Niemand in den Vereinigten Staaten stellte ihm eine Boxlizenz aus. Und da die Behörden auch seinen Pass beschlagnahmt hatten, war es ihm auch nicht möglich, im Ausland zu boxen. Obwohl ihn die Nation of Islam in dieser düsteren Zeit finanziell unterstützte, war mein Bruder fest entschlossen, von selbst wieder auf die Beine zu kommen.
Ein Grund, warum ihn das zu diesem Zeitpunkt so hart traf, war, dass Muhammad gerade zum zweiten Mal geheiratet hatte. 1964 hatte er Sonji Roi, eine Cocktailkellnerin, die Herbert ihm nach unserer Reise nach Afrika vorgestellt hatte, geheiratet. Wir tourten damals durch Ghana und Ägypten, wo wir sogar von Präsident Nasser empfangen wurden. In Ghana wurden wir von Hunderten stürmischen Fans umringt, die alle so nahe wie möglich an Muhammad ran wollten, und Herbert rannte sogar davon, da er um sein Leben fürchtete. Anfangs war Sonji gar nicht so angetan von meinem Bruder. Sie konnte seine Angeberei einfach nicht ausstehen, ja, es törnte sie sogar eher ab. Doch Muhammad blieb hartnäckig und war ganz auf dieses junge hübsche Mädchen fixiert. Nach einer stürmischen Romanze von fünf Wochen traten sie am 14. August 1964 vor den Altar, und ein paar Tage später besuchten sie uns in Louisville, um unsere Eltern zu kennenzulernen.
Doch die Schwierigkeiten waren bereits vorprogrammiert. Eines der größten Probleme, das Muhammad mit seiner ersten Frau hatte, war, dass sie die Lehren des Islam in Bezug auf Moral strikt ablehnte. Ich erinnere mich, wie mein Bruder ihr immer wieder lautstark sagte, sie solle sich sittsam kleiden. Er sagte: „Du kannst nicht in diesen kurzen Kleidern herumlaufen.“
Mein Bruder hatte große Schwierigkeiten damit, dass seine Frau Miniröcke trug und viel Haut zeigte – es entsprach nicht unserer Religion. Er glaubte, er müsse ein Vorbild sein, und wenn seine Frau nicht mit gutem Beispiel voranginge, welche Botschaft würde das denn aussenden? Immer wieder gerieten Muhammad und Sonji deswegen aneinander, und sie sagte zu ihm, dass sie nicht dazu bereit sei, sich seinen Regeln unterzuordnen. Sie warf meinem Bruder vor, dass er denke, dass der Mann der „Herr im Haus sei“ und immer recht habe, und Muhammad konnte dem kaum widersprechen. Sonji stritt immer wieder mit meinem Bruder über das, was sie tat und wie sie sich anziehen sollte, aber ebenso, weil sie Elijah Muhammads Lehren permanent infrage stellte. Zwei Jahre nach ihrer Heirat ließen sie sich wieder scheiden, und mein Bruder nahm sich vor, dass seine nächste Ehefrau einen positiveren Einfluss auf sein Leben haben sollte.
Schließlich heiratete er im August 1967 die damals erst 17-jährige Belinda Boyd. Es war mehr oder weniger eine arrangierte Ehe. Muhammad musste die Zustimmung ihrer Eltern einholen, und die spielten eine wichtige Rolle. Mein Bruder lebte zu dieser Zeit im Süden Chicagos, in einem bescheidenen Haus, das Herbert ihm und seiner neuen Frau zur Verfügung gestellt hatte, während ich mir ein eigenes Quartier einige Blocks entfernt vom Heim meines Bruders mietete. Muhammad und Belinda hatten sich zum ersten Mal gesehen, als er 18 war und sie zehn. Zu dieser Zeit stattete er gerade der Muhammad University of Islam Number Two einen Besuch ab, einer muslimischen Schule in Chicago, die Belinda während seiner Tour nach dem Gewinn der Goldmedaille abschließen sollte.
„Ich werde noch vor meinem 21. Geburtstag Weltmeister im Schwergewicht sein“, erzählte er einer Gruppe von Schülern, zu denen auch sie gehörte. „Holt euch also eure Autogramme jetzt schon! Ich werde bald berühmt sein.“
Muhammad ging zu Belinda und sagte: „Hier, Kleine. Hier ist mein Autogramm. Eines Tages werde ich berühmt sein. Mein Name wird etwas wert sein.“
„Wie kannst du wissen, dass du das schaffst, bevor du 21 bist?“, fragte eine verwunderte Belinda, als sie das Stück Papier, das er ihr gegeben hatte, betrachtete. „Warte, dein Name ist Cassius Marcellus Clay? Weißt du überhaupt, was die Römer anderen Menschen angetan haben? Und du hast das Wort Clay in deinem Namen, das bedeutet Lehm, Erde, die man formen kann, und darauf bist du stolz?“
Das war wohl ein wenig zu viel für meinen Bruder. Bedenkt man, dass Belinda noch ein kleines Mädchen war, war sie bereits außerordentlich selbstbewusst und reif. Als sie nachlegte, suchte Muhammad noch immer nach einer Antwort.
„Bruder, ich sage dir etwas“, fuhr sie fort, riss das Papier in Stücke – und faszinierte meinen Bruder mit ihrer Schlagfertigkeit. „Wenn du mit mir reden willst, dann brauchst du einen Namen, der Respekt und Ehre ausstrahlt. Du brauchst einen muslimischen Namen. Dann können wir reden.“ Und sie drückte ihm das zerrissene Autogramm wieder in die Hand. „Das kannst du wieder mitnehmen.“
Sie erklärte ihm, dass an der muslimischen Schule, die sie besuchte, die Schüler die Geschichten der Kalifen lasen – Abū Bakar, Usman, Umar und Ali –, große Männer, die Helden waren und für ihre Religion gekämpft hatten.
„Du bist einer dieser Kalifen“, sagte sie zu meinem Bruder. „Du musst für den Islam kämpfen.“ Dann ging sie.
Muhammad war schwer irritiert. Niemand hatte bis jetzt so mit ihm gesprochen, schon gar nicht ein zehn Jahre altes Mädchen.
„Sie hat meinen Namen zerrissen. Sie hat mein Autogramm zerrissen“, murmelte er. „Wer ist sie?“
Die Antwort der Anwesenden kam prompt und war recht entmutigend.
„Leg dich nicht mit ihr an“, sagte man meinem Bruder. „Sie ist die Prinzessin des Islam. So nennt Elijah Muhammad sie. Und ihr Vater – besser du fragst gar nicht.“
Belindas Vater war ein Mann weniger Worte, doch wenn er dich streng ansah, wusstest du, dass er es ernst meinte. Abgesehen davon, hinterließ dieses junge Ding einen bleibenden Eindruck bei meinem Bruder. Irgendwann erfuhr er, wie alt sie war, und das erstaunte ihn.
„Erst zehn?!“, fragte er ungläubig.
„Ja“, war die Antwort. „Aber Muslime sind sehr gebildet und anderen Gleichaltrigen voraus.“
Kurz vor Muhammads Titelkampf, als Belinda ein Teenager war, entschloss sie sich dazu, selbst ein paar Nachforschungen über meinen Bruder zu betreiben. Sie begann damit, sich mehr mit seiner Boxkarriere auseinanderzusetzen, und las über seine Kämpfe und seine Leistungen bei den Olympischen Spielen. Zu dieser Zeit bereitete er sich gerade auf den Kampf mit Sonny Liston vor, und sein Gesicht war überall zu sehen. Sie sah, was Liston über die Black Muslims sagte, und hörte, wie mein Bruder sagte: „Ich werden den Typen plattmachen.“
Das dürfte sie dann doch beeindruckt haben, denke ich. Irgendwann setzte sie sich hin und verfasste ein Gedicht, das sie meinem Bruder letzten Endes zukommen ließ. Es lautete folgendermaßen:
This is the legend of Cassius Clay .
The most beautiful fighter today .
His fist fights are great he’s got speed and endurance .
But if you try to fight him it’ll increase your insurance .
This kid’s got a left, this kid’s got a right .
Look at him carry the fight .
All the crowd is getting frantic, there’s not enough room ,
Cassius’ law of boom .
Who would have felt when they came to the fight
They’d see spooks set alight .
No one would have dreamed when they put down their money
They’d see a total eclipse of Sonny .
Als Belinda die Gelegenheit bekam, Muhammad ihr Gedicht zu geben, war er davon überwältigt.
„Du hast das für mich geschrieben?“, fragte er sie. „Ich liebe es. Du bist klug.“
Er verwendete Teile davon bei Interviews und legte damit den Grundstein für einige seiner berühmtesten Zitate, und nur ganz wenige Leute hätten vermutet, dass diese Zeilen von einer 13-Jährigen stammten.
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