„Was denn, was denn?“ spottete der Alte nach. „Anstellerei! Als fort in die Schul!“
„In die Schul?“ — — und Tante und Nichte fingen zu gleicher Zeit ein Gezeter an, bei dem hauptsächlich das Chlonnenchltrählche sich krampfhaft hervortat.
Nein, nein, nein, sie ging nicht und der Vater wäre gescheit genug, das einsehen zu können, dass das nichts für sie wäre, lieber sollte er sie totschlagen.
Diesmal gab aber der Alte nicht nach; er hielt das quiekende Rosinchen fest bei der Hand und kommandierte: „Kleider her!“, er hing ihr den grossen Schulranzen, zum Hineinwachsen berechnet, auf den Rücken, die Tante setzte ihr weinend den alten schwarzen Strohhut auf; dass sie das Chlonnenchltrählche nicht segnete bei seinem Ausgang, war alles.
Der Alte setzte sich selbst in Trab und das Rosinche musste wohl oder übel mit.
„No, was wär dann des, die Flint glei ins Korn zu werfe! Ich hab vorausbezahlt, und die Zeit sitzt se mir ab.“
So handelte der alte Aaron ähnlich den Bauern, die, um nichts umkommen zu lassen, was viel Geld gekostet hat, die Medizin nach dem Tode eines Familienmitgliedes trinken; das Rosinche musste das Geld im Töchterschülche absitzen, ob ihm die Sache schmeckte oder nicht.
Der Date hielt das Kind fest bei der Hand, da half kein Sperren und kein Stemmen; in seinem alten schwarzen Ladenkittel, den Hornkneifer auf der Nase, barhaupt, führte er das widerspenstige Mädel vor die Pforte des Instituts.
Diesmal folgten die Gassenbuben, deren grösste Anzahl die Paradeis- und Langegasse stellte, in gemessener Entfernung, aber das Johlen ging nicht aus, bis der Aaron das Rosinche der Schwester-Pförtnerin übergeben hatte und es für die Rangen die höchste Zeit war, in der altersbraunen Tür der benachbarten Knabenschule zu verschwinden. Der letzte war natürlich der Fritzl, der Vevi Glocke Sohn, denn nie pressierte es ihm in die Schule. Alles war ihm wichtiger denn Stillsitzen und Lernen. Nicht einmal die Person des alten Aaron war ihm heute heilig gewesen, er hatte den Lehm, den er zufällig in der Hand trug — und er trug stets etwas zufällig in der Hand — gleichmässig auf den kaftanartigen schwarzgrünen Lüsterrock des Aaron Mahn wie auf das graue Mixkleid des Rosinchen verteilt, wo er besonders schön sitzen blieb weil das Krinolinchen eine entgegenkommende gefällige Wendung machte. —
Auch der Nachmittag war kein Triumph für die Tochter Aarons; wieder kam sie durch die Gässchen heimgeschlichen, und es gab von nun an Tag für Tag Proteste und Tränen.
In der jüdischen Volksschule war das „Lochchinche“ eines der angesehensten Kinder gewesen, war die Gescheiteste, stets mit dem Finger in der Luft, immer aufspringend wie ein Gummiball, weil es alles wusste, immer belobt und bevorzugt, hochmütig und voller Verachtung auf die anderen herabsehend, auf die Fauleren, die Dümmeren, die Aermeren. Dort war sie Herrscherin, hier die Geduldete, die kleine, krumme, hinkende Jüdin, die mit zu wenig Vorbildung in die Töchterschule kam, mit der sich niemand Mühe gab, und die deshalb nichts nachholte, die steckenblieb, wenn sie schon etwas wusste, weil alles lachte, ehe sie anfing; hier war sie die Vereinsamte, ja fast die Gemiedene. Wenn man mit ihr sprach, geschah’s stets mit Herablassung und in überlegenem Ton; auch die Klosterfrauen, die Lehrerinnen, machten es so, nur war ihr Ton noch gönnerhaft dazu. Rosinchens Keckheit, ihr rasches und böses Mundwerk, ihr heller Kopf waren beim Kuckuck, wenn sie mit den „Chrischdekindern“ in der Bant sass. Sie war wie ausgewechselt, und daheim war erst recht der Teufel los, so schlechten Humors war sie immer.
Der Date brachte sie in der ersten Zeit stets selbst zur Schule, später musste Tante Mine die Eskorte bilden, aber es war schon oft vorgekommen, dass man das Kind zur Schulzeit am Morgen vergebens suchte.
Mäuschenstill hatte es sich an einen Ort geschlichen, den zu betreten man ihm keinesfalls verwehren konnte. hatte dort den Riegel vorgeschoben und weder Bitten noch Drohungen hatten es zum Oeffnen veranlassen können. Der Alte merkte nichts, nur Tante Mine stand leise flehend vor der geschlossenen Pforte und brauchte alle Listen: „Bitt’ dich, Lochchinche, mach uff! — der Date kommt. — Und ich will doch chlelbst“ — aber alles blieb totenstill. Die Tante rüttelte mit Vorsicht: „Hörchlte, ich will doch chlelbst!“
Da tönte ein Stimmlein mit unterdrücktem Kichern heraus:
„So geh halt in de erschte Stock!“ womit Tante Mine aus dem Felde geschlagen war.
Einmal kam aber doch der Date an die verriegelte Tür, und da setzte es Prügel, die ersten. Die nahm das Rosinchen, mit seinem klugen Kopf überschlagend, dass es verdiente waren, schweigend hin, aber der Hass auf das Kloster und die Chrischdemädcher wuchs.
Verstockt, wortkarg, aber gelegentlich doch wieder frech und ungezogen, unmanierlich wie ein Gassenkind, anders kannte man die „kleine Mahn“ nicht im Institut.
Allmählich gewöhnte man sich wohl an sie, das heisst, man übersah sie. Keines der Mädchen machte sich etwas aus ihr oder ging mit ihr nach Hause; in der Pause warfen sie ihr kaum ein paar Worte zu.
Da war nur ein grosses, plumpes, unbeholfenes Ding vom Lande mit wasserblauen Augen und einem Gesicht wie aus Kartoffeln gemacht: das fühlte sich in seinem dumpfen Drange zum Rosinchen gezogen. Es war fast ebenso gemieden wie die „kleine Mahn“, war wortkarg, unsicher und wurde auch übersehen. Es kam von einer Landschule und alles, was es hörte, waren ihm böhmische Dörfer. Ausserdem trug es auch noch eine Krinoline wie das Rosinchen und dazu stets ein weisses dreieckiges Halstüchlein, womit es von Anfang an der Spott aller besseren Mädchen war. Da es Lina hiess, brachten ihm die Kinder, die stets erbarmungslos treffsicher und grausam sind, den Spitznamen „Krinolineline“ auf, und es verstand sich von selber, dass die Krinolineline und das Rosinchen zusammengehörten und eine oder mehrere Stufen tiefer standen als sie selbst.
Die Krinolineline wurde von ihrem „Herrn Onkel“ ins Institut geschickt. Da der Herr Onkel aber nur ein armer Benefiziat war, der sich um die Waise angenommen, und kein Dekan, geistlicher Rat oder etwa ein hübscher junger Katechet, da sie noch dazu auf Fürbitten hin einige Stunden unentgeltlich bekam, machte man im Kloster durchaus nicht etwa so viel Federlesens mit ihr, wie man es mit der Nichte des Dekans tat, und als später der alte Benefiziat starb und sich niemand meldete, der das Schulgeld hätte weiterbezahlen können, wurde die Line sofort ohne viel Umstände vor die Tür gesetzt.
Ihre Beziehungen zum Rosinche hatte sie aber doch angeknüpft, und als die Tochter Aarons nach dem Absitzen ihres Schulgeldes das Töchterschülche verliess, verbanden sie noch immer Freundschaftsbande mit der dicken Line, die in der Stadt verblieben war.
Der gute Onkel Benefiziat hatte nämlich ihr und seiner alten Haushälterin sein kleines Vermögen hinterlassen, und die Line blieb, da sie keinen Menschen hatte, bei der Alten und begann eine Nähschule zu besuchen, damit sie sich späterhin etwas verdienen könne.
Des Sonntagnachmittags aber war ihr gewöhnlicher Gang zum „Herrn Mahn“, wo sie sich nie anzuläuten oder gar an irgendeiner Tür anzuklopfen getraute, sondern bewegungslos und steckensteif im Gang stehenblieb, bis irgend jemand auf sie stiess.
Das Rosinchen, von ihr zärtlich Rosinerl genannt, wusste ganz genau, dass am Sonntag in irgendeinem Winkel, im Gang oder auf der Treppe die Line stand und sehnsüchtig darauf wartete, entdeckt zu werden: es bereitete ihm aber ein ganz besonderes Vergnügen sie nicht zu entdecken, ja, sie hielt sogar die Tante ab wenn diese nachsehen wollte.
„Lass das Stöckle stehe,“ sagte sie (die Line hiess Stock), „und pass auf, wie lang’s stehe bleibt.“
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