Wenn ich ihr auf dem Flur begegnete, dann murmelte sie immer etwas Unverständliches vor sich hin. Es hörte sich an, als würde sie in einer fremden Sprache leise flüstern. Es klang klagend, beschwörend und auch ein wenig traurig. Manchmal blitzte ihr Gesicht unter den langen schwarzen Fransen ihres Ponys auf, dann sah man trotz der dicken Kajallinien die harten Drinks, die ihre Augen so trübe machten wie die Anisschnäpse, die sie in sich hineinschüttete.
Freitags wurde im großen Frühstücksraum Bingo gespielt. Ich musste am Nachmittag die Tische rumrücken, das Mikrofon aufbauen und die Lautsprecherkabel so verlegen, dass man sie nicht sah. Rofu half mir bei den Stühlen.
»Hast du Kabel gut versteckt?«
»DAS Kabel«, antwortete ich, während ich mit drei Stühlen balancierte.
»Ja, sag ich ja. Kabel.« Rofu guckte mit seinen großen weißen Augen aus seinem schwarzen Gesicht.
»DAS Kabel, heißt es. Da muss ein Artikel vor das Substantiv.«
Ich ließ die Stühle ab, stützte mich mit einer Hand auf ein Knie und versuchte mit der anderen
meinen Rücken einzurenken.
»Hä?« Rofu tat verwundert. »Vorne steht doch das Stativ. Für Mikrofon! Und was für ein Artikel fehlt? Kabel ist da, Mikrofon und auch kleiner Verstärker.«
Ich wusste nicht, ob er mich wegen seiner mangelnden Sprachkenntnisse oder wegen des fehlenden Ohrs nicht verstand.
»DAS Kabel, DAS Mikrofon und DAS Stativ.«
»Verstehe.« Er grinste. »Alles da.«
»Ich meinte SUBSTANTIV. Und ja, alle Artikel sind da. Oder auch nicht«, murmelte ich noch in mich hinein.
»Was ist Sub-Stativ?«
Das hätte jetzt noch ewig so mit meinem Wumbaba gehen können.
»Das Stativ ist völlig okay. Es steht da gut.«
Rofu konnte einen mit seinem auf dumm gestellten Gesicht einfach zu Boden grinsen. Ich mochte den Kerl. Also schleppten wir weiter Stühle, bis ich durchgeschwitzt und fertig war. Ich richtete mich auf und fühlte, wie meine Bandscheiben wieder an ihre richtigen Stellen rutschten. Ich trug immer drei ineinander gestapelte Stühle, was mich an meine Grenzen brachte. Rofu hatte jedes Mal fünf in den Händen. Ich kam mir vor wie ein Würstchen. Herausfordernd und schnaufend sah ich ihn an.
»Weißt du, Rofu, für jeden Arsch gibt es rein rechnerisch eine bestimmte Anzahl an Stühlen. Die Sessel und Sitzgruppen, auf denen mehrere Ärsche Platz nehmen, nicht eingerechnet, sonst wird es unübersichtlich. Es gibt Stühle in Schulen, auf Flughäfen, Bürostühle in den Büros und Konferenzstühle für Konferenzetagen. Stühle stehen in Ämtern, in Hotels, bei mir zu Hause und wer weiß sonst wo. Es gibt Milliarden Stühle. Die der Chinesen noch nicht einmal eingerechnet. Was meinst du, wie viele Stühle ein einzelner Arsch so im Schnitt hat? So überschlägig. Ich habe zum Beispiel bei mir auf der Terrasse zwei und einen in der Küche. Aber ich schätze mal, ich hatte für meinen einzigen bescheidenen Arsch, der gar keine großen Ansprüche stellt, bestimmt zwanzig eigene Stühle und dann noch die, die mir angeboten und bereitgestellt worden sind. Das müssen Hunderte gewesen sein. Bei sechs oder acht Milliarden Menschen kann man sich schon ausrechnen, welch gigantisches Stuhlvolumen da draußen ist und wie viele Ärsche für andere Ärsche genau diese Stühle bis zum letzten Stuhlgang von hier nach dort schleppen. Dabei ist das Sitzen erwiesenermaßen gar nicht so gesund.«
Rofu schaute mich verwirrt an, dann schüttelte er den Kopf, als wäre ich ein bisschen meschugge, und machte kommentarlos weiter. Schließlich richteten wir den Saal her und ich prüfte noch mal, ob die Kabel auch keine Stolperfallen bildeten. Das war der Schmottke besonders wichtig. Wenn die alten Leute einmal hinfielen und sich die Oberschenkelhälse brächen, dann wär’s vorbei und die Stammgäste checkten für die nächsten Jahre in Rehazentren oder gleich auf Demenzstationen ein, anstatt hier an der Küste ihr Geld zu lassen, bevor sie es ihren Enkeln
vererben.
Ich hasste die Geldgeilheit der alten Wachtel und ich verachtete ihre krummen Finger, die nach jeder Münze griffen, die man ihr vor die Füße legte.
Wenn Gäste auscheckten, schlich sie wie eine hungrige Vogelspinne oft noch vor der Reinigung in die Zimmer, um hingelegtes Geld oder sonst ein Dankeschön, das für die Zimmermädchen bestimmt war, in ihrem Kleid verschwinden zu lassen. Auch was von den Gästen vergessen wurde, konfiszierte sie erst einmal, und für das, was sie freigab, ließ sie sich den Rückversand per Post immer mit dem doppelten Porto im Voraus bezahlen. Wertvolle Sachen behielt sie einfach oder sie tauchten als Gewinne beim Bingo wieder auf. Wegen ihrer Körperfülle konnte sie sich nicht gut bücken. Deshalb streute ich gerne ab und an ein paar Münzen. Nur damit sie sich zum Aufheben anstrengen musste. Dabei ächzte sie und hielt sich mit einer Hand irgendwo balancierend fest, während sie mit der anderen versuchte, die Geldstücke aufzukratzen.
Immer wenn sie knauserig war und uns den kleinen Lohn kürzte, zum Beispiel für ominöse Stromverbräuche unserer überteuerten Kaninchenställe mit Durchlauferhitzer und Nachtspeicheröfen, wollte ich ihr zuraunen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat. Aber ich verkniff es mir lieber. Alles in allem war das Leben hier gut, und ich wollte es mir nicht verscherzen.
5. MITTERNACHT
Am Bingoabend verkaufte die Schmottke die Spielscheine für einen Fünfer und verdiente an den Getränken und den kleinen Kanapees, die Argor und Mimi tagsüber zubereitet hatten. Die Preise, die sie auslobte, waren von einem unwürdig niederen Wert. Ein paar Flaschen Spumante, Bootsfahrten nach draußen zu den Austernbänken und ab und an etwas aus der Fundgrube. Es war ein richtiges Schrottwichteln. Die Veranstaltungen waren meist gut besucht. Die Schmottke zog im umgebauten Frühstücksraum die Nummern und las die Zahlen vor.
Novelle stand dabei oft in einer Ecke des Saals und fieberte mit. Außer der Reihe. Sie murmelte wie immer etwas vor sich hin und presste und zerdrückte die Spielscheine, die sie sich heimlich besorgt hatte, in ihren verkrampften Fingern, ohne nach jeder aufgerufenen Zahl nachzuschauen. Sie wirkte dabei immer sehr aufgeregt und es schien, als ob sie die fünfundzwanzig Nummern in ihrer Anordnung auswendig gelernt hatte. Ich sah, wie sie ab und an, und ohne es vorher nachzuprüfen, mit ihrem Mund ein »Bingo« formte und dann den Zettel endgültig zerknüllte und ihn mit enttäuschtem – nein, mit einem unendlich verzweifeltem Blick – in ihrer Tasche unter der weißen Schürze verschwinden ließ. An einem Abend glaubte ich, dass ich sie weinen sah, als ihren Lippen wieder ein lautloses Bingo entwich. Ich ging zu ihr hinüber und ich wusste nicht, ob sie mich wie den Taxifahrer anspringen, kratzen oder beißen würde. Aber wie sie dort stand, in dem Saal voller Leute, in eine Ecke gepresst, und wie sie dort so völlig verloren aussah, konnte ich nicht anders. Seit der Geschichte mit den Namensschildern hatten wir so gut wie kein einziges Wort miteinander gesprochen. Ich wusste nicht warum, aber ich legte meinen Arm um ihre Schultern. Sie schaute noch nicht einmal zu mir auf. Wir standen nur da, redeten nicht, und das Licht, die Leute und die Stimmen im Raum verschwanden für einen ganz kurzen Moment. Ich traute mich nicht, sie anzuschauen. Es war, als ob ich ein hauchdünnes Glas berührte. Wir standen einfach nebeneinander, doch ich spürte die Nähe, die sie zuließ, und vielleicht machte sie sogar einen kleinen Schritt auf mich zu. Nach einer Weile fragte ich sie leise:
»Was ist mit dir?«
Sie schaute zu Boden und flüsterte: »In meinem Kopf ist fast immer Mitternacht.«
Dann löste sie sich von mir und rannte raus. Später, nach der Arbeit, sah ich sie, wie sie ausgehfertig das Hotel verließ und in der Nacht verschwand.
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