„Das freut mich. Die Lise wird Ihnen noch einen frischen Strohsack bringen. Der alte in Ihrer Kammer taugt nicht mehr viel. Montag früh müssen Sie mit aufs Feld, aber nachmittags können Sie mir dann ein bißchen im Gemüsegarten helfen. Und dabei wieder etwas von Deutschland erzählen wie vorhin, als wir auf Vater warteten.“ Karen lächelt dem Neuen noch einmal zu und stellt dann ein paar Fragen an Jörgensen, die die Arbeit betreffen. Der Großknecht antwortet nur kurz und schwerfällig.
Als Karen gegangen ist, stopft er sich langsam und nachdenklich seine Pfeife. Sein Gesicht hat einen fast gequälten Ausdruck vor Nachdenklichkeit. Karen Nielsen kommt selten abends in die Leutestube, und der Strohsack in der Knechtskammer ist doch noch ganz gut. Daß aber Karen zu dem Neuen „Sie“ sagt, wo man sich hier auf dem Kjelderuphof doch allgemein duzt, das ist ewas zu viel für Jörgensens Schädel. Auch die andern grinsen darüber und meinen, dem Neuen einen guten Rat geben zu müssen. „Wir sagen einfach ‚Karen‘ hier und nicht ‚Fräulein Nielsen‘, belehrt der Zweitknecht, „der Bauer wird fuchsteufelswild, wenn er das hört.“
Morgen ist Sonntag. Da bleibt man heute etwas länger sitzen in der Leutestube. Gegen halb zehn Uhr aber verkrümeln sich der Zweitknecht und der Hütejunge doch in ihre Kammern. Die Tagelöhner sind schon früher gegangen. Sie wollen noch nach Höjris hinüberschlendern und ein Glas Bier im Krug trinken. Und der Schweizer hat sich mit der Küchenmagd irgendwohin in den Garten verzogen. Die beiden wollen nächstes Jahr heiraten; deshalb nimmt es niemand übel, wenn sie sich absondern. Nur Walter und der Großknecht bleiben noch ein bißchen sitzen. Jörgensen qualmt schweigend. Erst als die Uhr zehn schlägt, klopft er seine Pfeife aus und reckt sich ein bißchen.
„Ja, Karen ...,“ sagt er, gleichsam eine lange Gedankenreihe zu Abschluß bringend, „sie ist verlobt mit Jensen-Möllegaard, dem größten Hofbesitzer der Gegend hier. Unser Bauer freut sich darauf, seine Tochter auf dem Mühlenhof einziehen zu sehen. Nächstes Frühjahr gibt’s eine tüchtige Hochzeit hier auf dem Kjelderuphof.“
Walter antwortet nicht. Es lag etwas wie eine Warnung in den bedächtigen Worten des Großknechtes. Da Jörgensen aufsteht und nach seiner Jacke langt, wünscht auch Walter eine gute Nacht und verschwindet in seine Kammer. Der Großknecht aber liegt noch lange wach in seinem Bett. Das „Sie“ und der neue Strohsack wollen ihm nicht aus dem Kopf.
„Ist eigentlich Frauenzimmerarbeit, das da,“ brummt Toni Nielsen, als er, seinen Knotenstock in der Hand, sich am Montagabend anschickt, mit dem Großknecht einen Gang durch die Felder zu machen. Sein Blick fliegt etwas mißmutig zu den beiden hinüber, die im Küchengarten hinter dem Wohnhaus jäten und die Wege neu abstecken. Karen richtet sich einen Augenblick auf und lacht den Vater an.
„Münch hilft mir gerne, Vater!“
Poul Nielsen zuckt die Achseln. Irgendwie paßt es ihm nicht recht, daß Karen den Neuen nach Feierabend mit Beschlag belegt. Aber der Deutsche ist ein anständiger Kerl. Nielsen hat heute schon bei der Arbeit bemerkt, daß Münch nicht nur mit den Maschinen umzugehen weiß, sondern auch auf den Feldern und im Viehstall seinen Mann steht. Man merkt, daß er Bauernblut in sich hat. Na, wenn er seine Feierabendstunden lieber damit verbringt, dem Mädchen im Küchengarten zu helfen, statt mit den andern Arbeitern nach Höjris zu bummeln, ihm, Poul Nielsen, kann es schließlich recht sein.
„So, jetzt haben wir’s gleich geschafft, Fräulein Karen!“ Walter sticht die letzten Kanten ab und wischt seinen Spaten ab. „Die Wege sind so gerade, wie sie sein sollen.“
„Meinen Sie: wie sie im Leben sein sollen, Münch?“
Walter sieht überrascht auf. „Daran hab’ ich nicht gedacht. Aber richtig ist’s schon: Ich mag die krummen Wege nicht gern, im Garten nicht und auch nicht im Leben.“
*
Karen beugt sich wieder nieder, um noch ein paar Halme Unkraut herauszuziehen, und ohne ersichtlichen Grund beginnt sie auf einmal zu singen. Walter lauscht verstohlen. Ein fröhliches dänisches Lied, so hell und sommerlich wie ihre ganze Gestalt, die sich in unbewußter Anmut über die Beete bückt.
Sie spazieren dann noch ein bißchen durch die Felder, zum „blauen Loch“, einem verwilderten Gartenstück voller Fingerhut und Glockenblumen, von dem aus man die Schilfufer des Randers-Fjords erblicken kann. Sie sprechen viel miteinander unterwegs. Karen ist anders als die „Mädchen vom Lande“, die Walter sonst kennt. Sie plaudert von hundert Dingen, und es ist dennoch kein so oberflächliches, nichtiges Schwatzen wie bei vielen Großstadtmädchen, deren Horizont oft nicht über die Tanzdiele und das Kino hinausgeht und die sich dennoch Gott weiß wie erhaben dünken. Und noch eines versteht Karen Nielsen: das Zuhören. Sie kann so still und versonnen neben ihm dahergehen, wenn er von seiner Heimat spricht, von seinen Eltern, seinem bisherigen Leben. Als die beiden sich endlich vor der Tür des Leutehauses trennen, fühlt jede Hand den festen Druck der andern. Um so schneller irren die Augen auseinander.
Poul Nielsen ist bereits heimgekommen und in schlechter Laune, als seine Tochter in das Wohnzimmer huscht.
„Wo warst du denn, Karen?“
„Bißchen spazieren mit Münk.“
Der Hofbesitzer runzelt die Stirn. „Mir scheint, du möchtest am liebsten den ganzen Tag mit dem Neuen schwatzen und noch die halbe Nacht dazu. Was soll dein Verlobter davon denken?“
„Meinst du Jensen-Möllegaard?“
„Wen denn sonst? Du wirst mir zu flatterig, Karen. Ist höchste Zeit, daß du unter die Haube kommst. Ich werde mal mit Jensen sprechen, was er dazu meint, wenn wir die Hochzeit statt im Frühjahr schon in der Weihnachtszeit feiern.“
„Nein, Vater, tu das nicht!“
„Warum nicht, Mädel? Ja, so, ich verstehe schon. Du möchtest ihm das selber sagen, wie? Nun, nächsten Sonntag bist du ja wieder im Mühlenhof. Es sind nun schon vier Wochen her, seit du deinen Verlobten zuletzt besucht hast.“
Poul Nielsen wartet keine Antwort ab. Er setzt sich breit an den Tisch und beginnt die Post durchzusehen, die der Bote heute nachmittag gebracht hat, ein paar landwirtschaftliche Zeitschriften, einen Prospekt von einer neuen Melkmaschine und zwei Briefe, von denen der eine den Aufdruck der Randers-Bank, der andere den Poststempel der Hauptstadt trägt. Poul Nielsen schneidet sie bedächtig auf und beginnt langsam zu lesen.
Karen sitzt währenddessen am Tisch, aber sie nimmt nicht wie sonst ihr Strickzeug zur Hand, ihre Hände ruhen im Schoß, und die Finger schlingen sich nervös umeinander. Besuch bei Jensen-Möllegaard! Wieder freundlich sein, lächeln, sich als zukünftige Herrin des Mühlenhofes zeigen und doch dabei kämpfen gegen den Mann, der sie zur Frau will und den sie nicht liebt. Jeder Sonntag, den Karen im Mühlenhof verbracht hat, ist so ein stiller Kampf gewesen. Der Vater sieht es nicht. Er sieht in Jensen-Möllegaard nur den ehrenfesten, etwas würdevollen und ernsten Hofbesitzer, einen Bauern, der für sein Anwesen eine Frau sucht. Wenn es so wäre! Karen ist in der Anschauung aufgewachsen, daß eine Heirat hier auf dem Lande nur von praktischen Gesichtspunkten geschlossen wird. Aber wenn sie mit Jensen-Möllegaard allein ist, der ihr Vater sein könnte, bäumt sich ihre ganze Jugend auf gegen diese Heirat. Ist das denn nötig, daß sie den alten Jensen-Möllegaard nimmt? Warum kann sie nicht auf dem Kjelderuphof bleiben, bis ... einer kommt, der sie mag und den sie mag?
„Vater, ich liebe Jensen-Möllegaard nicht,“ sagt das Mädchen ganz plötzlich und hält den Atem an vor der Stunde der Entscheidung. Aber Poul Nielsen hört den Kampfruf nicht.
„Wird schon kommen,“ brummt er so nebenbei und liest mit gefurchter Stirn weiter in den Briefen.
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