Ich konnte schon verstehen, warum Donovan diesen Kerl mochte. Er war eine wandelnde Charme-Bombe. »Äh, danke. Glaube ich.« Vor uns konnte ich buchstäblich das Licht am Ende des Tunnels sehen, was bedeutete, dass wir uns mittlerweile so weit vorgearbeitet hatten, dass wir in etwa zehn Minuten auf die Interstate 24 abbiegen konnten. Vielleicht auch fünfzehn. Halleluja.
»Aber mal was anderes«, sagte Garrett und lehnte sich nach vorn, damit wir ihn besser verstehen konnten. »Wie oft habt ihr denn so mit Mordfällen zu tun?«
»Etwa in fünfzig Prozent der Fälle«, antwortete ich mit einem Blick auf die Straße. Es ging gerade wieder ein paar Zentimeter weiter voran.
»Normalerweise dreht es sich um Diebstahl und um Betrug, so wie wir personell aufgestellt sind«, steuerte Sho mit seiner sanften Tenorstimme bei. »Jon führt oft Befragungen durch, denn er ist ein ausgezeichneter Lügendetektor. Aber manchmal werden wir bei den Ermittlungen in Mordfällen hinzugezogen, meist, wenn sie Schwierigkeiten haben, die Leiche zu finden. Oder wenn vermutet wird, dass ein Mord verübt wurde, es aber keinen Leichenfund gibt, der es schlüssig beweist.«
»Der Fall in Clarksville ist also nichts Ungewöhnliches?«
»An sich nicht«, sagte Sho mit einem eleganten Schulterzucken. Er trug heute doch tatsächlich ein businesstaugliches Outfit: dunkle Jeans, ein weißes Oberhemd und ein Jackett. Irgendwie wirkte er, als wäre er nicht ganz in seinem Element. Vielleicht kam es mir aber auch nur so vor, weil ich ihn eigentlich nur in seinen lässigen Klamotten kannte. Aber gut sah er auf jeden Fall aus. »Weißt du schon die Einzelheiten?«
Garrett schüttelte den Kopf. »Nein. Wieso? Haben wir Infos bekommen?«
»Ah.« Sho schnippte mit den Fingern. »Das hatte ich vergessen. Deine E-Mail-Adresse ist schon eingerichtet, aber du stehst wahrscheinlich noch nicht auf Jims Mailingliste.«
»Er hat gestern Abend spät noch eine Mail mit den wichtigsten Informationen geschickt«, fügte Donovan hinzu. »Ich hab’s aber ehrlich gesagt auch nur überflogen. Sho, setz uns doch mal ins Bild.«
»Aber gerne.« Sho beugte sich auch nach vorn, damit wir ihn gut verstehen konnten. Dieses Gefährt war nicht das leiseste. »Der Fall liegt wie folgt: Ein unbekannter Angreifer, vermutlich männlich, schleicht sich an Frauen an, die nach der Arbeit zu ihrem Auto gehen. Er schlägt den Opfern mit einem stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf und flieht dann.«
Ich blinzelte ein paarmal bei dieser Beschreibung. »Wie jetzt. Er raubt sie nicht aus? Keine sexuellen Übergriffe? Er zieht ihnen einfach eins über und nimmt dann Reißaus?«
»Klingt absurd, oder?« Sho schüttelte nachdenklich den Kopf. »Darum wurde der Fall zuerst auch nicht besonders ernst genommen, glaube ich. Es war zwar ganz klar ein tätlicher Angriff, die Frauen waren verletzt und verängstigt. Aber es gab keinen langfristigen Schaden. Und es hat ihn nie jemand gesehen. Er hat es sogar geschafft, allen Überwachungskameras in der Gegend zu entgehen.«
»Was hat sich dann geändert?«, fragte Garrett. »Wenn er anfangs niemanden umgebracht hat, was ist passiert, dass die Sache eskaliert ist?«
»Das ist unklar. Laut Bericht hat er die Waffe gewechselt. Zuerst hat er einen stumpfen Gegenstand benutzt – zum Beispiel den Griff einer Axt oder eines Vorschlaghammers. Später wurden die Waffen heftiger. Die letzten Opfer sind tot, weil er einen Schürhaken benutzt hat. Die Waffe wurde jeweils bei den Leichen zurückgelassen, aber Fingerabdrücke gibt es keine.«
Donovan pfiff leise. »Klingt total verrückt. Ich kann verstehen, dass die Ermittler frustriert sind. Keine Zeugen, keine Hinweise, buchstäblich kein Anhaltspunkt, und der Typ wird mit jeder Tat gefährlicher. Wo genau passiert das alles?«
»Direkt in der Innenstadt von Clarksville, um den Marktplatz herum.« Sho klang entnervt. »Man sollte denken, dass es da genügend Kameras und Security gibt, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Aber anscheinend sind die alle nach innen gerichtet. Die Bordsteine und Straßen außerhalb werden nicht erfasst, und er hat die blinden Flecken ausgenutzt.«
»Der Täter ist also nicht nur verrückt, sondern auch gerissen«, brummte Garrett leise. »Langsam wird mir klar, warum die Polizei Kriminalmedien dabeihaben will. Also, nur damit ich es richtig verstehe: Carol kann Gegenstände nachverfolgen und Leichen auffinden, richtig?«
»Richtig«, bestätigte Donovan. »Wir fangen also mit ihr an. Jon kommt ins Spiel, sobald sie eine Spur hat. Er kann sagen, wer lügt, und mehr herausbekommen, als es bei einem normalen Verhör möglich ist.«
»Wir arbeiten oft auf diese Weise zusammen«, ergänzte ich, damit Garrett einen umfassenden Überblick bekam. »Carol und ich sind im Team sehr effektiv. Ich kann zu Beginn nicht besonders viel tun, aber es ist trotzdem besser, wenn ich gleich von Anfang an dabei bin. Dann bin ich schon im Bilde und kann sofort loslegen, wenn sich etwas auftut.«
»Bin ich dann ihr zugeteilt? Ich meine, schwebt sie denn überhaupt in Gefahr?«
»Wahrscheinlich eher nicht.« Ich machte eine Pause. »Carol ist normalerweise nicht in der direkten Schusslinie.«
»Im Gegensatz zu dir«, brummte Donovan finster.
Ich beschloss, dass es besser war, jetzt nicht darauf einzugehen. Stattdessen fuhr ich fort: »Weil sie auch auf Distanz arbeiten kann, ohne jemandem persönlich zu begegnen. Sie schließt sich einfach ein und macht ihr Ding, ohne dass es jemand mitbekommt. Wenn sie aber in Erscheinung treten muss, wäre es gut, sie zu begleiten. Nur für alle Fälle. Sag ihr das gleich, wenn wir ankommen, damit sie weiß, dass sie dich holen kann.«
»Mach ich.«
Ich fühlte Garretts Blick auf mir ruhen, konnte ihn aber nicht ansehen, denn ich hatte endlich die richtige Ausfahrt erreicht, und der Verkehr floss wieder schneller als fünf Meilen pro Stunde.
»Jon. Don hat gesagt, dass du den Ärger geradezu magisch anziehst. Also jetzt mal Butter bei die Fische. Worauf muss ich mich einstellen?«
»Er wird etwa genauso oft angegriffen, wie er Elektronik zu Schrott verwandelt«, sagte Sho ganz offen.
Garrett pfiff leise vor sich hin. »Na, das erklärt ja Dons Miene. Keine Sorge, Kumpel. Ich bin jetzt auch da und helfe dir, seinen Arsch zu retten.«
»Und du weißt gar nicht, wie froh ich darüber bin.«
Mir gefiel es gar nicht, wie ein Fräulein in Not dargestellt zu werden, aber entgegensetzen konnte ich dem auch nichts. Dafür war einfach schon zu viel passiert. Wenn ich versuchte zu protestieren, würde Sho nur noch mehr Öl ins Feuer gießen und Dinge zur Sprache bringen, von denen auch Donovan (noch) nichts wusste.
Da ich nicht blöd war, hielt ich also den Mund.
»Okay, um wieder auf das Wesentliche zurückzukommen …«, fuhr Garrett ernst und konzentriert fort. »Wie lange dauern solche Fälle normalerweise? Wovon reden wir? Ein paar Tage? Wochen? Monate?«
»Kommt darauf an, wie viel Informationen Carol aus dem Beweismaterial herausholen kann«, gab ich zurück. Ich hätte ihm gerne konkreter gesagt, was ihn erwartete, aber wir wussten nicht genug, um eine vernünftige Prognose stellen zu können. »Wenn sie etwas findet, das uns einem Verdächtigen näher bringt, können wir die Sache in ein paar Tagen unter Dach und Fach haben.«
»Aha. Und wenn die Götter den Kriminalmedien heute nicht gnädig sind?«
»Dann werden wir ihnen wohl ein Opfer bringen müssen.« Sho seufzte. Es klang wie ein Ballon, aus dem die Luft entweicht. »Sonst müssen wir womöglich wochenlang da oben bleiben, bis wir Glück haben und eine Spur finden.«
Ich riskierte einen Blick in den Rückspiegel, um Sho anzusehen. Mehr konnte ich gerade nicht tun, wir näherten uns der Abzweigung nach Clarksville. Er klang so niedergeschlagen, als hätte er sich schon damit abgefunden, dass wir für Wochen mit dem Fall beschäftigt sein würden. Das war sonst nicht seine Art, er war eigentlich eher optimistisch. »Warum glaubst du, dass wir das nicht schnell abschließen werden?«
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