Auf jeden Fall behielt mein Bruder Belinda im Auge und versuchte, sie immer zu treffen, wenn er gerade in Chicago war. Schlussendlich fand sie eine Anstellung in einer Bäckerei, wo er sie immer wieder aufsuchte, um mit ihr zu flirten und zu reden. Belinda bot ihm bei ihren Gesprächen immer wieder Paroli.
Schnell war Belinda zum Rückgrat ihrer Beziehung geworden. Sie bemerkte bald, dass Muhammad bei Weitem nicht so extrovertiert war, wenn sie allein waren. Er war ein sehr ruhiger Kerl. Belinda schaffte es, dass er begann, mehr aus sich herauszugehen, was auch sein Selbstvertrauen bis zu einem gewissen Grad stärkte. Langsam öffnete er sich. Sie spielte ihre Rolle sehr gut und zeigte ihm neue Aspekte im Leben und sagte ihm, dass, wenn es darauf ankam, er unbesiegbar sei. Wenn der Alltag ihn zu erdrücken drohte, dann erkannte sie das sofort und sagte zu ihm: „Du kannst das alles bewältigen. Du wirst eines Tages ganz groß rauskommen.“
Ihre Worte halfen ihm, sein Selbstwertgefühl hochzuhalten, als die äußeren Umstände ihn nach unten ziehen wollten. Belinda stellte sicher, dass er nicht den Mut verlor, und das war unheimlich wichtig für meinen Bruder, damit er diese harten Jahre durchstehen konnte.
Wie das Sprichwort sagt, so steht hinter jedem großen Mann eine große Frau, und mein Bruder hatte Glück, sie getroffen zu haben, auch wenn sie damals noch ein Mädchen war. Traurigerweise profitierte Belinda nie vom Schwergewichtsweltmeister, denn als sie heirateten, war Muhammad der Titel bereits aberkannt worden, und als er ihn wiederbekam, war ihre Beziehung gerade dabei, in die Brüche zu gehen.
Trotz allem, Muhammad hatte nun eine Frau zu ernähren, und er musste aus dem finanziellen Loch, in das er immer tiefer zu versinken drohte, herauskommen. Louis Farrakhan – ein hochrangiges Mitglied der Nation of Islam – hatte meinen Bruder für einige Zeit in seinem Haus wohnen lassen und sich um Sonji, seine erste Frau, gekümmert, als dieser für den Kampf mit Liston trainierte. Nun sponserte Farrakhan Muhammads und Belindas Flitterwochen, was zwar sehr großzügig war, jedoch nicht die finanziellen Probleme meines Bruders löste.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Muhammad 29 Profikämpfe bestritten, einschließlich neun Titelkämpfe. Aus diesen neun Titelkämpfen lag sein Anteil bei zwei Millionen US-Dollar brutto, nach Abzug aller anderen Ausgaben vom Manager bis zum Hausmeister. Doch Muhammad war damals noch unter Vertrag bei der Louisville Group, zehn weißen Herren, die ohne sein Wissen ein als „Joe Louis Gesetz“ bekanntes Arrangement mit der Regierung getroffen hatten, nach dem sie der Regierung 90 Prozent aller seiner Einnahmen zahlen würden, noch bevor Muhammad sein Geld bekam, damit er nicht bankrottging. Damit blieben meinem Bruder unterm Strich gerade einmal magere zehn Prozent seiner zwei Millionen Dollar, um zu leben. Davon bekam Sonji nach der Scheidung zwischen 150.000 und 200.000 Dollar zugesprochen, zusätzlich zu den 1200 an monatlichen Unterhaltszahlungen. Dann waren da noch die Anwaltskosten, die beglichen werden mussten. Diese beliefen sich auf damals gigantische 96.000 Dollar für die Anwälte, die ihn im Kampf gegen seinen erbittertsten Widersacher – die US-Regierung – vertreten hatten. Vom Rest musste er leben und seine Rechnungen bezahlen. Kein Wunder, dass so gut wie kein Geld mehr auf dem Konto war.
Es wäre nicht mein Bruder gewesen, wenn er nicht Witze über seine Lage gemacht hätte.
„Ich weiß nicht, warum die Leute sich darüber wundern, dass ein schwarzer Boxer einen finanziellen Engpass hat“, lachte er. „Sogar Amerika ist pleite. Amerika streicht sogar Reisen ins Ausland, um Geld zu sparen. Wenn also das große mächtige Amerika pleitegehen kann, dann ist es wohl keine Überraschung, wenn ein kleiner schwarzer Boxer pleitegeht.“
Man muss schon einen ganz besonderen Charakter haben, um sich den Humor in einer solchen Situation, in der sich mein Bruder befand, zu erhalten. Jemand, dessen Karriere am Höhepunkt abrupt unterbrochen wurde, gerade als er bereit war, das große Geld zu machen – in einem Sport, in dem er bereits als 12-Jähriger seine Berufung gefunden hatte.
Aber egal, wie schlecht die finanzielle Lage meines Bruders war, es schien ihn nicht davon abzuhalten, weiterhin Geld auszugeben. In einem Interview mit TV-Moderator Bud Collins erzählte er von seinen Plänen, sich ein Flugzeug zulegen zu wollen. Der einzige Grund für so einen Rieseneinkauf war, dass er durchs ganze Land reiste und immer unterwegs war. Man muss wissen, dass Muhammad, seit er Liston entthront hatte, Anfragen aus allen Teilen des Landes bekam, um Reden zu halten und aufzutreten, und die Zeit, die er im Auto verbrachte, zermürbte ihn langsam. Und nun überlegte der Mann, der bekannterweise beinahe die Olympiaqualifikation wegen seiner Flugangst verpasst hätte, ein eigenes Flugzeug zu erwerben. Der Interviewer war ganz erstaunt und meinte: „Ich möchte Ihnen nicht zu nahetreten, aber es kursieren gerade viele Geschichten, dass es Ihnen wie Joe Louis ergeht und Sie bankrott sind. Sie haben einerseits 280.000 Dollar Schulden und reden andererseits davon, sich einen Düsenjet zu kaufen.“
Wie immer hatte Muhammad eine Antwort parat. Man konnte ihn niemals aus der Fassung bringen, egal, ob man mit ihm begann zu philosophieren oder ob Journalisten versuchten, ihn zu grillen.
So antwortete er: „Ich sage leasen. Ich bin nur fast bankrott. Mir ist es untersagt, hier in Amerika meiner Arbeit nachzugehen, und ich darf das Land auch nicht verlassen. Ich bin nicht wie Joe Louis. Ich habe nicht 13 Jahre lang nicht geboxt.“
Zudem musste sich Muhammad mit jenen Leuten aus seinem engsten Umfeld auseinandersetzen, die sich an ihm bereichern wollten. So erhielten Herbert und die Nation of Islam je ein Drittel von Muhammads Gesamteinnahmen. Damit blieb meinem Bruder nur ein mageres Drittel. Interessanterweise wurden auch alle Ausgaben vom Drittel meines Bruders abgezogen.
Und es gab viele Ausgaben, glauben Sie mir. Ich kann mich zwar nicht mehr an das damalige Spesenbudget erinnern, aber später, in den 1970er-Jahren, war ein Budget von 100.000 Dollar für ein Trainingscamp die Norm, und meist lag es sogar noch darüber. Der Anteil für das Management war einfach unerhört hoch und ungerecht, doch Muhammad hatte bereitwillig etwas unterschrieben, was jeder Mensch mit einem gesunden Hausverstand sofort als richtig schlechtes Geschäft identifiziert hätte. Das Problem war, dass mein Bruder alles tat, was Herbert von ihm wollte, wenn es ums Geschäft ging. Vom ersten Tag an hatte es Herbert geschafft, dass mein Bruder ihm aus der Hand fraß, und er sah ihn einerseits als Ware, andererseits aber auch als Freund. Das war nicht nur absolut inakzeptabel für all jene, denen Muhammad wirklich am Herzen lag – es war einfach verrückt. Als einige Personen Herbert fragten, warum Muhammad von einem Preisgeld von sechs Millionen Dollar nur vier bekam, obwohl er kämpfte, und er als Manager zwei Millionen in einer Nacht, obwohl er nie einen Kampf bestreiten musste, meinte Herbert: „Ich sagte, es wäre ein Teil des Vertrags, und wir haben uns darauf geeinigt. Vielleicht meinen die Leute: ‚Ja, aber der Anteil ist zu hoch für dich.‘ Alle um ihn herum haben das gesagt, aber das war eben, was wir abgemacht haben.“
Unsere Familie beschwerte sich oft darüber, dass Herbert den Vertrag nie neu überarbeitete, damit die Finanzen fairer aufgeteilt wurden.
Um ehrlich zu sein, ich denke, man kann sagen, dass das Management meines Bruders ihn übervorteilte, und dieses Problem sollte sich durch seine gesamte Karriere ziehen. Muhammad war zwar der bekannteste Sportler seiner Zeit, doch es waren die anderen um ihn herum, die größtenteils von seinen Einnahmen profitierten. Er boxte, damit sich die anderen bereichern konnten. Mein Bruder verstand damals nicht wirklich was von Geld. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen er es nicht einmal zur Bank trug, da er fürchtete, dass sein Geld im Falle eines Bankraubs weg wäre. Stattdessen nahm er das Geld und versteckte es hier und dort und dachte, es wäre so sicherer als auf der Bank. Er meinte, ein Koffer voll mit Bargeld, sagen wir 50.000 Dollar, wäre mehr wert als ein Scheck über 100.000 Dollar. Für ihn war ein Scheck nur ein Stück Papier. So dachte er eben damals über Geld.
Читать дальше