»Okay.« Ich legte schnell den Arm um ihn und drückte ihn, um den Stress etwas zu absorbieren, und er lächelte mich kurz an. Mir war klar, dass er sich auf die Aufgabe in Clarksville nicht freute, aber bisher hatte er mich dort noch nicht an seiner Seite gehabt. Mit mir als Puffer würde sich die Situation ganz automatisch erträglicher darstellen. Hoffentlich war ihm das klar. Wir konnten das später noch ausführlicher besprechen.
Jim zog sich in sein Büro zurück, für uns das Zeichen, uns zu zerstreuen. Ich klopfte Garrett auf die Schulter und ging mit ihm zu Shos Höhle auf der anderen Seite des Gebäudes. Unterwegs beugte Garrett sich herüber und raunte mir zu: »Ich kann verstehen, dass du dich so schnell bis über beide Ohren verguckt hast.«
Ich musste schmunzeln. »Ach ja?«
»Er ist attraktiv und er sieht dich an, als ob du das Beste seit der Erfindung von geschnittenem Brot bist. Mir würde es garantiert genauso gehen, wenn mich jemand mit so einem Blick anschauen würde.«
»Es ist unwiderstehlich«, gab ich zu. Wir hatten schon mal darüber gesprochen, als ich ihm erzählt hatte, dass ich jetzt der Anker eines Kriminalmediums war. Aber manche Dinge sind leichter zu verstehen, wenn man sie selbst miterlebt hat. »Und dabei dachte ich immer, euch Pansexuellen ist es egal, wie jemand aussieht.«
»Pansexuelle betrachten die Person als Ganzes, Alter. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir blind sind«, widersprach er. »Ich steh genauso auf knackige Ärsche wie alle anderen.«
Es machte immer noch Spaß, ihn aufzuziehen – seine Reaktionen waren so lustig. »Aber eigentlich spielt das keine Rolle, oder? Du findest die Seele und das Herz und all so was attraktiv. Hast du mir zumindest mal so erklärt. Es klang fast schon poetisch. Aber das kann natürlich am Bier gelegen haben. Du warst ganz schön hacke.«
»Havili. Wenn du dich prügeln willst, ist das überhaupt kein Problem.« Er schielte zu mir hoch und versuchte, ernst zu bleiben, aber in seinen Augen blitzte der Schalk. »Mir ist klar, dass ich in den letzten drei Jahren zu weit weg war, um dir den Arsch zu versohlen, sodass du vielleicht Entzugserscheinungen hast – aber wenn du Schmerzen fühlen willst, dann bin ich dir da gerne behilflich. Du brauchst es nur zu sagen.«
»Ich bin hunderprozentig sicher, dass unsere letzte Prügelei ganz anders ausgegangen ist.« Auch ich war bemüht, ernst zu bleiben. »Ich meine mich zu erinnern, dass ich dich im Schwitzkasten hatte und dass du um Gnade gebettelt hast.«
»Siehst du, das ist ein weiteres Anzeichen dafür, wie alt du bist. Dein Gedächtnis lässt dich im Stich.«
Ich blieb vor Shos Tür stehen und schlug beiläufig vor: »Warum nehmen wir uns nicht ein bisschen Zeit, suchen uns ein paar Matten und klären das auf die altmodische Weise?«
»Nur wenn ihr versprecht, das mit freiem Oberkörper zu machen, und wenn ich als Publikum eingeladen bin«, sagte Sho, der sich in seinem Bürostuhl umdrehte, um uns anzusehen. »Das klingt nach ausgezeichneter Unterhaltung, obwohl ich den Herrn hier noch nicht kenne.«
Unser IT-Mann vom Dienst trug wie immer einen Kapuzenpulli in Übergröße und saß im Schneidersitz in einem Chefsessel, der ihn winzig erscheinen ließ. Seine schwarzen Haare waren leicht platt gedrückt von den Kopfhörern, die er bei der Arbeit meist trug. Er behauptete, sich nur bei mongolischem Metal so richtig konzentrieren zu können. Sho war, wie ich wusste, Ende zwanzig, aber mit seinem Kindergesicht und dem Styling wirkte er eher wie ein Teenager. Ich hatte ihn schon immer attraktiv gefunden, auch wenn er nicht unbedingt mein Typ war, und ich nahm an, dass es Sho mit mir ähnlich ging.
Dem Gesichtsausdruck von Garrett nach zu schließen, war Sho aber genau sein Typ. Er versuchte zwar, cool zu wirken, aber ich war zu oft mit ihm auf der Pirsch gewesen, um den Ausdruck in seinen Augen misszuverstehen. Oh, damit konnte ich ihn später so was von aufziehen! Seele und Herz, von wegen. Mit ausladender Geste stellte ich die beiden einander vor. »Sho, das ist unser neuer Kriminalberater Garrett Wilson. Er ist ein Freund von mir. Garrett, Michael Sho, unser IT-Hexenmeister.«
»Ich mag den Titel, den du mir da zuteilwerden lässt«, sagte Sho und wackelte mit den Augenbrauen. »Mir fehlt nur noch ein Hoodie, der damit bedruckt ist.«
»Den kannst du dir gerne selber kaufen. Du verdienst mehr als ich«, gab ich zurück.
Sho entknotete seine Beine und stand auf, um Garrett die Hand zu geben. »Freut mich.«
Garrett schüttelte ihm die Hand und errötete leicht. »Ja, gleichfalls.«
»Ein alter Freund von Donovan, hm?« Sho legte den Kopf schief, setzte sich wieder und deutete auf die beiden Besucherstühle, die an der Wand standen. »Ein alter Armyfreund vielleicht?«
»Ja, wir waren ein paar Jahre bei der gleichen Einheit.« Garrett setzte sich neben mich und ließ die ganzen Monitore und Computer, den riesigen Fernsehschirm an der Rückwand und Dutzende andere Elektronik-Spielsachen, die ich gar nicht kannte, auf sich wirken. »Das hier erinnert mich sehr an die Höhle von Batman.«
Sho fing sofort an zu strahlen. »Ja, wenn ich jetzt nur noch Alfred und das Batmobil hätte, dann wäre ich wunschlos glücklich.«
»Und die Milliarden«, sagte ich kopfschüttelnd. Ich hatte genau gewusst, dass Garrett hier richtig war. Das bestätigte sich mit jedem neuen Kollegen, den wir ihm vorstellten. Ein Arbeitsumfeld wie das hier würde ihm guttun. »Sho, er braucht die Komplettausstattung. Er läuft bei Jon und mir mit, bis Tyson wieder da ist.«
»Aha, Defcon Delta«, bemerkte Sho nachdenklich.
Während Sho die Kisten unter dem Fernseher durchsuchte, in denen er all seine Schätze hortete, erklärte ich Garrett das System. »Wir haben hier verschiedene Sicherheitslevel. Paranormale sind gefährlich für die Elektronik, denn ihre übersinnliche Energie ist nicht mit Elektrizität kompatibel. Es ist nicht bei allen gleich extrem, die meisten geben selbst nicht genug Energie ab, um etwas kaputt zu machen. Carol zum Beispiel kann sogar während ihrer Lesungen Handys und andere Geräte benutzen. Jon ist einfach eine Ausnahme.«
»Für die meisten übersinnlich Begabten gilt Defcon Alpha«, erklärte Sho, während er ein Laptop und eine EMP-Schutzhülle herauszog und auf den Stuhl legte. »Wenn man hier in der Agentur mit einem der Medien zusammenarbeitet, gilt Defcon Bravo. Wenn man im Nachbarbüro von Jon oder an einem Ort sitzt, wo er öfter vorbeikommt, gilt Defcon Charlie.«
»Und wenn ich direkt mit ihm zusammenarbeite, gilt Defcon Delta?«, fragte Garrett, der mit einer hochgezogenen Augenbraue registrierte, was Sho alles an EMP-Ausrüstung aus seinen Kisten hervorholte. »Dass er meine Armbanduhr geschrottet hat, ist also kein Einzelfall?«
»Jon ruiniert jeden Monat irgendetwas«, erwiderte ich achselzuckend. »Er passt wirklich gut auf, aber manchmal kommt es doch vor, dass er nicht so ganz darauf achtet, und – sssst! Genau wie bei deiner Uhr.«
»Verstehe. Mein Job ist also, ihn beim Aufpassen zu unterstützen.«
»Das kann nicht schaden. Wenn er in eine Lesung eintaucht, vergisst er alles um sich herum.« Das machte mir übrigens eine Höllenangst. Nachdem ich ein paar Monate mit ihm gearbeitet und gesehen hatte, mit was für Verbrechern er dauernd in Kontakt kam, konnte ich nur spekulieren, wie es gewesen war, bevor ich hier angefangen hatte. »Sho, ich weiß nicht genau, ob das eine Rolle spielt, aber Jim sagte, das Revier in Clarksville hat uns angefordert. Wir müssen wahrscheinlich noch diese Woche dorthin.«
Sho erstarrte und wandte sich langsam um, wie die Hauptdarstellerin in einem Horrorfilm, hinter der das Monster schon lauert. Er sah regelrecht verängstigt aus. »Nicht schon wieder! Was ist es denn dieses Mal?«
»Jim war sich nicht sicher. Nur dass es drei Frauenmorde gegeben hat und dass sie keine Verdächtigen und keine Spuren haben. Er versucht gerade, mehr herauszubekommen.«
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