Dort sass sie — der Fritzl erinnerte sich in späteren Jahren noch wohl daran — und kaute gern Hutzeln und Nüsse, die etwas trockene Vesper mit dem Fläschlein befeuchtend.
Ihre Kochkunst war nicht allzusehr ausgebildet; ohne viel Vorbereitungen in Szene gesetzt, schnell verschlungen, bestand ihr Menü stets aus einem Gerichte, d. h. aus Verschiedenem, das kunterbunt in einem Topfe aufgesetzt wurde, während der Fritzl meistens aus dem Uebriggebliebenen, aus kalten Näpfen aufgefüttert wurde, besonders in späteren Jahren.
Da fing auch das Nebengelass, das Kabinett, von Fritzl Keuche geheissen, an, zu klein zu werden, und ohne viel Federlesens warf Vevi dem Jungen einen Kotzen ins Gewölbe, ein paar Decken und ein Polster dazu. Nun schlief er mitten unter Obstfässern und Gemüsekörben, eingewickelt und förmlich in sich zusammengeringelt, wie junge Hunde es machen, denn das Gewölbe war kalt im Winter, da Mama Vevi in weiser Fürsorge gerade so viel Wärme aus dem Kabinett herausliess, dass Obst und Gemüse nicht erfroren.
Untertags blieb sie dort oder sass, in Mäntel und Decken verpackt, und so noch monströser anzusehen, heraussen im Gewölbe das traditionelle Kohlenbecken der Hökerin unter den Füssen.
Im Winter kamen die Kunden zu ihr herein: eilige und schwatzhaste Dienstmädchen, kleine Studentlein und Gewerbeschüler ohne Mäntel, mit roten und schwarzen Pulswärmern an den blaugefrorenen Handgelenken; es kamen kleine und grosse, schüchterne und freche Klosterschülerinnen die die Süssigkeiten rasch in den Muff und dann sogleich ins Mäulchen steckten.
Alle kannten den Fritzl und gingen mit ihm um, wie man mit einem zwar amüsanten, aber bösartigen gezähmten Vogel oder einem bissigen kleinen Köter umgeht.
So ähnlich behandelte ihn auch Mutter Vevi, wenn sie friedfertig war, und sie war das wirklich aus Bequemlichkeit und einem angeborenen Hang zum Duseln. Aber, aber! Etwas verdüsterte das Bild ihrer beschaulichen Seele.
Sei es, dass das Fläschlein wohl manchmal seine Wirkung auszuüben begann, sei es, dass in irgendeinem Winkel ihres Gemütes noch ein Stück unausgelösten Temperamentes spukte, von Zeit zu Zeit überkam die sonst so stille Seele ein furchtbarlicher Zorn, der sie ohne Veranlassung fast, ja wie der Blitz aus heiterem Himmel überfiel.
Dann stürzte sie wortlos auf den Fritzl los und zerbläute ihn so lange, bis sie genötigt war, unter Aechzen auf den protestierenden Stuhl niederzusinken, in der Farbe ihren rotvioletten Krautköpfen nicht unähnlich, die in den Stellagen in Reih und Glied standen.
Das waren ihre Quartalszörne, die sich leider in späteren Jahren auch auf die Kunden auszudehnen begannen Harmlose Bürger und Bürgerinnen, kleine Schulkinder, eilige Gewerbeschüler (in der Stadt Gewerbschachteln geheissen), dürftige Präparanden oder Fremde, die, nur ganz bescheiden vielleicht, handeln wollten, bekamen ganz plötzlich zu ihrem masslosen Erstaunen böse Worte um die Ohren und allerlei Waren ins Gesicht geworfen. Standen sie trotzdem noch eine Weile still oder begannen gar aufzubegehren, so konnten sie es erleben, wie Mutter Glocke Aepfel und Birnen Feigen und Bonbons, selbst das vielbegehrte Studentenbrot Lebkuchen und süsses Gebäck im wildesten Tumult durcheinanderwarf, ja das Leinendach ihrer Auslage mit wütenden Griffen herabzerrte, sogar zuletzt anfing, ihrem Handel tatsächlich alle Basis zu untergraben, indem sie ihrem wackligen „Stand“ die Beine ausriss und alle Waren durcheinander mit einer bei ihren Fettmassen ans Wunderbare grenzenden Behendigkeit unter die Zuschauer warf, die sich stets in hellen Haufen einfanden.
Das grösste Gaudium hatten dabei natürlich die Gassenkinder die schon länger, den Finger im Munde, auf einem Bein stehend und sich so um sich selber drehend, in vorausahnender Wonne dem Verlauf der Dinge zusahen.
Endlich war alles so weit gediehen, dass sie sich wie heulende Derwische auf die Leckereien stürzen konnten, während Mutter Vevi, in ihren Grundfesten erbebend, eine Masse unziemlicher Ausdrücke und unflätiger Schimpfworte unter die Menge warf, so unflätig, dass man sie sogar in Gedanken nur errötend und widerwillig wiederholen mochte.
Das Schimpfen dauerte so lange, bis ihr keine noch wüsteren Worte mehr einfielen, oder bis ihr der Atem versagte, um das Gelächter und den Tumult zu überschreien.
Dann watschelte sie, noch immer unter Geschimpfe, ins Gewölbe, dessen schwere, eisenbeschlagene Holztür, die sonst nur während der Nacht geschlossen ward, sie hinter sich zuwarf.
War es dem Fritzl noch gelungen, vor diesem Akt zu entkommen war es gut; wenn nicht, war es schlimm, denn die Reihe kam nun an ihn.
Eine wilde Jagd begann in dem stockdunklen Gewölbe. Der Fritzl suchte instinktmässig zu verhindern, dass die Alte an die Tür des Nebenzimmers kam, denn wenn sie die aufriss und es hell wurde, war er verloren. Da kriegte sie ihn allemal. Je weniger Mutter Vevi ihren leiblichen Sohn erreichen konnte, desto hartnäckiger wurde sie. Wie ein Affe hüpfte der Fritzl von einem Obstfass aufs andere, hopste auf den Lehnstuhl, warf der Keuchenden Krautköpfe vor die Füsse — dennoch, trotz seiner Behendigkeit fiel der Junge ihr fast regelmässig doch noch in die Hände, und in dem tiefen Dunkel entspann sich dann ein Kampf, bei dem beide blindlings aufeinander losschlugen und der Fritzl wie wütend um sich biss, so lange, bis sie ihn aus allen Kräften an sich zog, förmlich in sich hineinpresste, dass er fast in ihrer „Leiblichkeit“ ersticken musste.
Hier und da gelang es dem Fritzl, das Nebengemach zu erreichen und drinnen sofort den Riegel in die Finger zu kriegen. War es ihm, unter triumphierendem Indianergeheul, geglückt, ihn zwischen sich und den entfesselten Fettklumpen zu schieben, so erhob sich alsbald ein solches Gebrüll und Zetergeschrei im Gewölbe — man war im Rathaus und die Polizeiwache ganz in der Nähe —, dass sämtliche Polizeisoldaten aufsprangen die vielleicht gerade alle an ihren Uniformen vorhandenen Knöpfe aufgeknöpft hatten und in der Wärme und in dem Frieden der Wachtstube die Fliegen an der Decke und auf dem Fussboden mit den Augen fingen. Mit krummen Zehen angelten sie nach ihrem danebenstehenden Schuhwerk und liefen schnell fort, im Lauf noch die allernotwendigsten Knöpfe schliessend. Gleich darauf erschienen sie säbelumgürtet und mit strengen, schnurrbärtigen Mienen, zerteilten durch Augenrollen und durch drohende Bewegungen den Tumult, worauf sie mit dem ihnen zukommenden Ernst und der ihnen wohl anstehenden Würde nach feierlicher Eröffnung der Tür den nachbarlichen Kobold, der ihnen schon Streiche genug gespielt, in schöner Uebereinstimmung versohlten. Alsdann sprachen sie je nach der Würde und Laune ein paar Worte mit der verstummten Vevi, zogen auch, je nach Würde und Laune, kürzer oder länger an der Glockin Fläschlein und verschwanden wieder, würdig und mit befriedigtem Ausdruck, in der Richtung nach der Wachtstube zu.
Das Ende eines jeden Quartalszornes war stets gleich, nur der Effekt war für Mutter und Sohn ungleich.
Fritzl hockte immer heulend, von ohnmächtigen Rachegedanken gegen die hohe Polizei und Mutter Glocke gleichmässig erfüllt, doppelt versohlt auf seiner Decke im Winkel, und die Alte lag, nachdem sie noch eine Weile gegröhlt, mit dem leeren Fläschchen schnarchend auf ihrem Bett.
Den nächsten Tag war sie demütig, zerknirscht, voller Erbitterung, nicht gegen Fritzl, sondern stets gegen die hohe Polizei, die nicht früher eingeschritten und so ihre „Sach“ gerettet hatte.
Mit vielem Aechzen und unter einer schweren seelischen Depression suchte sie rings um das Gewölbe, sogar im Rinnstein nach den verschleuderten Waren, und der Fritzl musste nach dem Schreiner laufen, dem sie jedesmal sagte:
„Brunnhuber, da schau her, a Kreiz is, alles is hin! Gestern hat mir der Wind, der elendige, wieder alles umg’schmissen,“ worauf Brunnhuber jedesmal mit schönem Ernst erwiderte: „Ja ja, damisch is er gestern gangen, der Wind!“ ein paar Nägel einschlug, einige Kreuzer einsackte und wieder ins Wirtshaus trollte, aus dem ihn der Fritzl aufgestöbert.
Читать дальше