Es war typisch für Muhammad, seine Sparringspartner recht schonend zu behandeln. Anders als George Chuvalo, Joe Frazier und Sonny Liston, die im Sparring voll aufdrehten, als wäre es ein echter Kampf, war mein Bruder immer entspannt, experimentierte, probierte Neues und ließ seinen Partnern eine Chance. Angelo pflegte zu sagen, dass er glaube, Muhammad hätte nie eine Sparringeinheit gewonnen, da er sie nicht ernst nahm – trotzdem arbeitete er aber hart. Andererseits war der Muhammad Ali, den ich im Studio beim Sparring sah, nicht der gleiche Ali, der im Ring vor Tausenden von Zusehern kämpfte. Damit meine ich, dass, wenn man ihn beim Sparring beobachtete, es so aussah, als würde er „verlieren“. Doch in dem Moment, wenn er im Ring in der Arena stand, machte er ernst. Boxen war seine Leidenschaft, doch ich kann Ihnen auch versichern, dass er keinen Spaß daran hatte, anderen wehzutun. Das war etwas seltsam, denn obwohl er diesen brutalen Sport ausübte und dabei einigen der härtesten und brutalsten Boxern in der Geschichte des Sports gegenüberstand, fand er nie daran Gefallen, anderen Leuten Schmerzen zuzufügen. Muhammad war kein Finisher wie Sugar Ray Robinson oder Sonny Liston oder später auch Mike Tyson. Er war der Typ, der dir einfach boxerisch überlegen war und dich mental besiegte. Wenn er einmal in deinem Kopf war, dann gewann er aufgrund deiner Fehler und dem unglaublichen Druck, den du spürtest.
Doch da war noch mehr. Muhammad war mehr als nur ein gewitzter Kämpfer. Er hatte auch Mut. Er war ein Krieger. Und kein echter Krieger will seinen Sparringspartner verletzen, den Mann, der ihm beim Training für die echten Kämpfe hilft. Ich bin mir sicher, dass Spider Jones, als er in den Ring stieg, erwartete, vor den fast 700 Leuten im Studio gedemütigt zu werden. Mein Bruder war ja immerhin eine Sensation in Toronto. Er war gekommen, um gegen ihren Champion zu kämpfen. Auch wenn er keiner von ihnen war, so hießen ihn die Kanadier herzlich willkommen, als wäre er einer der ihren. Das Studio war vollgepackt mit Leuten, also würde man denken, dass Muhammad ein bisschen angeben würde und diesem Boxer, der sein Bestes versuchte, auf ihn einzuschlagen, einige richtige hammerharte Schläge verpassen würde. Natürlich hatte Jones die Herausforderung angenommen, als er in den Ring stieg, und später gab er zu, dass er wirklich geglaubt habe, von Muhammad gedemütigt und zusammengeschlagen zu werden – doch dem war überhaupt nicht so. Die beiden gingen über drei anstrengende Runden, in denen sich Jones beim Versuch, Treffer zu landen, genauso verausgabte, wie er es durch das Einstecken von Schlägen tat. Mein Bruder andererseits hatte nach der Einheit noch genügend Kraft, um dem Publikum zuzuwinken.
Was danach passierte, war noch überraschender. Muhammad saß zusammen mit Spider Jones im Umkleideraum, den alle Boxer miteinander teilten. Jones, ein begeisterter Sänger, stimmte Stand by Me an, was Muhammads Interesse erweckte.
„Ein großartiges Lied“, sagte Muhammad zu ihm. „Von wem ist das?“
„Ben E. King!“, antwortete Jones und begann, über Kings Leben zu referieren – wie seine Karriere begonnen hatte und wie er zum Leadsänger in einer Gruppe namens The Drifters wurde.
Mein Bruder war neugierig geworden, denn er verabsäumte fast nie eine Gelegenheit, sein Wissen auf Gebieten, die ihn interessierten, zu erweitern. Es endete damit, dass beide dasaßen und lange über Musik sprachen, während sie sich von ihrem Schlagabtausch im Ring zuvor erholten. Sam Cooke, einer der damals bekanntesten Sänger, war ein guter Freund Muhammads. Er war auch sein Lieblingssänger, wie er Jones erzählte. Jones wusste selbst viel über Cooke und erzählte meinem Bruder einige Dinge über ihn, die auch Muhammad nicht kannte. Ich selbst habe Sam auch getroffen: Er war damals bei der Feier nach dem Sieg über Liston dabei gewesen, und obwohl er kein aktives Mitglied der Nation of Islam war, so kannte er jedenfalls ihre Lehren. Doch Spider Jones hatte noch viel mehr Hintergrundwissen zu Sam zu bieten: über seine musikalische Karriere, seine Zeit mit den Soul Stirrers . Leider wurde Sam 1964 erschossen. Laut Polizei war es angeblich Notwehr gewesen, doch Freunde behaupteten, dass das nicht stimmte. Muhammad hatte selbst Zweifel an diesem Urteil und sprach darüber mit Jones.
Erstaunt über das beeindruckende Wissen dieses jungen Mannes über Musik, sagte mein Bruder: „Junge, du solltest zum Radio gehen.“
Witzigerweise hatte Jones dies bereits seit Längerem in Erwägung gezogen, was er meinem Bruder auch sagte.
Muhammad meinte zu ihm: „Ich wurde geboren, um Weltmeister im Schwergewicht zu werden. Du bist dazu geboren, der Weltmeister des Radios zu werden! Du musst zum Radio, dort ist dein Platz!“
Und Jones sagte: „Ich weiß.“
Dieses Gespräch blieb Jones im Gedächtnis, und mein Bruder erinnerte sich an den Tag, an dem er wieder nach Hause flog – kurz bevor er nach einem 15-Runden Kampf gegen Chuvalo, den Muhammad nach Punkten gewonnen hatte, zum Flughafen fuhr –, und er Jones umarmte.
„Das nächste Mal, wenn ich wiederkomme, will ich Gast in deiner Radiosendung sein“, sagte Muhammad zu ihm. „Wenn du dann keine Radioshow hast, dann versohle ich dir den Hintern!“
Muhammad teilte also eine gemeinsame Leidenschaft mit seinem neuen kanadischen Freund. Von da an ging es immer um Musik, wenn er und Jones sich über den Weg liefen.
Er sagte dann: „Sing Stand by Me ! Mann, Spider Jones, du weißt alles über Musik!“
20 Jahre später führte Jones ein Interview mit Muhammad. Mein Bruder, wie die meisten Leute wissen, war ein großartiger Interviewpartner, und jeder, der mit ihm sprach, erkannte schnell, dass sich hinter dem sportlichen Äußeren ein besonderer Intellekt versteckte. Muhammad hatte den Hang, Interviewer mitten im Satz zu unterbrechen. Er stand mitten im Gespräch auf und begann ein wenig mit ihnen zu sparren, es war unglaublich. Er kam immer als sehr intelligent rüber und sprach über seine Religion und soziale Anliegen, wenn ihm die Plattform in den Medien geboten wurde. Er sprach für ihn wichtige Themen an, fand jedoch immer wieder auch Zeit für das eine oder andere Späßchen. Etwas, was er nie machte, war, sich abfällig über seine Gegner zu äußern, außer er warb gerade für einen Kampf. Vor Kämpfen gab es kein Pardon. Wenn dann der Kampf vorüber war, dann behandelte er seine Kontrahenten allerdings wieder wie gute Freunde. Einmal während eines Gesprächs über seine Freundschaft mit Musikern hörte ich Muhammad sagen, dass er glaube, dass sein Freund Sam Cooke ermordet worden sei.
Nach Cookes Tod machte sich eine Verschwörungstheorie rund um die Schießerei breit, und sie klang sogar recht plausibel. Es gab damals gewisse einflussreiche Personen, die nicht wollten, dass Farbige ein eigenes Plattenlabel besaßen. Sam Cooke hatte sein eigenes Label gegründet und produzierte den Großteil seiner Songs selbst. Damit behielt er auch alle Rechte an seinen Liedern. Es dauerte nicht lange, und er wurde unter sehr mysteriösen Umständen erschossen, um es einmal diplomatisch auszudrücken. Bertha Franklin, die Managerin des zwielichtigen Hacienda Motels in Los Angeles, hatte ihn laut ihren Behauptungen in Notwehr erschossen, da er sie angeblich vergewaltigen wollte. Die meisten Menschen aber behaupteten, dass es eine Verschwörung war. Sam hätte jede Frau haben können, die er wollte, ohne Gewalt anzuwenden. Er war ein sehr gut aussehender Mann, gerade einmal 33 Jahre alt und am Höhepunkt seiner Musikkarriere. Er war einer der besten Sänger weit und breit.
Cookes Tod traf meinen Bruder schwer. Er liebte Sam. Sie waren wirklich gute Freunde geworden. Sam besuchte uns früher oft in Miami, und wir hingen zusammen ab und verbrachten eine tolle Zeit miteinander. In jenen Tagen gehörten viele Plattenfirmen der Mafia, speziell in Großstädten wie New York und Chicago. Otis Redding hatte ebenfalls sein eigenes Plattenlabel gegründet und war wenige Monate später, im Jahr 1967, zusammen mit vier seiner Bandmitglieder und dem Piloten bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Wer weiß, vielleicht war es ja nur Zufall, doch Muhammad sprach öfters über Sam und seinen Tod. Irgendwann nahm mein Bruder dann seine eigene Version von Ben E. Kings Stand by Me auf, die sich mehr schlecht als recht verkaufte. Ob Muhammad ein solider Sänger geworden wäre, wenn er ins Musikgeschäft eingestiegen wäre? Ich denke, mit etwas Übung hätte er Potenzial gehabt. Er hatte generell eine gewisse Begabung für Dinge, wenn er sich darauf konzentrierte.
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