Eine Weile wartet Karen, dann steht sie auf und tritt so dicht zu dem Vater hin, daß er aufschauen muß.
„Ich gehe nächsten Sonntag nicht nach Möllegaard, Vater. Ich gehe überhaupt nicht mehr zu Jensen!“
„Was ist denn? Habt ihr euch gezankt?“
„Nein. Ich kann ihn nicht heiraten!“
Das verwitterte Gesicht Nielsens bekommt einen verkniffenen, harten Zug. „Dummes Geschwätz! Warum denn auf einmal nicht?“
Karen bekommt einen roten Kopf und schluckt. „Weil ich ihn nicht mag,“ sagt sie etwas patzig. „Jensen-Möllegaard ist fünfzig und ich erst neunzehnundeinhalb, und überhaupt: Das Leben ist doch so schön, Vater, warum soll ich schon so früh heiraten? Wir könnten doch wenigstens noch ein paar Sommer zusammen ...“
„Langsam mit den jungen Pferden!“ Poul Nielsen ist aufgestanden und macht ein böses Gesicht. „Hat dich der Sommer verdreht gemacht. Mädel, oder hat dir jemand Flausen in den Kopf gesetzt? Wie denkst du dir das eigentlich? Ich habe Jensen-Möllegaard mein Wort gegeben, die ganze Gegend weiß, daß ihr verlobt seid, etwas vorzuwerfen hast du ihm nicht —. Du bist ja verrückt, Karen!“
„Verlobt ist noch nicht verheiratet, Vater. Man kann doch eine Verlobung lösen.“
„Dazu muß man einen Grund haben.“
„Ist das kein Grund, wenn ich den Mann nicht lieb habe?“
„Nein,“ sagt Poul Nielsen hart und schaut einen Augenblick mit grauem Gesicht in eine Vergangenheit. Dann macht er eine heftige Handbewegung, als wolle er ein quälendes Bild auswischen. Und nächsten Sonntag gehst du zu ihm. Es gehört sich nicht, daß du vier Wochen lang dich um deinen Verlobten nicht kümmerst.“
„Vater!“
„Du heiratest Jensen-Möllegaard. Je schneller ihr aneinander gebunden werdet, um so besser für dich. Punktum!“ Poul Nielsen rafft die beiden Briefe zusammen und geht mit schwerem Schritt aus dem Zimmer.
*
Der Abendwind, der vom Fjord herüberweht, vermag Poul Nielsens Ärger nicht mit hinwegzutragen. Das mit Karen ist nicht so ernst zu nehmen. Junge Mädchen haben manchmal Launen. Wenn sie erst die Frau auf Möllegaard ist, wird sie an anderes zu denken haben. So ein Gut wie der Mühlenhof macht Arbeit. Und die Kinder — natürlich. Kinder werden auch nicht ausbleiben. Viel mehr als die Sache mit Jensen-Möllegaard ärgern Poul Nielsen die beiden Briefe, die in seiner Rocktasche knistern. Was schreibt der Lümmel, der Arne? Er kommt nach Kjelderup, morgen schon. Ohne Ferien, mitten aus dem Semester heraus fährt der junge Herr einfach nach Jütland!
Poul Nielsen sieht heute nicht die schweren Halme seines Roggens, die sich im Abendwind neigen und wiegen. Er überhört sogar — was ihm sonst nie passiert — den Gruß eines der Tagelöhner, der, einen langen Grashalm im Munde, an ihm vorüberstreicht und seine Mütze rückt.
Arne! War es nicht dumm, bodenlos dumm, daß er den Jungen auf die Hohe Schule geschickt hat, statt ihn in der Wirtschaft arbeiten zu lassen? Freilich, Lust zur Landwirtschaft hat Arne nie gehabt. Der Hof war ihm nichts. Und wenn Karen den Möllegaard heiratet, dann werden eines Tages, wenn Poul Nielsen die Augen schließt, die beiden großen Höfe vereinigt. Der Kjelderuphof und der Mühlenhof, die größte Besitzung der Gegend! Aber das war es nicht allein, was ihn damals bestimmte. Der Ehrgeiz war es. Der Junge sollte studieren, etwas Brauchbares natürlich: Veterinär, Tierarzt, sollte er werden. Aber nicht nur das. Ein Studierter hat den Weg frei zu ganz anderen Dingen. Poul Nielsen hat davon geträumt, daß sein Sohn einmal etwas ganz Großes werden sollte, ein Mann, vor dem das ganze Land den Hut zieht, so wie J. C. Christensen, der Küstersohn, der als Ministerpräsident die Geschicke Dänemarks lenkte, oder wie Claus Berntsen, der Bauernjunge, der Kriegsminister wurde. Und nun ist der Junge hoffnungslos versumpft drüben in der Hauptstadt. Lernen? Ja, Kuchen! Schulden machen, Bummeln, Kartenspielen, mit Mädchen herumflanieren, — weiter tut er nichts. Natürlich hat er wieder Schulden gemacht, sonst käme er nicht herüber. Und schon der Ton, den der Junge in seinen Briefen hat. „Lieber Alter!“ Das hätte er, Poul Nielsen, einmal seinem Vater schreiben sollen! Mit der umgekehrten Mistforke hätte der seinem Sprößling Mores beigebracht!
Und zu all diesem Ärger auch noch der Brief von der Bank. Zu seinem größten Bedauern, schreibt der Bankdirektor, sei er nicht in der Lage, den Wechsel noch einmal zu prolongieren. Wenn er nicht binnen drei Tagen eingelöst werde, müsse er zu Protest gehen, und Herr Nielsen wüßte ja wohl selber, was das zu bedeuten hätte. Er hoffe, Herr Nielsen werde verstehen, daß nur die schwierige Lage auf dem Geldmarkt ihn veranlaßten und so weiter —.
Der Bauer lacht bitter. Nun, wenn der Mann nicht will, dann wird er eben das Geld schaffen und zahlen müssen, wenn’s auch im Augenblick hart geht.
Drüben, wo der Seitenweg zur Chaussee abgeht, liegt eine Kate. Ein kleiner, schwarzhaariger Mann ist eben dabei, den Bretterzaun vor seinem Gemüsegärtchen auszubessern. Er erwidert den Gruß des Hofbesitzers nur mit einem mürrischen Nicken. Poul Nielsen tritt in einem plötzlichen Entschluß durch die kleine Zauntür.
„’n Abend, Asmus. Ich hätte ein paar Worte mit dir zu sprechen.“
Asmus Bent sieht verdrossen von seiner Arbeit auf. Er hat die Kate hier mit dem dazugehörigen kleinen Acker vom Kjelderuphof gepachtet, gehört sozusagen zu den Kjelderupleuten, aber es verdrießt ihn jedesmal, wenn der Hofbesitzer ihn duzt wie alle übrigen. Asmus Bent hat seinen Stolz. Er arbeitet in der Saison in der Zuckerfabrik bei Randers. Er spielt eine Rolle im Arbeiterverein in der Stadt, ist überhaupt ein aufgeweckter, intelligenter Mensch, aber doch nicht intelligent genug; denn die sozialistischen Phrasen, mit denen die „Arbeiterzeitung“ ihr Süppchen kocht, rumoren in seinem Kopf mehr, als gut ist. Unwillig stampft er hinter dem Hofbesitzer in die niedrige Stube.
„Was gibt’s denn, Herr Gutsbesitzer?“
„Ich heiße Nielsen.“ Der alte Bauer zieht die buschigen Brauen hoch. Es ist der reine Hohn von dem Kerl, er weiß ganz genau, daß ihm diese Bezeichnung zuwider ist. Barscher, als er eigentlich wollte, rückt Nielsen mit seiner Forderung heraus.
„Du weißt ja wohl, Bent, daß die Pacht schon zwei Monate rückständig ist.“
Der Mann zuckt die Achseln. „Nach der Ernte zahle ich.“
„Wovon?“ Hohn steht in den Augen des Hofbesitzers. „Willst du dein bißchen Korn verkaufen?“
„Ich mache in der Erntezeit Feldarbeit,“ sagt Asmus Bent sachlich, „und hoffe, daß die ja wohl bezahlt wird.“
Asmus Bent wird hitzig. Es drückt ihn selber schon lange genug, daß er rückständig ist, aber Poul Nielsen weiß doch, wie es steht. Früher, als die Frau noch lebte und die Wirtschaft besorgte, während er zur Fabrik ging, hat er immer pünktlich gezahlt. Aber vor fünf Monaten ist Anna gestorben, und Andreas, der Junge, ist erst zehn Jahre. Der kann doch den Hof nicht versorgen. Dazu noch das Unglück mit dem Kalb im vorigen Monat! Wäre nicht mehr als anständig, wenn der Hofbesitzer ein Auge zudrücken und warten würde, bis er wieder zahlen kann.
„Ich brauche das Geld, Bent,“ sagt Poul Nielsen. „Es wäre mir lieb, wenn du es in den nächsten Tagen bringen könntest.“
„Soll ich’s mir aus den Rippen schneiden?“ schreit der kleine Mann wild. „Wird doch wohl noch einen Monat anstehen können!“
Poul Nielsen weiß natürlich genau, wie es um Asmus Bents Wirtschaft steht. Wenn der Mann gekommen wäre und hätte ihn, wie es sich gehört, um Zahlungsaufschub gebeten, wenn er auch jetzt nur ein gutes Wort geben würde, Poul Nielsen würde die Pacht mit keiner Silbe mehr erwähnen. Aber das ist es eben, was ihn ärgert. Diese städtischen Arbeiter dünken sich große Leute, haben den Kopf voll von Mucken, schimpfen über Amtmann, Pastor und König und sehen die Bauern geringschätzig über die Achsel an. Wie er wieder dasteht, der Bent, und ihn anglubscht! Poul Nielsens Herz verhärtet sich vor den haßerfüllten Augen des kleinen Schwarzhaarigen.
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