, sie hatte ein blaues Auge und auf ihren Lippen und an ihrem Kinn klebte getrocknetes Blut. Sie schaute in die Mittagssonne, verweilte einen Moment, als ob sie am Horizont etwas suchte, und dann musste sie kotzen.
»Mann, Mann, Mann«, rief ich. Ich kratzte sie wieder auf, schob sie in ihre Bude und setzte sie auf ihr Bett. Es war das erste Mal, dass ich bei ihr war, und ich schaute mich kurz um.
Das Zimmer war dunkel und ihre Klamotten lagen über dem Tisch und den beiden Stühlen verteilt. Ob es dreckige Wäsche oder sauberes Zeug war, konnte ich nicht erkennen. Vermutlich beides. Auf jeden Fall lag ein Slip, in dem vorne noch eine Einlage klebte, zwischen den Sachen. Nur ihre Zimmermädchenuniform hing ordentlich auf einem Bügel am gekippten Fenster. An den Wänden waren überall Bilder aus Zeichentrickfilmen mit Nadeln angesteckt. Alles Farbaus-drucke in A4. Da hing Lisa Simpson, Bernd das Brot, Wicki von den starken Männern und jede Menge Mangas.
»Was machst du nur für einen Scheiß?«, blaffte ich sie an. Gleichzeitig reichte ich ihr eine Packung Taschentücher.
Sie fummelte eines raus, schniefte und antwortete: »Ich hab immer Kopfschmerzen. Aber sie tun nie weh.«
Die Frau war wirklich gaga.
»Also, ich HÄTTE Kopfweh, wenn ich so scheiße aussehen würde.«
»Wie, wie meinst du das?«
Jetzt schaute sie mich mit zusammengekniffenem Blick an und ihre Augen funkelten wie kleine scharfe Wurfsterne von einem dieser Ninja-Manga-Mädchen an der Wand.
»Haste schon mal in den Spiegel geguckt?«
Sie blickte mich fragend an und rannte ins Bad. Vor dem Spiegel fummelte sie mit den Fingern in ihrem ramponiertem Gesicht herum und murmelte immerzu: »Oh, Ohhh, OH!« Dann gab sie der Tür einen Tritt und rief:
»Dante, mein Lieber, warte bitte einen Moment.« Seit wann war ich ihr Lieber? Ich blieb im Zimmer stehen und Fragezeichen regneten auf mich herab wie ein Monsun im Juli. Schließlich kam sie aus dem Bad. Das Gesicht gewaschen, eine Sonnenbrille vor ihrem lädiertem Auge und sonst nackt. Sie beachtete mich gar nicht und kramte aus ihrem Klamottenstapel eine Jeans, Socken und ein Shirt. Eine Unterhose suchte sie nicht. Ihre Haut war weiß wie Weizenmehl. Überall hatte sie kleine Tattoos. Eine Seejungfrau, einige schlecht gestochene Messer, unerklärliche Tribals und wieder die Mangafiguren mit den großen Augen und den schwarzen Haaren, die sie sich wohl für ihre eigene Frisur abgeguckt hatte. Auf ihrem Bauch stand ein Spruch, den ich nicht lesen konnte. Ihre Brustwarzen waren durchstochen und auch an ihrer Scham meinte ich mehrere glänzende Ringe entdeckt zu haben. Über ihrem kleinen Dreieck blickte einem das aufgerissene Maul einer Kobra entgegen. Sie schlängelte sich durch ihr Gekräusel hinunter bis zu ihrem linken Knie. Diese Tätowierung war bunt und mit genialen Schatteneffekten, die dem Körper der Schlange eine real wirkende Plastizität verschafften. Bei näherem Hinsehen konnte man erkennen, dass sich das kunstvoll gestochene Tier häutete. Ich bemühte mich, nicht so zu starren, aber es gelang mir nicht wirklich. Doch Novelle beachtete mich gar nicht. Mir fielen die Narben über ihren Handgelenken auf. Mehrere quer und darüber an jeder Seite zwei große längliche, die entsetzlich entschlossen aussahen. Auch hatte sie einige blaue Flecken, einen großen an ihrer Seite. Novelle war wirklich kaputt. Als sie die Sachen übergezogen hatte, zog sie mich an meinem Ärmel aus ihrem Loch, schloss die Tür und sagte mit einer selbstverständlichen Bestimmtheit:
»Gehen wir!«
Jetzt beantwortete sich meine Frage, weshalb sie auch bei heißem Wetter immer Hemden oder Shirts mit langen Armen trug. Das war aber auch schon alles. Wer war dieses Mädchen? Ein derb fluchendes und saufendes Miststück? Oder dieses süße, scheue, traurige Ding, das jeder wie automatisch beschützen oder retten wollte. Mein Fragezeichen-Monsun wuchs zu einer Überschwemmung heran.
Novelle hielt mich immer noch am Ärmel und zog mich vorausgehend über den Hof durch den Hintereingang des Hotels, durch die Küche in Richtung draußen.
»Moment!« Mimi stoppte uns. Sie zog ihre Schürze aus, legte sie auf einen der Tische und blickte zu Polischuk hinüber. Mimi beherrschte die Kunst der wortlosen Kommunikation. Nur mit ihrem kleinen schielendem Blick konnte sie Anweisungen geben oder ihre Meinung äußern, die jeder verstand. Sie huschte kurz die Treppen nach oben und stand keine Minute später mit einem Strohhut auf dem Kopf und einer Tasche unter dem Arm bei uns auf der Straße vor dem Hotel.
Читать дальше