Als die finanzielle Situation meines Bruders vollkommen außer Kontrolle zu geraten drohte, hatten seine Partner schließlich die Idee, ihn auf eine Vortragstour durch die amerikanischen Colleges zu schicken. Das bedeutete, dass er von College zu College fuhr und dort Reden und Vorträge hielt, für die er Geld bekam. In jenen Tagen waren solche Tischreden eine lukrative Einkommensquelle für Sportler, die ihre Karriere beendet hatten, doch für meinen Bruder, der sich ja eigentlich am Höhepunkt seiner Boxkarriere befinden hätte sollen, war es der einzige Weg, um ein finanzielles Desaster abzuwenden und seine Familie zu ernähren.
Am Anfang tat sich Muhammad sehr schwer, bei solchen Veranstaltungen zu reden. Zu dieser Zeit hatte er sich schon öffentlich gegen den Vietnamkrieg ausgesprochen, der natürlich ein großes Thema auf jedem Collegecampus war, und so war er anfangs ein willkommener Gast, da die meisten Studenten seine Meinung über den Krieg teilten, der immer mehr als ungerechtfertigt betrachtet wurde. Doch er wiederholte auch das muslimische Dogma, mit dem nur sehr wenige Leute im Publikum etwas anfangen konnten, selbst auf den liberaleren Colleges. So begann er zum Beispiel, abwertende Bemerkungen über das Rauchen von Marihuana zu machen, und man kann sich vorstellen, dass dies in den frühen 60er-Jahren nicht gerade gut bei den liberalen Studenten ankam. Er sprach über Religion, was sein Publikum, das sicherlich atheistischer war als der Rest Amerikas, noch weiter abschreckte. Womit er jedoch sein Publikum komplett vor den Kopf stieß, waren seine Angriffe auf die Ehe zwischen Farbigen und Weißen. Entgegen allen Vorurteilen, die damals existierten, gab es viele solcher Paare, und die Leute, vor denen Muhammad seine Vorträge hielt, waren diesen gemischten Paaren gegenüber weitaus toleranter als die Durchschnittsbevölkerung. Und jetzt sahen sie sich mit dem Weltmeister im Schwergewicht konfrontiert, der ihnen sagte, dass dies gegen seine Religion sei.
Der Vortrag, der mir am deutlichsten im Gedächtnis blieb, fand ziemlich am Anfang seiner Vortragstournee in Berkeley statt. Muhammad hielt seine Rede auf einem großen Platz. Tausende Leute waren gekommen, um ihn zu hören. Er schockte das Publikum gleich von Beginn an, indem er sich sofort in eine Reihe von Moralplattitüden hineinsteigerte. Er sei stolz darauf, schwarz zu sein und gut auszusehen, sagte er und war von der Anzahl der vielen gemischten Paare im Publikum schockiert. An dieser Stelle stand ein Großteil der Leute auf und verließ den Platz. Ein etwas verdutzter Muhammad machte eine Show daraus, aus seiner Flasche zu trinken, damit er sich eine kleine Nachdenkpause verschaffen konnte, während der weitere Menschen das Gelände verließen.
Darauf hielt Muhammad einen Vortrag über den Koran und sprach darüber, wie wichtig es sei, dass man „die roten Vögel mit den roten Vögeln“ halten müsse und „die blauen Vögel mit den blauen Vögeln“, was nur noch weitere Zuhörer vertrieb.
Ich glaube, es dauerte nicht lange, bis mein Bruder erkannte, dass dies so nicht funktionierte. Diese Studenten hatten sich wirklich gefreut, ihren Helden persönlich zu sehen, doch als er sie dann offen attackierte, fühlten sich die meisten vor den Kopf gestoßen. Es war nicht so, dass alle gegangen wären – oder die meisten –, doch der Effekt war deutlich merkbar und peinlich für meinen Bruder, auch wenn er zu denen, die dageblieben waren, weitersprach. Nach seiner Rede sprach der Sportjournalist Robert Lipsyte mit Muhammad über seine abschätzigen Bemerkungen, doch mein Bruder leugnete, dass das Publikum Vorbehalte hatte. Er sei zu stark, erzählte er Lipsyte, und seine Botschaft sei zu mächtig, weswegen sie jenseits der Aufnahmefähigkeit des Publikums liege. Lipsyte widersprach meinem Bruder. Es sei deutlich zu sehen gewesen, dass sich niemand dafür interessierte, was Muhammad über Rassentrennung zu sagen hatte oder darüber, dass man kein Gras rauchen sollte, meinte er. Man muss bedenken, dass dies alles zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung stattfand und viele dieser jungen Leute sich sehr für die Integration der farbigen Bevölkerung engagierten. Für sie stand Muhammad mit solchen Ansichten auf der falschen Seite. Er machte sich damit nicht gerade beliebt beim Publikum.
Im Nachhinein verstand Muhammad, dass sein Stil als Redner am Anfang ein Desaster gewesen war, auch wenn er sich nicht selbst dafür die Schuld geben wollte. Er blieb bei seiner Ausrede – die Anwesenden könnten damit nicht umgehen. Er hätte niemals zugegeben, dass er einfach schlecht war, sondern behauptete lieber, dass die Kraft der Worte das Publikum überforderte. Man konnte meinen Bruder nicht mit Worten besiegen – er war so energisch in seinem Kampf, seine Prinzipien, und alles, woran er glaubte, hochzuhalten –, doch nach einigen weiteren Auftritten fing er an, zu akzeptieren, dass er sich zumindest andere Meinungen anhören sollte. Er begann damit, nach seinen Reden Fragen anzunehmen. Somit hatten die Studenten Gelegenheit, seine Standpunkte infrage zu stellen. Dies führte natürlich öfters zu Konflikten, aber es spiegelte im Endeffekt nur das wider, was in der Welt vor sich ging, und schlussendlich eröffnete es meinem Bruder Ansichten, die er vielleicht niemals bedacht hätte. Nun begann er auch für seine Reden zu üben. Zuerst schrieb Belinda viele seiner Reden auf weiße Kärtchen, so dass er sie davon ablesen konnte, bis er sicher genug war, seine Botschaft ohne Hilfsmittel zu verbreiten.
Anfangs war es ein langwieriger und schmerzvoller Prozess. Doch mit der Zeit und wachsendem Selbstvertrauen ließ er die Karten weg und sprach frei, was auch leichter und natürlicher für ihn war. Je wohler er sich in seiner Rolle fühlte, umso mehr Humor brachte er mit ein. Er sprach darüber, wie schön Schwarz sei, fragte, warum Engel immer weiß und Dämonen immer schwarz dargestellt würden. So vermittelte er seine Meinung über Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe, aber in einer Weise, mit der die Zuhörer etwas anfangen konnten.
Als dann die schlechten Zeiten beinahe vorüber waren, war er zu einem fesselnden Campusredner geworden, der seinen Ali Shuffle vorführte und Witze erzählte, während er seine eher extremeren Ansichten stark zurücknahm oder sogar ganz darauf verzichtete. Er war immer ein Entertainer, doch glaube ich, dass seine Vorträge am College eine gute Schule für seine Rhetorik waren, was ihm schlussendlich bei Pressekonferenzen und Publicitytouren in den folgenden Jahren helfen sollte.
Ein weiterer Aspekt der Vorträge meines Bruders, der sich schon bald bezahlt machte, war, dass er die Gelegenheit bekam, seine Reime zu perfektionieren. Er verwendete oft Reime, wenn er zu Studenten sprach, die er niederschrieb, während er von College zu College fuhr. Einmal wurde er sogar von der Oxford University eingeladen, um dort Lyrik zu lehren – doch irgendwie kam das Ganze dann doch nicht zustande. Er hielt jedoch einen Vortrag an der Harvard University, wo er mit stehenden Ovationen bedacht wurde. Und obwohl Belinda ihm mit seinen Reimen am Anfang immer geholfen hatte, lernte er über die Jahre eine andere Dichterin besser kennen – die Fernsehpersönlichkeit und Aktivistin Nikki Giovanni.
Als mein Bruder Giovanni zum ersten Mal begegnete, stand sie am Anfang ihrer Karriere und reiste viel herum. Sie nahm immer das Flugzeug, was einfach praktischer war für die langen Distanzen, die sie zurücklegen musste. Belinda, die sich sehr wohl über Muhammads Neigung für außereheliche Aktivitäten im Klaren war, wusste, dass sie dieser speziellen Freundin Muhammads trauen konnte, und sie war dankbar dafür. Es war schon etwas eigenartig, wenn Belinda Giovanni fragte: „Wie war die Reise?“ Und Giovanni antwortete: „Wunderbar.“
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