„Ich sagte dir doch, Bent, daß ich das Geld brauche.“
Das Gesicht Asmus Bents verzieht sich zu einem häßlichen Grinsen. „Ich kann doch unmöglich annehmen, daß der Herr Gutsbesitzer eine so kleine Summe ...“
„Das geht dich nichts an!“ fährt Poul Nielsen scharf dazwischen. Aller Groll, der heute in ihm ist, drängt sich zur Entladung. „Ein für allemal: Wenn du deine Pacht bis zum nächsten Montag nicht bezahlt hast, kündige ich den Vertrag. Kannst dir dann ein anderes Häuschen suchen.“
Asmus Bent sieht sich mit einem wirren Blick um. Das ist sein Haus. Das ist die Stube, in der Anna gestorben ist. Ein altes, morsches Haus, eine verräucherte, uralte Stube, in der die Hühner scharren und in deren Mitte noch ein Balken freisteht, wie der „Krätzepfahl“, an dem sich zu Urgroßvaters Zeiten die jütischen Bauern die breiten Buckel rieben. Aber doch ein Heim, sein Heim, nicht so eine Mietswohnung wie in der Stadt. Und das will dieser Kerl da, dieser reiche Hofbesitzer, ihm nehmen! Nur weil er Unglück gehabt hat und mit der Pacht in Rückstand gekommen ist! Asmus Bent sieht plötzlich rot vor den Augen.
„Volksaussauger! Mistbauer!“ zischt er, seiner selbst nicht mehr mächtig.
Poul Nielsens Adern schwellen dick an auf der Stirn, aber er beherrscht sich. Ohne ein Wort der Erwiderung macht er auf dem Absatz kehrt und geht aus der Hütte. Asmus Bent ist vor Haß und Wut einen Moment unfähig, sich zu rühren. Auch Schrecken ist dabei. Jetzt ist alles verloren! Nach der Beleidigung wird Nielsen bestimmt seine Drohung wahrmachen!
Der Hofbesitzer ist schon draußen, als Asmus Bent aus seiner Erstarrung erwacht. Mit erhobenem Arm stürzt er hinter Poul Nielsen her, ohne im Augenblick selber zu wissen, ob er ihn schlagen oder um Entschuldigung bitten will. In seiner blinden Hast vergißt er die Türschwelle, stolpert, schlägt mit dem Kopf auf die Steine draußen ...
Poul Nielsen dreht sich bei dem Fall um. Er sieht Asmus Bent, der sich stöhnend aufrichtet und mit der Hand das Blut fortwischt, das ihm über das Gesicht läuft. Er sieht auch, daß drüben auf der Chaussee eben der Knecht vom benachbarten Eslevhof vorbeiradelt und lange Augen macht. Unwillig wendet er sich zu dem Gestürzten zurück:
„Hast du dich verletzt, Bent?“
„Geh zum Teufel!“ stöhnt der kleine Mann. Poul Nielsen dreht sich um und marschiert ärgerlich wieder seinem Hof zu. Er ist unzufrieden mit sich selber. Wie kommt er nur dazu, Asmus Bent mit der Pachtkündigung zu drohen? Ist ja Unsinn! Der Mann hat Unglück gehabt in der letzten Zeit, und die kleine Summe langt sowieso nicht zur Einlösung des Wechsels. Wenn der Mann ihn nur nicht gereizt hätte! Und nun hat gar das Klatschmaul, der Knecht vom Eslevhof, gesehen, daß er, der Kjelderupbauer, sich mit einem Häusler gezankt hat. Zu ärgerlich ist das! In finsterer Stimmung tritt Nielsen in das Wohnhaus, ohne wie sonst erst noch mal zum Stall hinüberzugehen und den Kühen über die blanken Kruppen zu streichen.
Am nächsten Tage erzählt man sich in allen Leutestuben der Umgegend, daß Poul Nielsen mit Asmus Bent in Streit geraten ist und ihn blutig geschlagen hat.
Das Wetter ist trocken geblieben, trockener sogar, als der Bauer es gewünscht hat. Es ist höchste Zeit, daß der Roggen geerntet wird. Im Kjelderuphof hat es seit einigen Tagen scharfe Arbeit gegeben: Die Sensen, die Mähmaschinen, die Geräte sind nachgesehen und in Bereitschaft gesetzt worden. Die Eisenteile blitzen, an den Rechen und Harken fehlt kein Holzzahn. In die Scheune sind fünf neue Tagelöhner eingezogen. Morgen soll die Erntearbeit beginnen.
Es wird in der nächsten Woche kaum noch freie Zeit geben, darum ist Walter Münch heute abend noch einmal die dreiviertel Stunden Wegs nach Höjris gegangen, um Ragna Hvid zu besuchen. Sie wohnt in der Volkshochschule, deren steiles, rotes Dach aus einem Kranz alter, breiter Buchen hervorleuchtet.
Walter Münch geht gern nach Höjris. Es ist gut sein dort, sowohl in der hellen, großen Mansardenstube, in der Fräulein Hvid ihr „Kontor“ hat, wie unten in der Wohnung Jens Jörrings, des jungen Schulleiters. Jens Jörring ist überhaupt ein Mann nach Walters Herzen: groß und schlank, semmelblond, mit einem ernsten Denkergeist und ein Paar großen, hellen Fridericusaugen. Jens Jörring ist der Sohn eines jütischen Heidebauern. Er sitzt gern nach Feierabend ein wenig zusammen mit Walter Münch, und die Stunden haben für beide ihre großen Vorteile. Jens Jörring frischt sein Schuldeutsch auf, und Walter lernt nicht nur ein gut Teil mehr von der dänischen Sprache, er bekommt auch einen Einblick in das Volksleben des Landes.
Höjris ist keine einfache Schule. Es ist eines der geistigen Zentren des flachen Landes, eine Heimstätte der Landjugend wie Askow und Vallekilde. Walter staunt immer wieder über die freie Aufgewecktheit der Bauernjungen und -mädchen, die abends in Jens Jörrings großer Schulstube sitzen und seinen Vorträgen folgen. Ein Lied zu Beginn des Vortrags, helle, aufmerksame Augen, verständige Zwischenfragen während der Stunde, ein gemeinsames Lied zum Schluß und ein derber, kameradschaftlicher Händedruck mit Jens Jörring — das ist Höjris. Von griechischer und römischer Vorzeit wissen die jungen Menschen in Höjris nicht viel, aber die Geschichte ihres Landes von der Bautasteinen der Vorzeit bis zum heutigen Tag, die kennen sie dafür um so besser. Sie lernen ihre Muttersprache lieben, ihre Schönheiten verstehen in Dichtung und Lied. Eines dieser Lieder hat Walter ganz besonders gefallen:
Wir lieben das Land.
Mit dem Schwert in der Hand
Soll der Feind aus der Fremde gerüstet uns finden.
Doch gegen Unfried und Streit
Unter uns woll’n wir weit
Auf den Hügeln der Väter die Feuer anzünden.
Es gibt Trolle und Hexen, die überall schalten,
Die woll’n wir mit Feuer vom Leibe uns halten.
Wir woll’n Fried hierzulands,
Sante Hans, Sante Hans!
Er wird wohnen, wo niemals die Herzen im Zweifel erkalten.
Verwandtes, Volksgleiches hat aus diesem alten Sankt-Hanslied über Grenzpfähle und Sprachenunterschied zu Walter Münch gesprochen. Jens Jörring hat, als er entdeckte, daß Walter mit der deutschen Volksdichtung nicht unbekannt war, ihn sofort aufgefordert, seinen Schülern etwas davon zu erzählen. „Sie sollen sich nicht vorbereiten und einen Vortrag halten,“ hat er lächelnd gesagt, als Walter verlegen Einspruch erhob, „Sie sollen uns einfach etwas erzählen, genau so, als ob Sie mit Kameraden im Krug oder in der Leutestube säßen.“ Walter hat seine Verlegenheit überwunden und den dänischen Bauernjungen von Hermann Löns erzählt, und die jungen Leute von Höjris haben ihm zugehört, ernst und verständnisvoll, ohne auch nur ein einziges Mal einen der vielen Fehler zu belächeln, die Walter in der dänischen Sprache unterliefen. Nachher hat Jens Jörring noch ein paar verständige Vergleiche gezogen zwischen dem Dichter der deutschen Heide und Steen Blicher, dem alten dänischen Heidedichter. Seit jenem Abend ist Walter Münch stillschweigend in die Gemeinschaft von Höjris aufgenommen worden.
Jens Jörring ist noch im Schulgarten, als Walter heute Höjris erreicht. Er steht zwischen den Rosenstöcken und sucht bedächtig die schönste der vollerblühten Blumen aus.
„Ja, Fräulein Hvid ist oben,“ beantwortet er freundlich die Frage Walters. „Gehen Sie nur hinauf und — hm ja — nehmen Sie doch bitte diese Rose hier mit! Sagen Sie ihr, es sei die letzte von den brandroten, die sie so gern mag.“
Ragna Hvid räumt gleich ihren Tisch, auf dem in kleinen Säckchen Samenproben und allerlei Tabellen liegen, ab, als Walter eintritt. Ihre ernsten, grauen Augen bekommen einen Schimmer von Fröhlichkeit.
„Gefällt es Ihnen noch immer auf dem Kjelderuphof, Münk? Oder haben Sie nun genug davon?“
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