Und in diesem Zusammenhang gibt es noch ein Phänomen, das die andere Seite betrifft, die Seite der Sparer und Besitzenden, die ja für das Geld, das sie auf der Bank liegen haben, Zinsen ausgezahlt bekommen. Diese sind zwar deutlich geringer als die Kreditzinsen, können aber immer noch zu einem deutlichen Anwachsen des Guthabens führen, vor allem wenn es viel Geld ist, das langfristig bei hohen Zinssätzen, die deutlich über der Inflationsrate liegen, angelegt werden kann. Wenn die eingezahlte Geldsumme groß genug ist, dann erreicht das Zinseszinsergebnis eines Tages einen Wert, der so hoch ist, dass man von den Zinsen leben kann, während das Guthaben stabil bleibt oder gar weiter wächst. Das bedeutet, dass man ab diesem Zeitpunkt aufhören kann zu arbeiten und man trotzdem immer reicher wird.
Haben die erzielten Zinsen die Höhe der Inflationsrate, etwa bei kleineren und kurzfristigeren Spareinlagen, so wächst zwar die Geldsumme, aber nicht der Geldwert; man gewinnt zwar durch die Geldanlage nichts, verliert aber auch nichts. Sinkt der Zins unter die Inflationsrate, was oft bei kleinen und kurzfristigen Geldanlagen und Sparguthaben der Fall ist, dann verliert das Geld, trotz leichter Zinsgewinne stetig an Wert und man wird ärmer.
Die Praxis des Zinses überhaupt und der Folgeerscheinung des Zinseszins führt also dazu, dass es eine große und stetig wachsende Geldmenge gibt, die primär nicht durch unmittelbare Arbeit entsteht, sondern sozusagen virtuell, so dass sie im Prinzip keiner realwirtschaftlichen Beschränkung mehr unterliegt und beliebig anwachsen kann. In der Bemühung, dieses virtuelle Fiatgeld anwachsen und materieller werden zu lassen, wandert das Geld von der real arbeitenden Bevölkerung zu den Institutionen, die Geld erschaffen dürfen, also in der Regel zu den Banken, und ein Teil davon wandert weiter zu den Menschen und Firmen, die bereits mehr Geld haben, als sie zum Leben benötigen.
Durch die Praxis des geldschöpfungsbedingten Fiatgeldes und vor allem des Zinseszins fließt das Geld aus der Realwirtschaft in die Finanzwirtschaft. Einiges von dem Geld, das die Mehrheit der Menschen erwirtschaftet, sammelt sich also ohne besonderen Aufwand in den Koffern einer kleinen Minderheit, was einer der Gründe für die zunehmend weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich ist. Die unterschiedlichen Zinssätze für große Vermögen und kleine Guthaben, die zu kräftigen Zugewinnen für die Reichen und zu realen Verlusten für die Ärmeren führen, sind ein weiterer Grund.
Dass Zinssätze unter der Inflationsrate zu diesen Verlusten führen, wurde ja schon erwähnt. Dass es zu dieser Inflation kommt, ist eine Folge der freien Geldschöpfung, die ja bewirkt, dass stetig neues Geld geschaffen wird, für das es keinen realen Gegenwert gibt und das noch nicht erarbeitet wurde, und eine Folge des Zinseszins, der diese Summe weiter aufbläht. Das ist etwa dann der Fall, wenn jemand über Kredit für 1 Million EUR ein Haus kauft, und dafür dann z.B. 2 Millionen EUR zurückzahlt. Beim Kauf erhöht sich die globale Geldmenge plötzlich um 1 Million EUR, die es vorher nicht gab und die der Verkäufer erhält, während der Käufer im Gegenzug ein Haus bekommt, das weiterhin 1 Million EUR wert ist, für das er aber während der Kreditlaufzeit ca. 2 Millionen EUR zahlt. Das Resultat ist dann, dass der Käufer über ein Haus verfügt, das 1 Mio. wert ist, der Verkäufer hat 1 Mio. und die Bank hat 2 Mio., die es vorher nicht gab, oder zumindest 1 Mio. an Zinserträgen. Es gibt also nach Beendigung des Kreditgeschäftes viel mehr Geld als vorher.
Das führt dazu, dass es insgesamt mehr Geld als Waren und Wirtschaftsleistung gibt. Da man somit nicht alles Geld ausgeben kann, sinkt sein durchschnittlicher Wert, und Waren und Arbeitsleistung müssen teurer werden, um diesen Überschuss an Geld auszugleichen. Dadurch ist die Praxis der Geldschöpfung direkt am weiteren Auseinanderklaffen der Armutsschere beteiligt. Hinzu kommt, dass der Geldwertverlust die Menschen umso härter trifft, je weniger Geld sie haben, zum einen weil sie über keine Polster verfügen, mit denen sie diesen Verlust auffangen könnten, zum anderen, weil die Anpassung an die Inflation, also höhere Löhne, „zum Wohle der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ nur sehr langsam und meist nicht in ausreichendem Maße geschieht, so dass großen Teilen der arbeitenden Bevölkerung effektiv immer weniger Geld zur Verfügung steht. Die Reichen werden also immer reicher und die Nicht-Reichen und Armen immer ärmer und die Geschwindigkeit dieses Prozesses hat sich im Laufe unserer Geschichte immer stärker beschleunigt, und ist gerade dabei in den Galopp überzugehen.
Die zweite Schwäche unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems liegt im Dogma des permanenten Wirtschaftswachstums begründet und arbeitet Hand in Hand mit der dritten Schwäche, dem Kapitalismus. Eine Wirtschaft wird dann als gesund betrachtet, wenn sie wächst. Und auf diesem Grundsatz basiert auch die Ausgestaltung des Wirtschaftslebens. Hier muss alles stetig wachsen. Wenn jemand eine Firma gründet, und diese stetig wächst, gilt sie als erfolgreich und gesund; wenn sie in Größe und Gewinn stagniert, gilt das als eine bedenkliche Entwicklung. Wachstum wird dadurch erzeugt, dass man neue Kunden gewinnt oder diese dazu bringt, vermehrt die angebotenen Leistungen in Anspruch zu nehmen. Das führt aber dazu, dass eventuell anderen Firmen mit ähnlichem Geschäftsfeld die Kunden wegbleiben oder ihre Umsätze zurückgehen. Sie machen dann entweder Pleite oder werden von den erfolgreicheren Firmen aufgekauft, die dadurch weiter wachsen. Die Folge davon ist ein Rückgang der Firmenvielfalt und eine Konzentration des Geschäftes auf immer weniger und größere Firmen, also eine Monopolisierung, die kurz vor Erreichen des Monopols durch kartellrechtliche Bestimmungen ein wenig ausgebremst wird, so dass eine Oligopol-Struktur entsteht. Durch faktische Absprachen oder unausgesprochene Agreements findet in diesem Entwicklungsstadium kaum noch ein Preiskampf um die Gunst des Verbrauchers statt, sondern eine gemeinsame Bemühung, die Preise zum Zwecke der Gewinnmaximierung möglichst unauffällig nach oben zu treiben und die durch Synergie gewonnenen Vorteile nicht an den Kunden weiterzugeben, was einer faktischen Monopolisierung entspricht. Damit sind dann aber auch schon die Grenzen des Wachstums erreicht.
Um dann weiter wachsen zu können, muss man sich neue Märkte erschließen. Dies geschieht im Wesentlichen auf drei verschiedene Weisen. Eine davon besteht darin, in den Bereich der Finanzjongleure einzusteigen und mit Aktien, Optionen und Spekulationen den Gewinn weiter zu vergrößern. Bei einer anderen Möglichkeit, tut man sich neue Geschäftsfelder auf, man bietet also mehr Produkte an und kauft noch mehr Firmen auf. Und drittens expandiert man in andere, vielleicht noch unterversorgte Länder, wodurch die Monopolisierung zunehmend globaler wird.
Hier stoßen wir dann aber bald an andere Grenzen des Wachstums. So gibt es etwa in der dritten und vierten Welt noch unglaublich viele Menschen, die weder Autos noch Fernsehgeräte noch viele andere Sachen besitzen. Das ist noch ein immens großer, potenzieller Markt. Aber zum einen haben diese Menschen nicht das Geld für diese Luxusprodukte, nicht zuletzt, weil sie wegen des Expansionsdrangs der großen Firmen und aus Gründen der Gewinnmaximierung schlecht bezahlt und behandelt, also ausgebeutet werden, zum anderen gibt es schlichtweg nicht genügend Rohstoffe, damit alle Menschen auch nur auf dem derzeitigen Niveau der ersten Welt leben könnten.
Warum das so ist, und warum eine Politik stetigen Wachstums auf der physischen Ebene auf Dauer nicht funktionieren kann, sollte man eigentlich schon in der Schule gelernt haben. Es gibt im Wesentlichen zwei Wachstumsarten: lineares und exponentielles Wachstum. Lineares Wachstum ist dann gegeben, wenn in gleichmäßigen Zeitabschnitten ein Zuwachs erzielt wird, der in jedem Zeitabschnitt von seinem absoluten Betrag her gleich groß ist. Exponentielles Wachstum hingegen bedeutet, dass der Zuwachs sich nicht auf eine feste Größe bezieht, sondern relativ, also prozentual, auf die zuletzt erzielte Größe. Das bedeutet, dass der Zuwachs in jedem neuen Zeitabschnitt größer ausfällt, als im vorhergehenden und immer schneller zunimmt.
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