Die Wahrscheinlichkeit, dass ältere Menschen sich räumlich und sozial noch einmal verändern und umziehen, ist geringer als bei jüngeren Menschen. Als Gründe dafür werden höhere Lebenserwartung, bessere finanzielle Möglichkeiten und größere persönliche Freiheit der Alten von heute angenommen. Untersuchungen belegen aber, dass ältere Menschen durchaus bereit sind, ihre Wohnsituation noch einmal zu verändern, falls altersgerechte Wohnalternativen bestehen. Immerhin ein Drittel der Senioren wäre zu einem Wohnortwechsel bereit, wenn dadurch selbstständige Lebensführung möglich ist. (10)
Wohnraum nach Maß
Wie die meisten Menschen leben Senioren in „normalen“, meist privaten Wohnungen und möchten dort auch so lange wie möglich bleiben. Hier kennen sie viele Menschen, sind mit allem vertraut und wissen, wen sie fragen können, falls sie einmal Unterstützung brauchen.
Aber viele Wohnungen sind nicht wirklich geeignet für ihre Bewohner. Eine Familie mit mehreren kleinen Kindern braucht mehr Platz als ein älteres Paar – und tolerante Nachbarn, die sich von dem Geräuschpegel nicht aus der Ruhe bringen lassen. Behinderte Menschen benötigen mehr Bewegungsspielraum, um sich mit Gehhilfen jedweder Art in und um die Wohnung zu bewegen.
Auch für alte Menschen sind bestimmte Bedingungen zu erfüllen, damit sie möglichst lange unabhängig und selbstbestimmt leben können. Die Wohnung sollte für ihre speziellen Bedürfnisse geeignet sein, nicht zu klein aber auch nicht unerschwinglich teuer sein, in der Nähe der Familie oder zumindest der Freunde liegen und über ausreichend Hilfe-Möglichkeiten verfügen, falls man alleine nicht mehr weiter kommt.
Altersgerecht wohnen
Früher ging man davon aus, dass altersgerecht vor allem behindertengerecht bedeutet und plante Wohnungen, in denen Behinderungen so gut wie möglich berücksichtigt waren: lange und breite Gänge (geeignet für Gehhilfen), Böden ohne Schwellen und Stolperfallen, Fahrstühle und Rampen an den Übergängen. Um gerade den Senioren ein geruhsames, störungsfreies Wohnen unter Gleichen zu ermöglichen, wurden solche Wohnungen oft als ganze Anlagen erbaut.
Aber: Altersgerecht ist nicht gleichzusetzen mit altengerecht, denn nicht in jeder Phase des Lebens ist man „alt“ und nicht jeder „alte“ Mensch ist behindert. Die aktuellen Trends gehen eher dahin, Wohnungen und Siedlungen so zu bauen bzw. zu gestalten, dass sie für Menschen jeden Alters und mit den verschiedensten Einschränkungen, Behinderungen und Bedürfnissen gleichermaßen genutzt werden können. Denn die Anforderungen für seniorengerechtes Wohnen sind auch für andere Gruppen interessant: Wohnungen, die lärmarm, schwellenfrei und bequem sind, die bodengleiche Duschen aufweisen und die mit reduzierten Heiz- und Nebenkosten auskommen, sind sowohl für Senioren wie für Behinderte oder Familien mit kleinen Kindern wichtig.
Barrierefrei nach DIN-Norm
Mittlerweile verwendet man lieber den Begriff barrierefrei. Damit ist gemeint, dass jeder Bürger, unabhängig von seinem Alter oder vorhandenen Handicaps, alles möglichst ohne Hilfe betreten, befahren und benützen kann, was unter diesem Begriff gestaltet und gebaut wurde.(11) Wohnen ist dabei genauso erfasst wie Parken, Zugänge, Müllcontainer, Hauseingangstüren oder Gemeinschaftseinrichtungen. Besonders beim Bau neuer Wohnungen wird zunehmend gefordert, barrierefrei zu planen, damit möglichst viele Bevölkerungsgruppen sie nutzen können.
Um eine allgemein gültige Orientierung zu schaffen, wurden verschiedene Normen geschaffen. Die Normen DIN 18024 und DIN 18025 haben den Zweck, allgemein anerkannte Regeln zu schaffen, auf die bei Planung, Bau und Umbau zurückgegriffen werden kann. Sie regeln die Bedingungen für barrierefreies Wohnen in und um die Wohnung. Derzeit gibt es Pläne, beide DIN-Normen zu einer neuen DIN 18040 zusammenzufassen, die sämtliche Bereiche des barrierefreien Bauens und Wohnens umfassen soll.
3.2 Miteinander leben – Formen Gemeinschaftlichen Wohnens
Im Zusammenhang mit neuen Wohnformen geistern Begriffe durch die Medien, die jeder unterschiedlich versteht und verwendet. Die einen sprechen bereits von Gemeinschaftlichem Wohnen, wenn eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus altersgerecht umgebaut wurde. Die anderen verstehen darunter eine Hausgemeinschaft Gleichaltriger, wieder andere verlangen ein Mehrgenerationenkonzept mit intensivem Gemeinschaftsleben. In diesem Buch wird „Gemeinschaftliches Wohnen“ für all jene Wohnformen verwendet, in denen neben der Möglichkeit zum Zusammenleben von Jung und Alt auch Wert auf gemeinsames Leben gelegt wird.
Auch andere Begriffe werden unterschiedlich verstanden. Daher sei kurz geklärt, wie sie hier verwendet sind:
Alternativ
Bei Alternativem Wohnen denken viele sofort an die Kommunen der 60-er Jahre, in denen allen alles und keinem etwas gehörte, in denen geschlossene Türen verpönt und politische Aktivitäten Pflicht waren. Mit alternativen Wohnformen hingegen sind neue, ungewöhnliche, bisher (noch) nicht etablierte Formen des Wohnens und Zusammenlebens gemeint. Um hier Klarheit zu schaffen, soll im Weiteren Verlauf statt von alternativen eher von neuen Wohnkonzepten und -formen die Rede sein.
Neue gesellschaftliche Bedingungen sowie die sich daraus entwickelnden Bedürfnisse verlangen neue Lösungen und Angebote. Auch zum Thema Wohnen wird viel experimentiert; sehr unterschiedliche Projekte sind bereits entstanden. Sie lassen sich derzeit in drei Zweige teilen: Lösungen in der bekannten Umgebung, Seniorenwohnen im geeigneten Umfeld, sowie Gemeinschaftliches Wohnen mit und ohne Betreuung. Als Alternative zu den bekannten Wohnmöglichkeiten versteht man meistens die letzteren, also Projekte, in denen verschiedene Menschen miteinander wohnen und leben wollen.
Projekt
Unter Projekt versteht man allgemein ein Vorhaben, einen Entwurf von etwas, das noch nicht ausgereift ist. Es liegt in der Natur der Sache, dass dabei neue Ideen und Lösungen erst gesucht und dann umgesetzt werden, von denen sich manche vielleicht als nicht alltagstauglich erweisen werden. Sie entstehen aus einem Bedürfnis heraus, das bisher nicht befriedigt wurde; entwickeln sich viele davon, weisen sie auf eine neue Strömung in der Gesellschaft hin.
Selbst initiierte Wohnprojekte
Projekt bedeutet in diesem Zusammenhang auch, dass die Menschen, die sich darauf einlassen, noch nicht genau wissen, was sie wollen und wohin der Weg sie führen wird. Da es sich um (noch) nicht generalisierte Lösungen handelt, müssen die Gründer sich so lange besprechen und ihre Ziele aufeinander abstimmen, bis ein tragfähiges Konzept entstanden ist. So sind bereits mehrere, von Zielsetzung und Bedingungen her unterschiedliche Modelle des Wohnens entstanden. Sie werden in der Literatur meist als selbst initiierte oder selbst gegründete und verwaltete Wohnprojekte bezeichnet. Größtmögliche Mitwirkung bei Planung und Umsetzung sind dabei Merkmal und Ziel.
Trägerinitiierte Wohnprojekte
Um die vielen einzelnen, persönlichen Lösungen als Möglichkeit für viele nutzbar zu machen, müssen die Regeln erfolgreich umgesetzter Projekte herausgefunden und generalisiert werden. Das kann eine kleine Gruppe nicht leisten, auch nicht ein Zusammenschluss einzelner Gruppen. Diese Aufgabe geht deshalb an Wohnungswirtschaft, die großen Wohlfahrtsverbände und Politik, die bei Planung, Umsetzung und/oder Finanzierung eine tragende Rolle spielen und daher als Träger beteiligt werden. Aber auch dieser Begriff wird sehr unterschiedlich gebraucht, da das Ausmaß der Beteiligung, ab dem man von Trägerschaft spricht, von jedem anders definiert wird. Daher wird hier eher von Kooperationspartnern gesprochen.
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