„Er scheint ihn wirklich herumgekriegt zu haben,“ lächelt Jens Jörring nach einer Weile. „Sehen Sie, Ragna, die beiden biegen ab an dem Pfad, der am Mergelgraben vorbei nach Möllegaard führt. Das ist nun eigentlich auch nicht das Richtige. Jensen-Möllegaard wird zwar seinen Hund nicht auf Pille hetzen, aber er ist imstande, dem armen Kerl noch mehr Alkohol einzutrichtern. Jensen liebt solche schlechten Späße.“
Ragna zuckt die Achseln. „Er wird wohl gar nicht zu Hause sein. Jensen-Möllegaard sitzt, seitdem er sich ein Auto zugelegt hat, doch abends meist im Hotel in Randers beim Kartenspiel.“
Die beiden Gestalten verschwinden hinter einer Bodenwelle. Jens Jörring und Ragna sehen schweigend in den Abend hinaus. So wundermild, so gnadenvoll still ist der Sommerabend über den schweren Feldern. Heuduft und fetter, würziger Erdgeruch ziehn aus dem Dunkel heran. Aus der Leutestube eines benachbarten Hofes, deren erleuchtetes Fenster wie ein ruhiges friedvolles Auge aus der schwarzen Wand schaut, trägt der Wind Bruchstücke eines Abendliedes herüber:
„... Beten wir im Abenddunkel
Wie nur Kind und Bauer beten.
Während stille Sterne leuchten
Über Roggen, den wir säten.“
„Ragna!“
Das Mädchen wendet den lauschenden Kopf und sieht in ein Männergesicht, in dem alles steht, was in solcher Stunde ein Liebender sagen könnte, weiß mit einem Male, daß Jens Jörring sie liebt, ernst und tief, wie es in seinem Wesen liegt. Ein leises Zittern durchläuft ihre Glieder, während sie schnell den Blick wieder abwendet und in die Ferne schaut, und das Zittern vrstärkt sich, als sie fühlt, wie eine Hand ganz zart und zögernd ihre schlaff herniederhängende Linke fast.
„Ragna?“
„Ja — Jens.“ Es ist das erstemal, daß Ragna Hvid ihn nur beim Vornamen nennt. Jens Jörrings Brust dehnt sich unter einem tiefen befreienden Atemzug. Im gleichen Augenblick aber krampfen sich Ragnas Finger jäh um seine Hand.
„Was ist das für ein Schein? Da drüben! Das ist doch ...“
„Da brennt es!“ sagt Jens Jörring, erschrocken auf die Röte starrend, die sich plötzlich über die dunklen, welligen Felder hebt.
„Ja, ja ... Jetzt sieht man die Flamme!“ Ragna starrt aufgeregt mit großen Augen gradeaus. „Es muß bei Jensen-Möllegaard sein!“
Steil und rot steht die Flamme über den schwarzen Feldern. Irgendwo in der Ferne beginnt eine Glocke zu läuten in raschen, unregelmäßigen Schlägen. Im Nachbarhof schlagen Türen. Stimmen rufen etwas Unverständliches. Ein Leiterwagen wird mit Gepolter aus der Scheune gerollt, wiehernde Pferde aus der Stallung gezogen. Ein paar Minuten später tutet ganz fern ein Brandhorn. Der Wagen vom Nachbarhof, vollbemannt mit Knechten und Tagelöhnern, kommt in rasendem Gelopp aus der Einfahrt auf den holprigen Weg. Der Hofbesitzer selbst schwingt die Peitsche über die unruhigen, aus ihrem warmen Stall gescheuchten Pferde.
„Wo ist es, Rasmus?“ schreit Jens Jörring einem der Knechte zu, als der Wagen am Gartenzaun vorüberrasselt.
„Jensen-Möllegaards Scheune brennt!“
Der Ruf wird halb verschluckt vom Hufgetrampel und Räderrollen. Auch drüben aus der Richtung des Kjelderuphofes dringt dumpfes Rollen herüber. Poul Nielsen und seine Leute sind gleichfalls auf dem Weg zur Brandstätte. Näher und lauter ruft das Brandhorn durch die Nacht. Eine Lichtflut überströmt plötzlich Ragna und Jens Jörring. Frau Anker hat die Tür zur Wohnstube weit geöffnet. Oben im Stockwerk und im Giebel werden die Fensterladen aufgestoßen. Die Hausmägde und die Schüler, die dort oben wohnen, stecken neugierig die Köpfe heraus. Drüben auf der Chaussee, die zur Stadt führt, strahlt der Lichtkegel eines Scheinwerfers auf, ein fauchendes, klingelndes Ungetüm rast über die Landstraße dahin — die Motorspritze der Feuerwehr von Randers.
*
Um Ragna und Jens ist es lebendig geworden. Die jungen Leute, die am Kursus der Volkshochschule teilnehmen und im Schulgebäude wohnen, sind alle herausgekommen, tauschen ihre Ansichten und Vermutungen aus. Ein paar von ihnen machen sich auf den Weg über die Felder auf Möllegaard zu.
Eine halbe Stunde wohl steht die Flamme in der Nacht, dann wird sie langsam kleiner, leckt noch einmal hochauflodernd in den Himmel und sinkt zusammen. Schweres Dunkel liegt über der Gegend.
Ragna und Jens Jörring stehen noch immer dicht nebeneinander am Gartenzaun, als Frau Anker und die Schüler längst wieder hinaufgegangen sind. Das klägliche Läuten der Kirchenglocke in der Ferne hat aufgehört. Nicht einmal ein rötlicher Schein bezeichnet mehr die Stelle, wo vorhin die Flamme stand. Ragna wird erst jetzt gewahr, daß ihre Linke noch immer in der Hand Jens Jörrings liegt. Langsam versucht sie, sich von ihm zu lösen. Aber Jens Jörring hält fest.
„Höjris braucht dich, Ragna, wie ich dich brauche,“ sagt er ruhig, als sei alles zwischen ihnen bereits gesagt, „zu Weihnachten können wir heiraten.“
Da wendet Ragna ihm ihr Antlitz voll zu, ein Antlitz, in dem Sehnsucht, Trauer, Gewährung und Entsetzen kämpfen. Aber das Entsetzen behält die Oberhand. Es steht wie ein dunkles Geheimnis in ihren angstvollen Augen.
„Nein, Jens,“ stößt sie mit zitterndem Atem hervor, „ich kann nicht! Ich ... ich tauge nicht für dich!“
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