«Gut, die Abmachung gilt.»
«Sie können sich übrigens den Weg zu Hotz’ Schuppen sparen. Er ist im Gellert zu Hause, da wohnt anscheinend die ganze Familie.»
Ferrari sah sich den Zettel mit der Adresse an und zerknüllte ihn.
«Wir wissen, wo Mark wohnt.»
«Selbstverständlich. Das hätte ich mir denken können. Ich wusste, dass Sie sich nicht davon abbringen lassen. Sie können also zwei Tage ermitteln, werden keine neuen Erkenntnisse gewinnen und sich anschliessend dem Serienmordfall widmen, der mir laufend unangenehme Fragen einbringt. Eine wunderbare Win-win-Situation.»
«Und wenn wir im Fall unserer Kollegen auch nichts erreichen?»
«Dann, liebste Frau Kupfer, ist mein bestes Team gescheitert. Die Regierung wird das zur Kenntnis nehmen, und wir legen die Akten zu den ungelösten Fällen. Danach kann ich wieder ruhig schlafen, weil mir kein Regierungsrat mehr im Nacken sitzt. Worauf warten Sie, Ferrari, die Uhr tickt. Es sind nur noch … siebenundvierzig Stunden und vierzig Minuten bis High Noon.»
Auf der Fahrt ins Gellert dachte Ferrari an den Fall, in dem Mark Hotz eine tragende Rolle gespielt hatte. Damals, vor beinahe zehn Jahren, wurde die Enkelin von Staatsanwalt Borer entführt. Im Laufe der Ermittlungen lernten sie den Milieukönig Mark Hotz und seinen Freund Chris Habegger kennen, die ihnen entscheidende Hinweise zur Aufklärung des Falles lieferten. Und so entstand eine Freundschaft, was nicht allen im Kommissariat gefiel. Wie so oft nahm Ferrari das einfach zur Kenntnis. Gegen Gerüchte kommt man sowieso nicht an. Was solls. Die Leute sollen doch reden, was sie wollen. Nadine und ich haben schon einiges zusammen erlebt und die verrücktesten Fälle gelöst. Wir sind ein super Team. Unschlagbar. Sie ist prädestiniert für den Posten als Kommissärin, genauso wie Andrea Christ es bereits ist. Sogar noch eine Spur mehr. Verstohlen schaute er seine Kollegin von der Seite an.
«Nein, danke. Wenn du in Pension gehst, quittiere ich den Dienst. Dann übernehme ich Yvos Architekturbüro, er hat eh fast keine Zeit für das Administrative, und nerve ihn den ganzen Tag, weil er zu viele Spesen macht.»
«Du wärst eine super Kommissärin.»
«Ich will aber nicht. Ich bin eine sehr gute Nummer zwei und damit mehr als zufrieden. Und komm mir ja nicht mit mangelndem Ehrgeiz, dann läufst du ins Gellert.»
«Aber …»
«Ende der Diskussion. Einige Jährchen wirst du mir schon noch erhalten bleiben, bevor uns ein jüngeres Team abgelöst. Andrea und ihr Muskelmann stehen in der Startposition.»
«Daniel besteht nicht nur aus Muskeln.»
«Er erinnert mich ein wenig an dich, als ich bei dir anfing. Da ging oft die Post ab.»
«Es gab auch die eine oder andere Szene, wo ich dich ruhigstellen musste.»
«Stimmt.»
Nadine fuhr in einen Hof und parkierte ihren Porsche neben einem silbernen SUV. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ein junger Mann im schwarzen Anzug neben dem Wagen stand. Nadine stieg aus und lächelte ihn zuckersüss an.
«Hier können Sie nicht parkieren. Das ist Privatareal. Sehen Sie das nicht?!»
«Ich darf das.»
Nadine drückte sich an dem jungen Mann vorbei und klopfte gegen eine Tür, während sich Ferrari umsah. Nicht schlecht. Mark liess von Yvo einen Quader mit sechs Häusern erstellen. Für jede seiner Töchter eines, das fünfte für sich und seine Frau und das sechste vermutlich als Gästehaus. Eine imposante Überbauung mit einem kleinen Privatpark und das mitten in der Stadt.
«Mein Name ist Ferrari, Francesco Ferrari», stellte sich der Kommissär vor und verhinderte so, dass der Jüngling hinter Nadine herrannte.
«Sie sind der Kommissär? Sorry, ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt.»
«Sportlich, muskulös wie Sie und mit einer Pistole im Halfter?»
«Einfach anders.»
Mark Hotz trat aus dem Haus und umarmte Nadine.
«Ein seltener Besuch», wandte er sich an Ferrari.
«Es liegt halt nicht auf meinem Heimweg nach Birsfelden.»
«Du hast es gehört?»
«Ja, deswegen sind wir hier.»
«Maria bat mich, dich anzurufen, doch …»
«Du hättest den Rat deiner Frau befolgen sollen.»
«Ich wusste nicht, ob du kommen würdest. Leonie sitzt im Wohnzimmer, sie lässt sich nicht beruhigen.»
«Ist sie mit Fabian Nader verheiratet?»
«Seit zwei Jahren. Sie erwarten ihr erstes Kind.»
«Mark, so, wie uns der Staatsanwalt die Situation geschildert hat, ist der Fall eindeutig. Borer gibt uns trotzdem zwei Tage Zeit, keine Minute mehr. Erzähl uns, was passiert ist. Danach reden wir mit Nader. Aber bitte, erwarte keine Wunder.»
«Ich erwarte gar nichts. Dass ihr hier seid, übertrifft schon alles. Du kennst Jake noch nicht, er ist einer meiner Geschäftsführer.» Er winkte einen dreissig-jährigen, dunkelhaarigen Mann heran. Etwa einsneunzig gross, schätzte der Kommissär.
«Du hast dein Königreich in den letzten Jahren stark ausgebaut.»
«Das Vergnügen boomt. Die Leute haben immer mehr Freizeit. Sogar die Arbeitslosen besitzen genügend Kohle, um sich in einem meiner Schuppen zu amüsieren. Jake, das ist Kommissär Francesco Ferrari und die hübsche Braut, die ins Haus abgezischt ist, heisst Nadine. Wenn Francesco etwas verlangt, besorg es ihm. Ohne Diskussion. Egal, was er will.»
«Verstanden, Boss.»
«So, lasst uns reingehen.»
Nadine unterhielt sich bereits mit Leonie und Marks Freund Chris Habegger, der den Kommissär mit einer herzlichen Umarmung begrüsste.
«Und keinen Hotz Spezial für meinen Chef, nur einen Kaffee. Er trinkt keinen Alkohol mehr.»
«Zwischen euch hat sich nichts geändert. Höchstens, dass Nadine noch dominanter ist.»
«Das scheint nur so. Du bist Leonie, freut mich, dich kennenzulernen», wandte sich Ferrari an die zierliche Frau, die sich schwerfällig erhob. «Bleib doch sitzen. Im wievielten Monat bist du?»
«Im achten. Danke, dass ihr gekommen seid.»
Der Kommissär setzte sich zu ihr.
«Kannst du mir etwas über den Tathergang erzählen?»
«Es geschah im Büro von Fabian …»
Erst jetzt fiel Ferrari ein, dass er rein gar nichts über den Fall wusste, nicht einmal den Namen des Opfers.
«… aber das Opfer wurde beim Hammering Man am Aeschenplatz gefunden.»
«Fabians Büro befindet sich in der Langen Gasse», ergänzte Hotz.
«Das ist ein Stück weg vom Aeschenplatz. Nader gab zu Protokoll, dass das Opfer, ein Damian Schoch, ihn in der Kanzlei besuchte, wo es zum Streit kam. Als Schoch auf Nader losging, setzte er sich zur Wehr und schoss auf den Angreifer.»
«Jetzt einmal von Anfang an. Was ist dein Mann von Beruf?»
«Anwalt.»
«Er arbeitet praktisch nur für uns.»
«Und wer ist Schoch?»
«Eine ganz fiese Sau. Er schuldet uns eine Million. Es war dumm von Fabian, ihn zu killen.»
«Wie meinst du das, Chris?»
«Der stand ganz oben auf meiner Liste und hundertpro nicht nur auf meiner. Frag deinen Freund Rakic. Dem schuldet er noch bedeutend mehr Kohle.»
«Rakic? Ich kenne einen Rakic vom FCB her, der sitzt immer am Tisch nebenan. Ein biederes Männchen.»
«Das ist er. Ein fanatischer Fan. Er wollte vor Jahren bei deinem Club einsteigen.»
«Bevor ihr euch über den FC Basel unterhaltet, wieso schuldet er euch so viel Geld?»
«Wir wollten in Allschwil ein grosses Areal übernehmen, doch der Inhaber stellte sich quer. Schoch war ein guter Freund des Besitzers und so schmierten wir ihn.»
«Mit einer Million?»
«Ja, Rakic gab ihm anderthalb. Dieses Arschloch linkte uns eiskalt. Er dachte keine Sekunde daran, uns das Areal zuzuhalten, sondern versuchte, es sich selbst unter den Nagel zu reissen. Ohne Erfolg.»
«Mit eurem Geld.»
«Extrem dumm und total naiv von uns. Fabian verklagte ihn sofort, aber es war nichts zu holen. Angeblich verspielte er das Geld. Vor Gericht kam heraus, dass er auch bei anderen abkassiert hatte. Darunter waren mehrere Stiftungen und eine Pensionskasse. Der Prozess wurde wegen Befangenheit vertagt, weil der zuständige Richter mit der Präsidentin einer der involvierten Stiftungen liiert ist.»
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