So lernte ich während der Arbeit Mimi etwas besser kennen und, ja, auch ein bisschen zu lieben. Es mag etwas absurd klingen. Mimi war gut fünfzehn bis zwanzig Jahre älter als ich, und dennoch stellte ich mir ab und an vor, es mit ihr zu tun. Danach schämte ich mich jedes Mal ein wenig. Aber sie war eine interessante Frau, und wenn man genau hinsah, war sie auf ihre Art schön. Sie hatte lange Beine, ganz sicher einen wohlgeformten Busen, und ihr Silberblick hinter der Brille über ihrem spitzen Mund war nie ganz zu deuten. Meist beließen wir unsere Unterhaltungen auf der Arbeitsebene. Sie fragte mich nichts, und ich wusste, dass sie mir auch keine wirklichen Antworten geben würde. Sie verrichtete ihr Tagwerk und das war’s. Vielleicht hatte sie es sich abgewöhnt, die Saisonkräfte kennenlernen zu wollen, weil es eh nichts brachte. Mimi stand auf eine gleichgültige Art über all den Dingen, die nicht Teil von ihr waren. Sie war fremd in dem Ort, in dem Hotel, und auch in ihrer Kleidung wirkte sie, als ob sie nicht dazugehören würde. Sie schien hier an diesem Ort festzuhängen und auf irgendetwas zu warten. Also stellte ich keine großen Fragen und nur in meinen Träumen schlich ich ab und an in ihr Zimmer und streifte ihr das Nachthemd ab.
Im vergangenen Winter, als die Schmottke über die Weihnachtsfeiertage weg war – sie besuchte dann ihre Cousine in Frankfurt, die dort mit einem Banker verheiratet in einem dieser großen Häusern mit Vorgarten lebte –, hielt ich meine Kreuzschmerzen nicht mehr aus und tauschte meine Matratze mit einer der neueren aus einem Zimmer im Hotel. Nachts um vier wuchtete ich das unhandliche und bockige Ding durch das Treppenhaus. Dabei stolperte ich über ein Loch in den verschlissenen Läufern, stürzte den ganzen Absatz hinab und landete unter meiner Matratze auf der Zwischenebene der Stiegen. Nachdem ich mich wieder aufgerappelt hatte, sah ich Mimi oben im Flur. Sie saß in einem Pyjama auf den Stufen, rauchte eine Zigarette und schaute vorwurfsvoll auf die Szenerie. Sie trug keine Brille, und jetzt sah ich, dass sie kurze rote Haare hatte, die sie wohl immer unter dieser Doris-Day-Perücke versteckte. Sie sagte nichts, dann drückte sie die Kippe in einer Ecke auf dem Boden aus, ließ sie liegen und ging in ihr Zimmer.
Der Sommer wollte bald kommen und die Tage brachten schon jetzt in gezeitengleicher Regelmäßigkeit ein fortwährendes Ankommen und Abreisen der Gäste. Die neue Küchenhilfe war ein stiernackiger Sudanese, er wohnte tatsächlich in dem Appartement mit den ältesten Möbeln und der verschlissensten Matratze.
Die Neue, Novelle, hatte das Zimmer neben meinem. Wir hatten einen schlechten Start. Während der Arbeit mussten wir alle Namensschildchen tragen. Die Schmottke fand das persönlicher. Als Novelle mit Schürze an ihrem ersten Arbeitstag in die Küche kam, hatte ich für mich ein Schild mit dem Namen »R.OMAN« gebastelt. Für Mimi machte ich eines mit »P.ROSA«, und auch Rofu, der Küchenhelfer aus dem Sudan, hatte ein Schild, auf dem »G.DICHT« stand. Ich fand es spaßig. Mimi verzog ihren Mund, steckte sich das Ding aber an. Novelle fand das zunächst ziemlich lustig. Zuerst kicherte sie darüber und hielt sich dabei vornehm die Hand vor die Zahnlücke in ihrem Mund und legte den Kopf auf die Seite. Danach verfiel sie in schallendes Lachen, ihr Brustkorb und ihre Schultern zuckten immer mehr in ihrem Ringen nach Luft. Sie konnte gar nicht mehr aufhören und wiederholte prustend immer wieder »ROMAAAAN« und gluckste »P Punkt ROSA«. Doch von einem zum anderen Moment erstarrte sie, blieb eine Weile regungslos stehen und spuckte dann vor uns auf den Küchenboden:
»Ich hab mir den Scheißnamen nicht ausgesucht, ihr Wichser. Ihr könnt euch euer literarisches Quartett in eure Ärsche schieben.«
Sehr viel später erzählte sie uns, dass ihre Mutter den Namen bestimmte. Sie hatte einen kleinen Frankreich-Tick und las gerne die Novellen von Maupassant. Und Novelle klang gegenüber einer längst geläufigen Nicole doch viel französischer.
Sie nahm ihr Schild und verließ den Raum. Auch wenn ich es verbockt hatte, Novelle schien ein Talent für schlechte Anfänge zu haben. Der Taxifahrer erzählte mir später einmal bei einem Bier, dass sie damals, als er sie ins Hotel brachte, von einer auf die andere Sekunde ausgerastet sei. Ein Wunder, dass die Schmottke sie an dem Tag nicht wieder weggeschickt hatte.
Jedenfalls herrschte in der ersten Hälfte des Sommers Funkstille zwischen Novelle und mir. Mimi sprach ja eh nicht viel. Also verbrachte ich meine freien Tage damit, nichts zu tun. Ich las sehr viel und empfand Freiheit, die nicht durch unangenehme Pflichten gestört wurde.
Manchmal ging ich abends rüber zu Rofu, dem neuen Hilfskoch. Im Schein unzähliger Teelichter auf den alten Plastikmöbeln seiner Terrasse aßen wir gegrilltes Hühnchen mit sonderbaren Gewürzen. Ich sah, wie gerne mich Rofu bewirtete, wie er sich freute und wie er sich mit dem wenigen, das er hatte und bieten konnte, Mühe gab. Wer sein Obdach teilen kann, besitzt eine kleine Heimat. Wie alle Flüchtlinge sehnte sich Rofu nach Ankommen, nach etwas, das ihm das Verstecken, das Verleugnen, den unruhigen Schulterblick und die Hatz von den Gliedern nahm. Nach einem Zipfel Zuhause, in dem er sicher war und, so wie jeder, der ein Heim hat, seine Lasten in die Ecke stellen konnte, ohne dass er auf sie aufpassen musste.
Es ist egal, wovor du flüchtest. Vor den Dämonen einer Vergangenheit, vor Gewalt, Unfreiheit oder dem Tod. Vor dem Alter, der Justiz oder vor Durst und unstillbarem Hunger. Alle, die weglaufen, um das Land ihrer Sehnsucht zu finden, bezahlen den Preis ihrer Herkunft auf Raten.
Dass Rofu mein Gastgeber sein konnte, gab ihm nach seiner langen Reise ein Stück seiner Heimat und damit etwas von seiner Würde zurück. Die meisten bekommen, wenn von Heimat die Rede ist, ein sentimentales Gefühl, das sich wohlig warm über den Körper verteilt. Mich hingegen schaudert’s und es läuft mir kalt den Rücken hinunter. Ich wollte, dass mich keiner wirklich kannte, so wie dort, wo ein Zuhause ist. Weil mein wirkliches Ich zu feige war, genau hinzuschauen, sich seinem Spiegelbild zu stellen, sich zu betrachten, um zu sehen, was da ist. Nur da, wo die Heimat ist, wird man erkannt. Ich versteckte mich lieber.
4. STÜHLE RÜCKEN
Rofu war pechschwarz, bullig und glatzköpfig. Ein Typ, der eine herzliche Offenheit ausstrahlte. Vielleicht war das sein ganz eigener Weg, all dem Grauen, vor dem er einst fortlief und das ihm immer wieder mit anderen und neuen Gesichtern einholte, zu entgehen. Sein Rezept, den Schrecken und das Furchtbare nicht an sich heranzulassen? Auf seiner linken Seite fehlte ihm das Ohr, sein Handgelenk stand, vermutlich durch einen schlecht verheilten Bruch, etwas schief von seinem Arm ab. Außerdem war er gläubig. Schon das alleine ist in der heutigen Zeit suspekt. Zu allem, was er sagte und was ihm wichtig erschien, packte er ein »Allah« entweder vorne oder hinten an seinen Satz, um die Notwendigkeit und die Wichtigkeit des Himmels nochmals zu unterstreichen.
Mimi gesellte sich nie zu uns. Sie ging zweimal die Woche, immer an den gleichen Tagen, auf die Promenade zu ihrem Austernteller mit Weißwein, zog an ihrer Zigarettenspitze und blickte in die Ferne.
Wenn Novelle mit ihrer Arbeit fertig war, fuhr sie die zwanzig Kilometer mit dem Zug in die größere Stadt. Das machte sie beinahe an jedem Abend. Durch die dünnen Wände hörte ich oft, wenn sie nachts nach Hause kam und ihre Schuhe in eine Ecke des Zimmers pfefferte oder über etwas stolperte. Sie war so um die zwanzig Jahre alt. Ich wusste, dass sie sich nicht nur abends, wenn sie ausging, betrank. Sie soff auch tagsüber. Sie stahl die kleinen Schnapsflaschen aus den Minibars. Ich sah sie einmal, als sie aus einem bereits gemachten Zimmer kam und eine Handvoll von Minileergut in dem Müllsack an ihrem Reinigungswagen verschwinden ließ. Jacks, Gins, Beans und eine kleine grüne Piccolo-Flasche.
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