Am 28. April 1967 sollte Muhammad vor der Einberufungskommission in Houston erscheinen. An jenem Morgen rief er Herbert an – wie immer, wenn er Rat brauchte. Ich hörte meinen Bruder oft morgens oder abends mit Herbert telefonieren. Unsicher, was seine Zukunft betraf, fragte Muhammad: „Was wird passieren?“
Er fragte Herbert nicht, was er bei der Anhörung sagen sollte. Ich hatte das Gefühl, dass er genau wusste, dass er der Kommission seine Prinzipien darlegen würde. Er war nicht bereit, sich der Regierung einfach zu ergeben. Auch das wusste ich. Muhammad beriet sich mit Herbert, um dessen Meinung zu erfahren. Ehrlich gesagt, hinterfragte er seinen Manager nur sehr selten, auch wenn andere Leute im Dunstkreis meines Bruders der Meinung waren, dass Herbert zu viel Kontrolle über die meisten Dinge hatte, wenn nicht sogar über alles. Herbert spielte eine entscheidende Rolle während seiner Karriere und bestimmte meist, was Muhammad tun sollte. Wie auch immer, wir waren uns sehr wohl der Konsequenzen bewusst, die eine Verweigerung auf Muhammads weiteren Weg haben könnte.
In der Zwischenzeit versuchte Arum sein Bestes, um meinen Bruder davon abzubringen und ihn zu überzeugen, den Deal, den er der Regierung vorgeschlagen hatte, anzunehmen. Dieser Deal besagte, dass Muhammad Schaukämpfe zur Unterhaltung der Truppen vorführen sollte. So würde seine weitere Karriere keinen Schaden nehmen, und Muhammad könnte weiter professionell boxen. Hinter verschlossenen Türen warnte Arum meinen Bruder, dass er beruflichen Selbstmord beginge, sollte er diesen lukrativen Deal ausschlagen. Außer mir dachte so ziemlich jeder im Umkreis von Muhammad, dass die Wahrscheinlichkeit für meinen Bruder, jemals wieder einen Boxring zu betreten, gleich null war. Und Arum – der wusste, dass die Karriere meines Bruders vorbei wäre, wenn er diesen Deal ausschlug – sagte ihm klipp und klar, dass er gerade dabei war, eine Dummheit zu begehen. Alle rund um meinen Bruder – einschließlich unseres Vaters und sogar Herberts, auch wenn der den Anweisungen seines Vaters Folge leistete – wollten, dass mein Bruder diesem Deal zustimmte. Immerhin hingen sie alle mehr oder weniger finanziell von ihm ab, und so war es keine große Überraschung, dass der Deal auch in ihrem Interesse war. Später einmal erklärte Arum öffentlich, dass der Grund, warum er Muhammad so unter Druck gesetzt hatte, das Angebot anzunehmen, war, weil er nicht wollte, dass mein Bruder ins Gefängnis gehen müsste. Er sei sehr besorgt um ihn, meinte er. Vor allem war der Promoter natürlich darüber besorgt, seine goldene Gans zu verlieren.
Am Anfang des Krieges war Muhammads Antwort auf die Einberufung größtenteils von der Reaktion der Nation of Islam bestimmt, denn viele schwarze Muslime verweigerten den Kriegsdienst, und mein Bruder folgte eigentlich nur ihrem Beispiel. Er handelte nach seinen Glaubensprinzipien, doch er betrachtete den Krieg nicht unbedingt als eine ungerechte Sache. Das änderte sich jedoch mit Fortdauer des Krieges, als Muhammad neu eingestuft wurde. Muhammad war kein besonders eifriger Leser, und damals, beim ersten Mal, waren seine Lese- und Schreibfähigkeiten gerade einmal ausreichend gewesen, und die Tests, die er bei der Stellungskommission ausfüllen musste und die als Kriterium zur Einberufung dienten, fielen ihm recht schwer. Erst als die Armee nach mehreren Jahren hartem, blutigem Dschungelkrieg mehr Soldaten benötigte, wurden die Qualifikationskriterien für die Einberufung gesenkt. Doch anstatt meinen Bruder erneut zu testen, klassifizierten sie die Ergebnisse des alten Tests aufgrund der neuen Kriterien neu und erklärten ihn im Nachhinein für tauglich. Sie können sich vorstellen, wie das bei meinem Bruder ankam. Erst wurde er als dumm abqualifiziert und ausgemustert, doch als die Armee dringend mehr Soldaten für Vietnam benötigte, war er plötzlich wieder klug genug.
Als er herausfand, dass er als tauglich eingestuft worden war – ich denke, wir befanden uns damals gerade in dem Bungalow, den er in Miami gemietet hatte, als er den Anruf bekam –, war die erste Reaktion meines Bruders: Warum ich? Ich bin doch Weltmeister im Schwergewicht. Mit meinen Steuern finanziere ich so viele Gewehre, Panzer und Soldaten. Warum holen die nicht andere, die keine Steuern zahlen? Seine erste Antwort hatte also rein gar nichts mit seinen Prinzipien zu tun, doch es steckte trotzdem etwas mehr dahinter. So wie ich es sah, war Muhammad anfangs nicht klar, dass man ihn nicht an die Front schicken würde, um dort Menschen zu töten. Schon zuvor war es meist gang und gäbe gewesen, dass bekannte Sportler, die zur Armee gingen, im Normalfall mit ungefährlichen Aufgaben betraut wurden, wie etwa mit Vorführungen, um die Truppen bei Laune zu halten, und ich denke, man konnte davon ausgehen, dass, wenn er sich verpflichtet hätte, er ebenso wenig an die Front gekommen wäre. Zu Beginn schien er dies allerdings nicht zu begreifen, und er begann, sich so in seine Wut hineinzusteigern, dass er sich in der Öffentlichkeit so vehement gegen den Krieg aussprach, bis ihn die meisten Amerikaner als einen Ausgestoßenen betrachteten. Als er realisierte, dass ihm persönlich keine Gefahr drohte, war er dann nicht mehr bereit, seine Prinzipien zu opfern.
„Warum soll ein schwarzer Mann von weißen Männern geschickt werden, um braune Menschen umzubringen?“, sagte er. „Ich bin ein Muslim, und wir ziehen nicht in den Krieg, solange er nicht von Allah selbst ausgerufen wurde. Ich persönlich habe keinen Streit mit dem Vietkong.“
Natürlich machten sich auch unsere Eltern Sorgen. Ich erinnere mich, wie mein Bruder zu ihnen sagte: „Ich folge dem ehrenwerten Elijah Muhammad. Ich bin ein Muslim. Elijah Muhammad sagt, ich kann nicht für dieses Land kämpfen. Ich kann nicht einfach unschuldige Menschen töten, die mir nichts antun. Diese Menschen nennen mich nicht ‚Nigger‘. Ich kann dort nicht hinfahren und kämpfen. Ich werde es nicht tun.“
Darauf sagten unsere Eltern: „Wenn das deine Überzeugung ist, dann tu das, was du für richtig hältst. Geh und stehe deinen Mann. Wir stehen zu 100 Prozent hinter dir.“
Selbst heute noch übersehen viele Leute die Tatsache, dass unverhältnismäßig viele Afroamerikaner eingezogen wurden, um in Vietnam zu kämpfen. Das sorgte wiederum für einen anderen Konflikt: Da waren nun Menschen, die mit ihrem Gewissen kämpften, unsicher darüber, aus welchem Grund in Vietnam Krieg geführt wurde, doch viele von ihnen hatten Söhne, Onkel, Brüder und Väter, die zum Militär gingen, um gegen den Kommunismus zu kämpfen. Also gab es einige, die die Entscheidung meines Bruders unterstützten und sich gleichzeitig fragten, warum ihre Verwandten dienen mussten, und andere, die der Meinung waren, dass mein Bruder über dem Gesetz stehen solle.
Vor allem Mainstream-Amerika betrachtete Muhammad als einen Dummkopf, aber auch als einen vorlauten schwarzen Mann, der nicht wusste, wo sein Platz war. Er war gelegentlich der „Kentucky Clown“ genannt worden, oder die „Louisville Lippe“, doch nachdem er der Nation of Islam beigetreten war und seinen Namen auf Muhammad Ali geändert hatte, bekam die Kritik an ihm einen immer aggressiver werdenden Unterton. Nun, als er sich weigerte, mit gutem Beispiel voranzugehen und sich zum Militärdienst zu melden, wurde er zu einem öffentlich gehassten Sportler, vor dessen Tür die Kommentatoren und Zeitungsschreiber Schlange standen, um ihr Gift auf ihn zu spritzen.
In der Zwischenzeit protestierte Muhammad weiter öffentlich, nachdem ihm die amerikanische Regierung seine Boxlizenz zwei Monate
nach seiner Weigerung, in den Vietnamkrieg einzurücken, entzogen hatte. Als Konsequenz daraus verschlechterte sich seine finanzielle Lage rapid, und schon bald steckte er in Geldnöten.
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