1 ...7 8 9 11 12 13 ...16 »Klein. Friedrich Klein.«
»Herr Klein will eine Zeitlang bei uns wohnen und arbeiten. Er hat mich unterwegs angehalten, und ich habe ihn mitgenommen, Frau.«
»Schön! Kommen Sie nur herein, Herr Klein.«
»Ich bin so frei«, murmelte ich und schaute mich nach dem Auto um, in dem noch meine Sachen lagen.
»Kannst du ihm ein paar Brote machen, Erika? Und er hat Durst.«
»Aber natürlich! Ich mache Ihnen ein paar Brote, und vielleicht ist noch ein Bier da.«
»Er kann ja heute in dem kleinen Zimmer oben schlafen.«
»Ja, ich mache es gleich frei. Kommen Sie erst einmal herein, Herr Klein. Ich bin Frau Reiner.«
»Ich hab noch ...«
»Ach ja, Ihr Gepäck!«
»Nur eine Aktentasche ...«
»Nehmen Sie heraus, was Ihnen gehört. Holst du auch deine Sachen aus dem Wagen, Alfons; und verschließt ihn dann?«
»Sofort, Erika! Geht ihr nur mal voraus.«
Knechte und Mägde oder Die innere Uhr
Es machte mir dann alles so viel Spaß, daß ich blieb. Nicht nur der Pferde wegen, die sofort Vertrauen zu mir faßten. Ich vertrug mich auch mit den andern: mit Knechten und Mägden; mit Fräulein Holzapfel, die eine Woche später auf den Hof kam, einer Frau in voller Blüte, auf die rasch der Verwalter ein Auge geworfen hatte. Ha, das merkte man doch! Einmal haben wir uns gestritten, vielleicht habe ich sie beschimpft. Das war in der großen Bauernstube, in der wir uns zum Essen trafen und wo wir uns auch nach Feierabend aufhielten.
Gerade wechselten die Worte noch heftig hin und her, dann war plötzlich Stille, und genauso plötzlich wurde die Stille gebrochen. Fräulein Holzapfel lachte und sagte – vor allen andern: »Karl, Ihnen kann man nicht böse sein!«
Ich schwieg und senkte beschämt den Kopf. Ich habe diesen Satz damals nicht verstanden, und ich begreife ihn bis heute nicht. Warum konnte man mir nicht böse sein? Mußte man mir denn nicht wie jedem anderen böse sein, wenn ich etwas Böses getan oder gesagt hatte? Und hatte ich nichts Böses getan – gesagt? Von jetzt an war ich in ihrer Schuld, und es dämmerte mir auf einmal, daß ich in vieler Leute Schuld sein könnte. Aber ich konnte diese Schuld nie abtragen: weder durch Geld noch durch Arbeit; weder mit Gehen noch mit Bleiben; weder durch neue Schuld noch durch irgendetwas anderes ... Nein, das hätte sie nicht sagen dürfen: diese Freundlichkeit drückte mich schwer. Sie drückte mich um so schwerer, als ich die etwa zehn Jahre ältere Frau sympathisch und anziehend fand – da ging es mir fast wie dem Verwalter!
Nach diesem Vorfall haben wir uns nie mehr gestritten, hatte ich zu ihr kein böses Wort mehr gesagt. Ich möchte fast sagen, daß ich ihr von nun an aus dem Weg ging.
Aber das war nicht immer zu machen. Sie arbeitete ja mit uns auf den Feldern, oft neben mir, in einer Reihe mit andern. Dann wurde das Vesper herausgebracht, und wir setzten uns an den Ackerrand. Es war immer um die gleiche Zeit. Da brauchte man keine Uhr. Doch dazwischen, da wollte man hier und da die Zeit wissen. Und da keiner von uns – weder Mann noch Frau – eine Uhr bei sich hatte und die Kirchen- und Schuluhr zu weit weg war, mußte man schätzen. Und das war fast täglich unser Spiel im Sommer.
Einer oder eine fragte zum Beispiel, rief es laut: Wieviel isch? – Wie spät ist es? Und dann blickten alle zum Himmel, taxierten den Abstand der Sonne zum Horizont und nannten eine Zahl. Am Anfang lagen wir alle ziemlich daneben. Doch am dritten Tag wurden wir schon genauer – und ich dann mit der Zeit am genauesten. Zur Freude Fräulein Holzapfels, die in ihren Schätzungen völlig danebenlag, mir aber offenbar gern – zu gern! – den Vortritt ließ.
Ewig konnte ich die Zeit aber nicht nur schätzen oder andere nach der Uhr fragen. Ich brauchte einmal eine eigene Uhr, und die kaufte ich mir dann dort von meinem ersten Geld, das ich auf dem Hof bekam.
Im Dorf gab es auch ein kleines Uhrengeschäft mit einem Schaufenster neben dem Eingang, kaum größer als ein Zimmerfenster. Der Meister war allein, so wie der unsere hier, mit dem Unterschied, daß der in Niedersachsen keinen Dauerlauf zum Sportplatz und zurück machte. Auch habe ich ihn nie auf dem Fahrrad gesehen, auf das sich unser Uhrmachermeister zur Abwechslung schwingt und dann genauso auffällt wie zu Fuß.
Diesen kleinen Laden habe ich eines Tages betreten und mir meine erste Uhr gekauft, so als hätte ich mir das schon lange vorgenommen. Vielleicht kam in mir der Wunsch auf, nachdem ich das Geschäft entdeckt hatte. Wahrscheinlicher aber ist: durch unsere Spiele auf den Feldern bin ich erst auf den Gedanken gekommen, mir doch einen richtigen Zeitmesser anzuschaffen, und dieser Gedanke wurde immer stärker. Oder habe ich damals schon gewußt, daß ich den Hof bald wieder verlassen würde – in Freundschaft natürlich‒, zusammen mit Ludwig, meinem zweiten Zimmergenossen, und noch einem vom Dorf, auch einem Knecht auf einem anderen Hof, der sich uns kurz vor der Abreise anschloß?
Jedenfalls hatte Ludwig die Idee, bald wieder auf Wanderschaft zu gehen. Er stammte zwar aus Bayern, hatte aber angeblich Bekannte in Frankfurt. Dahin möchte er, und ich solle doch mit ihm kommen. In so einer Großstadt gäbe es doch ganz andere Möglichkeiten als auf dem Land.
»Ha, wenn du meinst«, sagte ich.
»Ich meine es, und es ist wahr mit den Möglichkeiten«, fuhr Ludwig fort. Solche Gespräche über Zukunft und Vergangenheit führten wir in der Regel nachts im Bett. Meistens sprach Ludwig, und Reinhart und ich hörten gespannt zu, wobei sich Reinhart so gut wie nie mit einer Zustimmung oder Ablehnung beteiligte. Das überließ er ganz mir.
Das war fast wie später nachts in der Burg: Da war auch ein Hesse, der erzählte bis zum Einschlafen Filme nach, die er einmal gesehen hatte – und wir sahen sie nun noch einmal im Dunkeln vor unserem geistigen Auge ablaufen. Es waren sehr schöne Augenblicke.
In Frankfurt oder Umgebung könnten wir über den Sommer bleiben, und im Herbst ginge es dann ab an den Rhein zur Traubenlese.
»Zur Traubenlese?« fragte ich.
»Ja. Kennst du das nicht?«
»Freilich kenne ich das: Ich bin ja im Wengert – das heißt im Weinberg aufgewachsen und habe mit der Rätsch die Staren vertrieben.«
»Aber am Rhein ist das alles viel größer als in Württemberg.«
»Das will ich dir glauben.«
»Und da verdienst du auch mehr als hier: bei der Traubenlese am Rhein kriegst du in vier Wochen mehr als hier in einem Vierteljahr. Und du hast noch ein besseres Essen. Die am Rhein verstehen zu leben ...«
Mir lief schon das Wasser im Maul zusammen.
»Und du, Reinhart?« fragten wir.
»Ohne mich!«
»Gut, dann bleibst halt da«, entschied Ludwig. »Vielleicht kriegst mal die Rösser vom Fritz, wenn der nicht mehr da ist und der Chef keinen anderen findt!«
»Mir auch egal«, murmelte Reinhart. Und damit hatte er bei diesen Nachtgesprächen seinen längsten Wortbeitrag abgeliefert. Am Tag war das anders. Da schwätzte er mir manchmal etwas zuviel.
Und nun?
Was, und nun?
Wo ist die Uhr?
Die Uhr? Die ist weg – einfach weg! Weg wie’s Kächeles Katz!
So sagt man in diesen Fällen.
Aber die kann doch nicht einfach wegkommen ...
Doch, sie kann!
Wie?
Zum Beispiel, wenn man sie verliert oder verkauft. Aber es gibt noch weitere Möglichkeiten.
Zum Beispiel?
Dummheit oder Gutgläubigkeit. Wir haben ja damals Frankfurt am Main wirklich erreicht, Ludwig und ich. Und dann habe ich ihm meine Uhr ausgeliehen – in meiner Dummheit und Gutgläubigkeit. Er wollte irgendwohin, wo er eine Uhr brauchte. Und dann ist er gegangen, aber nicht wiedergekommen. Dann war ich wieder allein.
Im Moment habe ich keine Uhr – auch im Heim hatte ich keine. Hier brauche ich im Moment auch keine. Ich blicke auf die Kirchenuhr, und wenn ich sie nicht sehe, nachts meinetwegen: dann lausche ich ihren Schlägen, die Fenster und Türen durchdringen und weit im Dorf zu hören sind.
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