„Ich möchte lieber glauben, es war die Nicht-Diät, Doktor. Wahrhaftig, so will ich Jane auf drei Wochen anbinden und sehen, ob nichts als Wasser ihre Beschwerden kurieren kann. Master Jack, warum bringst Du Ben seinen Tabak nicht?“
„Oh, er ist eben beim Nachtessen, und so hat’s keine Eile“, versetzte ich. „Ich höre Euch gerne sprechen.“
„Gut; ’s giebt dann doch weniger Lästerung, wenn Du da bleibst und uns zuhörst, als wenn wir Dich wegschicken. Was macht die kleine Miss Virginia, die Schwester des armen Jack?“
„Sie ist ganz wohl und würde Euch gar zu gerne besuchen; aber die Mutter erlaubt’s nicht.“
„Vielen Dank an Deine Schwester für dieses Kompliment — auch das Deiner Mutter nicht zu vergessen. So hat’s also Deine Mutter aufgegeben ‚Thee zu machen unter anständigen Bedingungen?‘“
„Ja, weil die Leute nicht mehr kommen wollen.“
„Nun, das ist ein genügender Grund, selbst wenn sie keinen andern hätte. Wasser braucht sie freilich nicht zu sieden, da sie nie aus dem heissen Wasser kommt. Doktor, Sie sind ja stumm wie ein Fisch. Sie sagten mir, wie ich Jane und die Hunde kurieren könne — welche Dosis brauche ich wohl für eine Katze und ein Kätzchen?“
„Für einen halben Penny Leber in kleine Stücke geschnitten.“
„Das gesteh’ ich; ein solches Medikament wird leicht genug ihre Kehlen hinuntergehen.“
„Da wir aber von Leber sprechen, Mrs. St. Felix — ich habe einmal einen Freund gekannt, der etliche Gänse von einem Leberleiden kurierte.“
„Waren die armen Kreaturen lange in Ostindien gewesen?“
„Nein, aber dennoch in einem sehr heissen Klima. Sie müssen nämlich wissen, dass er während des letzten Friedens in Frankreich drüben war und um seiner Gesundheit willen die Bäder von Montpellier brauchte. Er wohnte bei einem alten Franzosen. Nun sehen Sie, Mrs. Felix, im Süden von Frankreich ist es Sitte, gewisse Pasteten zu machen, die sehr geschätzt sind und pâtés de foie gras genannt werden — das heisst auf französisch Gänseleberpasteten.“
„Ich dächte, Gänseleberpasteten könnte es in unserer guten Muttersprache heissen, Doktor. Doch gleichviel; fahren Sie fort mit Ihrer Geschichte.“
„Da ist ein Kunde, Mrs. St. Felix. Bedienen Sie ihn zuerst, dann will ich weiter erzählen.“
Ein alter Pensionär trat herein, legte seinen halben Penny auf den Ladentisch, verlangte für einen Farting Schnupftabak und liess sich den Überschuss herauszahlen.
„Das ist eine Einnahme, Doktor“, sagte die Witwe, nachdem der Mann den Laden verlassen hatte. „Meinen Sie nicht, dass ich noch reich werde? Nun fahrt fort; ich bin so begierig auf die Leber, wie meine eigene Katze.“
„Gut; die Aufgabe dabei ist, den Umfang der Gänselebern zu vergrössern, das heisst ein regelrechtes Leberleiden hervorzubringen. Zu diesem Ende setzt man die armen Tiere in einen heissen Käfig neben dem Küchenfeuer, stopft ihnen das Futter durch eine Röhre in den Hals und giebt ihnen vollauf Wasser zu trinken. Dies bringt die Krankheit hervor, und die Leber der geschlachteten Gänse wiegt oft drei oder vier Pfund, während die Tiere selbst blosse Skelette sind.“
„Und die Franzosen essen diese kranken Lebern?“ unterbrach ihn die Witwe mit einer Geberde des Ekels.
„Ja, das thun sie und sind darauf so versessen, wie mein Knabe Tom auf den Bärendreck. Gut, jener Doktor, mein Freund, kriegte Streit mit seinem Wirt, der sich rühmte, seine Gäuse hätten die grössten Lebern in ganz Montpellier, und sich gewaltig viel darauf zu gute that. Mein Freund wusste, dass er ihn mit nichts mehr ärgern konnte, als wenn er ihm seinen Erfolg vereitelte. Da er nun eine grosse Quantität Cheltenhamer Salz bei sich hatte, so pflegte er jeden Morgen eine ziemliche Portion in das Wasser zu werfen, von welchem die Gänse tranken. Dies übte dieselbe Wirkung wie auf Männer und Weiber, und statt mit jedem Tage kränker zu werden, wurden die Gänse immer gesünder und lebhafter. Der Franzose stopfte und stopfte, machte den Käfig noch heisser, fluchte und zerraufte sich sogar das Haar, weil seine Gänse gesund und wohl blieben; aber je mehr er sie krank zu machen suchte, desto mehr Salz gab der Doktor, der auf diesem Wege seinen Zweck erreichte und sich rächen konnte.“
„Gut, das ist ein possierliches Geschichtlein, Doktor; und da ich nun weiss, wie eine derartige Krankheit zu kurieren ist, so will ich Ihnen die erste, beste, kranke Gans zuschicken.“
„Vielen Dank; es fehlt ohnehin nie an Gänsen, die nach dem Doktor schicken.“
„Das ist freilich wahr; und nun, Master Jack, hast Du genug für Deinen Penny. Ich gebe es nicht zu, dass Du Ben länger warten lässest.“
„Erzählen Sie keine weiteren Märchen mehr, Doktor?“ sagte ich.
„Ha, Du schmutziger Vagabund, meinst Du, ich habe Märchen erzählt? Fort mit Dir! Und hörst Du, da Du um die Ecke kommst, so sage Tom, dass ich augenblicklich zurückkehren werde.“
„Würde dies nicht ein Märchen sein, Doktor?“ versetzte ich, während ich zur Thür hinausging.
Ich hörte noch, wie beide lachten, konnte aber nicht verstehen, was sie sagten.
Ich wende mich an die alte Nanny und gewinne einen neuen Anzug. — Vorteil einer guten Kleidung — man kann darin mit Damen spazieren gehen.
Der Leser muss mir nicht zu viel zutrauen, wenn ich ihm sage, dass ich seit Peter Andersons Unterricht eine eigentliche Sehnsucht hatte, zur Kirche zu gehen; denn, obgleich seine Lehren mein Verlangen danach steigerten, so muss ich doch einräumen, dass der stärkste Beweggrund darin lag, dass meine Mutter mich nicht mitnehmen wollte, während sie sich doch von Virginia begleiten liess. Ferner wurde meine Neugierde durch meine völlige Unwissenheit hinsichtlich aller Dinge, die zum Gottesdienste gehörten, gesteigert, denn ich hatte bis jetzt bloss das Geläute der Glocken vernommen und vielleicht im Vorbeischlendern Halt gemacht, um eine kleine Weile auf die Orgel und den Gesang zu hören. Bisweilen wartete ich auch, um die Leute herauskommen zu sehen; dann aber konnte ich nicht umhin, meine Lumpen mit ihrem reinlichen, schmucken Anzuge zu vergleichen.
Dieser Wunsch quälte mich unaufhörlich, aber je mehr ich Erwägungen darüber anstellte, desto unmöglicher schien es mir, denselben befriedigen zu können. Wie hätte ich auch in meinen zerfetzten und schmutzigen Kleidern in die Kirche gehen können — und welche Aussicht stand mir bevor, andere zu erhalten? Allerdings brachte ich im Durchschnitt wöchentlich achtzehn Pence zusammen, aber davon blieb nichts übrig. Gab mir vielleicht meine Mutter Kleider? Nein, darauf durfte ich nicht rechnen, denn sie brummte sogar wegen des bischen Essens, um das ich sie ansprach. Wenn ich im Bette lag, erwog ich mir die Sache wieder und wieder. Ben hatte kein Geld, Anderson mochte ich nicht darum bitten, und so dachte ich endlich an Doktor Todpole, obschon ich mich scheute, über mein Bedürfnis mit ihm Rücksprache zu nehmen. Endlich fiel mir ein, mich erst zu erkundigen, wie viel Geld ich brauchen würde, ehe ich weitere Massregeln einschlüge. Ich begab mich daher am nächsten Morgen nach einer Kleiderhandlung und fragte den Jungen, welcher im Laden mithelfen musste, was ich für ein paar blaue Hosen, Weste und Jacke bezahlen müsse. Der Bursche entgegnete mir, ich könne für zweiundzwanzig Shillinge einen ganz netten Anzug erhalten. Zweiundzwanzig Shillinge! — Wie ungeheuer erschien mir damals die Summe. Und dann brauchte ich erst noch einen Strohhut, ein paar Schuhe und Strümpfe. Ich fragte nach dem Preise der letzteren Artikel, und fand, dass mein Anzug unter dreiunddreissig Shillinge nicht vollständig hergestellt werden konnte. Ich geriet recht in Verzweiflung, denn die Summe schien mir ein ganzes Vermögen zu sein. Ich setzte mich nieder, um zu berechnen, wie lange es anstehen dürfte, bis ich mit je sechs Pence wöchentlich (denn mehr konnte ich nicht erschwingen), so viel Geld erspart hätte; da ich aber damals noch nichts von Zahlen verstand, so zeigte sich als Resultat meines Nachdenkens, es sei eine so lange Zeit dazu erforderlich, dass sie ausser dem Bereiche meiner Rechenkunst liege.
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