Mir wird übel.
«Danke für das Kompliment. Was kann ich für Sie tun, Frau Kupfer? Oder wollen wir uns duzen?»
«Das wäre mir eine Ehre. Ich heisse Nadine.»
«Felix!»
«Gestern Nacht wurde Damian Schoch ermordet.»
«Ich weiss. Es ist immer bedauerlich, wenn jemand umgebracht wird. Aber bei allem Respekt, diesem Schoch weine ich keine Träne nach.»
«Wir kennen die Akte.»
«Dann weisst du auch, dass ich hundertprozentig sicher war, dass er Christine Oberer bestialisch folterte und vergewaltigte.»
«Und trotzdem musstest du ihn laufen lassen.»
«Nach den Buchstaben des Gesetzes. Der Staatsanwalt konnte das Alibi, das ihm Richard Widmer gab, nicht zerpflücken.»
«Du weisst noch sehr gut über den Fall Bescheid.»
«Allerdings. Es war einer meiner schwierigsten Fälle und die herbe Niederlage setzte mir zu. Damals zweifelte ich an unserem Rechtssystem. Auf der einen Seite die gebrochene Frau, die glaubhaft und mit stockender Stimme ihr schrecklichstes Erlebnis schilderte, auf der anderen ein überheblich grinsendes Monster, das wusste, dass es für sein Verbrechen nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Ich werde diese Verhandlung nie vergessen. Ich sass da und hörte geduldig zu. Plötzlich trat wie aus dem Nichts der Entlastungszeuge auf. Er leistete einen Meineid, alle im Gerichtssaal wussten es. Selbst der Verteidiger, der nach der Urteilsverkündigung um ein Gespräch mit mir bat. Unter vier Augen bestätigte er mir, dass er nicht an Schochs Unschuld glaubte. Christine Oberer brach nach dem Urteil zusammen, unter dem höhnischen Gelächter von Schoch. Ich kam mir so ohnmächtig vor. Das Recht und die Gerechtigkeit wurden vorgeführt.»
«Weisst du, wie es Frau Oberer geht?»
«Wir blieben eine Zeit lang in Kontakt. Sie erholte sich nur langsam von ihren Qualen. Vor gut einem Monat bin ich ihr das letzte Mal begegnet, rein zufällig in der Freien Strasse. Sie nickte mir kurz zu und verschwand in eine Boutique. Vermutlich arbeitet sie dort. Wollt ihr sie besuchen?»
Nadine blickte fragend zu Ferrari.
«Das wird nicht nötig sein.»
«Ich könnte mir vorstellen, dass der Tod von Schoch befreiend wirkt. Vielleicht gelingt es ihr endlich, in die Normalität zurückzufinden. Wenigstens ist dieser Richard Widmer nicht ungestraft davongekommen.»
«Der Zeuge mit dem falschen Alibi?»
«Ja, genau. Ein Kollege verurteilte ihn wegen Mordes an einer Prostituierten zu einer lebenslänglichen Haftstrafe. Er sitzt im Bässlergut.»
«Und Schoch ist tot. Die Gerechtigkeit hat auf Umwegen gesiegt.»
«Leider bleibt eine junge Frau auf der Strecke, die nicht mehr an unser Rechtssystem glaubt.»
Nadine nickte nachdenklich.
«Wieso befindet sich Widmer im Bässlergut? Normalerweise sitzen dort keine Schwerverbrecher.»
«Das stimmt. Er war auch in der Justizvollzugsanstalt Bostadel. Aufgrund guter Führung und eines sehr guten Gutachtens empfahl ein Psychologe, ihn in den offenen Vollzug zu überführen. Gleichzeitig suchte der Direktor vom Bässlergut einen Koch. So schlug ich vor, Widmer seine verbleibende Haftzeit im Bässlergut verbüssen zu lassen.»
«Was bestimmt allen Beteiligten entgegenkam. Darf ich dich um etwas bitten?»
«Ich soll den Prozess gegen Fabian Nader leiten», schmunzelte Kohler.
«Wirst du?»
«Das liegt nicht in meiner Hand.»
«Du bist der Strafgerichtspräsident.»
«Jakob kennt mich gut, zu gut. Ich kann einer intelligenten, attraktiven Frau nichts abschlagen. Versprechen kann ich nichts, aber ich werde mich darum bemühen. Fabian Nader beging eine Straftat und vollstreckte zugleich das Urteil, das Schoch schon längst verdient hatte. Die Gründe, die zur Tat führten, kommen hoffentlich vor Gericht zur Sprache. Mit grosser Wahrscheinlichkeit spielten dabei Schochs sadistische Neigungen eine Rolle. Jeder Richter wird dies beim Strafmass berücksichtigen. Darauf kannst du dich verlassen, Nadine.»
Der Kommissär trottete hinter den beiden her zum Ausgang. Nadine küsste Kohler auf beide Wangen.
«Ich habe mich sehr gefreut, dir zu begegnen, Felix.»
«Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Auf ein baldiges Wiedersehen. Einen schönen Tag noch, Herr Kommissär.»
«Wäh!»
«Ein total sympathischer Mann und für sein Alter gut in Form.»
«Du stehst ja auf alte Knacker», kaum ausgesprochen erwischte ihn ein Leberhaken. «Autsch, spinnst du?»
«Felix wird den Prozess führen und Fabian die Mindeststrafe geben. Borer ist uns immer einen Schritt voraus.»
«Es gefällt ihm, dass wir keinen anderen Täter präsentieren können.»
«Müssen wir auch nicht. Fabian wird die paar Jahre verkraften. Wir haben unser Möglichstes getan. Worüber denkst du nach?»
«Über Peter.»
«Willst du dich an ihm rächen?»
«Immer, aber das ist es nicht. Du hast doch Schoch gesehen, oder?»
«Nicht gerade ein Anblick, der für euch Männer spricht. Ein ausgemergeltes Wrack.»
«Wie weit ist es von der Langen Gasse zum Aeschenplatz?»
«Was weiss denn ich. Alle sagen, einige Hundert Meter.»
«Lass uns die Strecke ablaufen.»
«Was soll das bringen?»
«Ich will die Strecke selber ablaufen.»
«Was kommt jetzt? Der grosse Unbekannte, der Schoch erschossen hat? Wohlgemerkt mit der Pistole von Fabian …»
Kurz darauf parkierte Nadine ihren Porsche in der Langen Gasse. Sie liefen die Strecke zum Aeschenplatz zweimal ab, Nadine verlor langsam die Geduld.
«Noch ein weiterer Versuch? Willst du mir beweisen, dass du dein iPhone beherrschst, vor allem die Stoppuhr?»
«Hier hinter dem Hammering Man lag Schoch. Von der Strasse aus ist dieser Ort nicht gut sichtbar und Passanten sind ihm bestimmt ausgewichen, weil sie ihn für einen Betrunkenen hielten. Von Naders Büro bis hierher brauchen wir fünf Minuten, wenn wir ganz normal laufen. Schoch war schwer verletzt und schleppte sich mühsam vorwärts.»
«Und was schliesst Sherlock Ferrari daraus?»
«Ein verladenes und ausgemergeltes Wrack bricht spätestens auf halber Strecke zusammen.»
«Tatsache ist, dass er hinter dem Hammering Man lag.»
«Was er meiner Meinung nach nur konnte, wenn er nicht so schwer verletzt war.»
«Ach so, jetzt kann ich dir folgen. Du meinst, jemand ist ihm gefolgt und hat ihn erschossen. Ist das nicht etwas weit hergeholt?»
«Nader weiss nicht mehr, ob er einmal oder zweimal schoss.»
«Diese wacklige Theorie willst du aber nicht Borer servieren, oder? Die nehme nicht einmal ich dir ab.»
«Es könnte so gewesen sein.»
«Gut, nehmen wir an, du hast recht. Woher wusste der dritte Mann, wo sich Schoch aufhielt? Und schoss er rein zufällig mit demselben Kaliber?»
«Guter Einwand. Fragen wir unseren Freund, den Leichenfledderer.»
Peter Strub sass vor dem Computer und schrieb fluchend einen Protokollbericht. Hoch konzentriert tippte er mit zwei Fingern Buchstabe um Buchstabe ein. Als ihm Ferrari eine Hand auf die Schulter legte, schrie der Polizeiarzt vor Schreck auf und fuhr aus seinem Bürostuhl hoch.
«Huhu! Ich bin ein lebender Toter aus einer deiner Kammern.»
«Das … Verdammt noch mal, was schleichst du dich so an?»
«Jetzt wissen wir wenigstens, was wir dir zum Dienstjubiläum schenken können: einen Tastaturschreibkurs.»
«Diese elenden Protokolle zerren an meinen Nerven.»
«Für uns?»
«So weit sind wir noch nicht, der Verstorbene im Altersheim hat Vortritt.»
«Mord?»
«Ein Herzinfarkt. Was wollt ihr denn jetzt schon wieder?»
«Nur eine klitzekleine Frage stellen. Könnte es sein, dass Schoch mit zwei verschiedenen Pistolen erschossen wurde?»
«Unwahrscheinlich. Ist das wieder eine seiner verrückten Theorien?», wandte sich Strub an Nadine.
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