„Ja, ja, nur noch einige Minuten Geduld, und ich will nach Euch schicken.“
„Wir sind gerettet“, rief ich dem Fährmann zu.
Aber er war ganz besinnungslos und augenscheinlich steif an die Stelle gefroren, wo er sich anklammerte. Nach wenigen Minuten hörte ich den Schall von Rudern, und dann machten sie Halt. Das Boot legte ruhig neben uns an, damit wir durch die Erschütterung nicht ins Wasser geworfen werden möchten, und die Leute, welche uns einnahmen, brachten uns bald an Bord zurück. Dort goss man uns zuerst ein Glas Branntwein ein, streifte uns die gefrorenen Kleider ab, rieb unsere Glieder und legte uns in warme Decken. Sobald ich im Bette war, hiess mich der Mate ein Glas heissen Grogs trinken und verliess mich. Ich versank bald in tiefen Schlaf, während man noch immer fortfuhr, mit meinem Gefährten Wiederbelebungsversuche anzustellen. Als ich am andern Morgen erwachte, war ich ganz wohl, auch der Fährmann war auf dem Wege der Erholung, obgleich er die Hängematte noch nicht verlassen konnte. Der Mate, welcher die Wache gehabt und uns gerettet hatte, teilte uns mit, die Fähre sei wohlbehalten an Bord; das Schiff gehe übrigens stromaufwärts, wir thäten daher besser, wenn wir blieben, wo wir wären. Ich erzählte ihm unsern Unfall, kroch in meine Kleider, die man in der Schiffsküche getrocknet hatte, und ging auf das Deck. Mein Gefährte, der Schiffer, kam nicht so gut davon: seine Füsse waren erfroren, und er verlor vier Zehen, ehe er wieder hergestellt wurde. Auffallend ist bei der Sache, dass er, ein erwachsener Mann, viel mehr Schaden nahm als ich; ich kann es mir nur dadurch erklären, dass mich meine Gewohnheit, mich stets im Wasser umherzutummeln, mehr gegen die Kälte abgehärtet hatte. Wir blieben zwei Tage an Bord, während welcher Zeit wir mit grosser Freundlichkeit behandelt wurden.
Es war ein schöner, heller Morgen, als das Schiff an dem Hospitale vorbeikam. Wir ruderten mit unserer Fähre ab, landeten an den Treppen und sprangen ans Ufer, wo wir von allen Umstehenden mit Freuden begrüsst wurden, da man uns natürlich für verloren gehalten hatte. Man glaubte, wir seien in dem Schneegestöber zu Grunde gegangen. Der alte Ben war unter den Anwesenden und begleitete mich nach dem Hause meiner Mutter.
„Ich bin zu der Alten gegangen, um ihr die Sache in einer anständigen Weise beizubringen“, bemerkte Ben; „aber ’s ist wahr, ich kann nicht sagen, dass sie sich’s sehr zu Herzen zu nehmen schien. Wär’s die kleine Jenny gewesen, so würde sie sich die Augen ausgeweint haben.“
Ich langte in Fishers Alley an, die Nachbarn schauten zum Fenster heraus. Als ich ihnen zunickte, riefen sie: „Ei da kommt ja der Jack wieder. Wo bist Du gewesen, Jack?“ So ging’s von Mund zu Mund, bis diese Rufe endlich auch das Ohr meiner Mutter erreichten. Sie schaute heraus und sah mich mit dem alten Ben vor der Thüre stehen.
„Da ist Euer Sohn, Mistress!“ sagte Ben. „Ihr dürft Gott für die Gnade danken.“
Aber meine Mutter schien nicht sehr dankbar dafür zu sein. Sie wandte sich um und ging hinein. Ich folgte ihr, während Ben an der Thüre stehen blieb und nicht wenig verwundert war, dass sie nicht auf mich zuflog und mich küsste. Im Gegenteil, sie musste sehr unmutig über meine Rückreise gewesen sein, denn sie begann zu singen:
„Jack und Görg
Gingen hinauf den Berg,
Um den Wassereimer zu füllen;
Jack fiel herab,
Zerstiess sich die Kapp,
Und Görg holt sich auch seine Schwielen.“
Dann brach sie los:
„Und wo bist Du diese ganze Zeit über gewesen, Du junger Taugenichts? Muss mich der Schlingel in nutzlose Unkosten versetzen, dass all mein Geld für nichts und wieder nichts weggeworfen ist.“
Ich blickte auf den Tisch und bemerkte, dass sie an einem schwarzen Kleidchen und Hütchen gearbeitet hatte, um die kleine Virginia in Trauer zu hüllen, denn sie versäumte nie eine Gelegenheit, um meine Schwester aufzuputzen.
„Fünfzehn gute Schillinge sind zum Fenster hinausgeworfen — nur durch Dein dummes Zurückkommen. Deine Schwester hätte so schön und interessant darin ausgesehen. Das arme Kind! und jetzt werden ihre Hoffnungen zu Wasser. Doch lass Dir’s nicht zu Herzen gehen, mein Liebling; Du wirst Dein Kleid doch bald tragen, wenn er in dieser Weise fortmacht.“
Virginia schien sich’s durchaus nicht zu Herzen gehen zu lassen, denn sie küsste und pätschelte mich, wie sie denn überhaupt hoch erfreut war mich wiederzusehen. Aber meine Mutter ergriff sie bei der Hand, nahm den halbgefertigten Anzug und das Hütchen unter den Arm, und ging mit ihr die Treppe hinauf nach ihrem Zimmer, unterwegs vor sich hinsingend:
„Es war einmal ein alter Mann,
Der lebt’ in einem Loch,
Und wenn er nicht gestorben ist,
So lebt er immer noch.“
„Das ist mir eine saubere mütterliche Liebe! hole sie der Henker, aus was mag doch ihr Herz bestehen,“ liess sich eine Stimme vernehmen.
Ich wandte mich um: es war der alte Ben, der unbemerkt die Scene mit angesehen hatte.
In welchem ich den glücklichsten Vorfall in meinem Leben erzähle und Ben, der Wallfischjäger, mir eine sehr sonderbare Geschichte anvertraut.
Unter den Pensionären befand sich einer, den ich dem Leser vorstellen muss, da er in dieser Geschichte eine bedeutsame Rolle spielt. Er hiess Peter Anderson und stammte aus dem Norden — wie ich glaube von Greenock. Er hatte viele Jahre als Geschützmeistersmate gedient, war in einem Treffen schwer verwundet worden und hatte dann sein Unterkommen zu Greenwich gefunden. Im Greenwich-Hospitale war er Hochbootsmann, das heisst, er hatte die Aufsicht über einen Saal mit fünfundzwanzig Mann, und Ben, der Walfischjäger, war ihm in der letzten Zeit als Mate beigegeben worden. Er hatte eine gute Schule genossen und viel gelesen, so dass man ihm kaum eine Frage vorlegen konnte, auf die er nicht eine befriedigende Antwort bereit hatte. In Streitsachen, namentlich wenn sie gewisse Punkte des Dienstes betrafen, den er an den Fingern herzählen konnte, ward er stets als Schiedsrichter aufgerufen; auch war er obendrein ein sehr religiöser, rechtschaffener Mann. Ich hörte ihn nie fluchen, er wies im Gegenteile diejenigen zurecht, welche sich in seiner Gegenwart eine derartige Unanständigkeit erlaubten. Er hatte sich im Dienst einiges Geld erspart; die Interessen davon samt seiner Hochbootsmannslöhnung setzten ihn in den Stand, nicht nur sich viele kleine Bequemlichkeiten zu verschaffen, sondern auch gegen andere freigebig zu sein. Ehe Ben nach Andersons Saal versetzt worden war, hatten sie sich gegenseitig nicht sonderlich gekannt; aber seit dieser Zeit waren sie fast stets beisammen, so dass ich jetzt auch mit Anderson vertraut wurde, den ich zuvor nur vom Ansehen gekannt hatte. Er war ein sehr ehrwürdig aussehender Greis mit grauen Locken, die ihm bis auf die Schultern niederhingen, zugleich aber auch ein stämmiger, herzlicher alter Knabe, und da ihm Ben von mir erzählt hatte, so schenkte er mir bald Aufmerksamkeit und schien viel Interesse an mir zu nehmen. Als ich nach der im vorigen Kapitel erzählten wunderbaren Rettung zurückkehrte, teilte ihm Ben das Benehmen meiner Mutter mit. — Ein paar Tage nachher brach sich die Kälte, und als ich die Männer besuchen wollte, traf ich beide, wie sie sich eben in dem gemütlichen Sonnenschein wärmten.
„Wie steht’s, Jack?“ sagte der alte Ben. „Hast Du nicht Lust, einen abermaligen Ausflug den Strom hinunter zu machen?“
„Wenn ich wieder gehe,“ versetzte ich, „so hoffe ich meine sechs Pence leichter zu verdienen.“
„Es ist ein wahres Wunder, dass Du davon kamst,“ sagte Peter Anderson. „Du darfst dem Allwissenden wohl recht dankbar für Deine Rettung sein.“
Ich machte grosse Augen, denn ich hatte nie zuvor gehört, dass dieser Ausdruck auf die Gottheit angewendet werde.
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