Den Paten machte, nachdem der lange Packträger, den die Amme perfiderweise zitieren wollte, ausgerissen war, irgendeiner, den sie im Vorbeigehen aufgabelte. So kam der Fritzl sogar um ein Patengeschenk, was ihn in späteren Jahren noch giftete und weswegen er die Madame Hähnlein, die ihm zum Eintritt in die Welt verholfen hatte, nicht leiden konnte.
Mutter Glocke war es vorderhand nur darum zu tun, ihren Beruf, der unterhaltlich, beschaulich, wenn auch nicht aufregend einträglich war, sobald als möglich wieder ausüben zu können.
Am fünften Tage nach der schleunigen Geburt Fritzls sass sie schon wieder, genau anzusehen wie vorher auch, unter dem grauen Schirm, und über ihr tanzten die Sonnenflecken, wenn der Wind die breitästigen Linden oben bewegte.
Es war sommerlich warm und erschien ihr angenehm, so mitten auf dem Marktplatz, mitten im Leben der kleinen Stadt, zu sitzen, ein wenig scheu zwar, aber mit dem Gefühl, etwas interessanter geworden zu sein.
Später aber, als die Bäume anfingen, die Blätter herabzusäen, als sich manchmal ein gemessener Tanz bunten Herbstlaubes, von der Allee hereingewirbelt, um ihren Stand erhob und die Leute laut schimpften, dass die kleine, armselige, alleingelassene Kreatur im Gewölbe schrie, dass ihre Lunge fast zerplatzte, fand Mutter Glocke, dass das Wandeln zwischen Stand und Gewölbe für ihre stets zunehmende Körperfülle zu beschwerlich sei. Sie fasste den Entschluss, einen Strich unter die Idylle ihres Hökerinnendaseins zu machen und — als Zeichen der endgültig entschwundenen Jugend — von nun an in Züchten und Ehren ihre Aepfel und Birnen, ihre Zitronen und Hutzeln, ihr Johannis- und Kletzenbrot, die ersten und letzten Kirschen und „Zweschben“ vor ihrem Heim, dem Gewölbe, auszubreiten
Da konnte sie — und sie fand ihr Tun bald sehr löblich —, wenn draussen der Wind rumorte oder gar schon Schnee fiel, unangefochten von Kälte und Sturm im Gewölbe sitzen, das sie sonst nur zur ganz strengen Winterzeit bezogen hatte.
Ganz so „unterhaltlich“ wie auf dem Marktplatz war’s nicht, aber doch recht vergnüglich, durch die Glastür zu erspähen, wer da vorbeiging oder sich drüben in der Löwenapotheke oder in dem grossen „Spezlereiladen“ etwas holte. Als Missstand empfand sie freilich, dass sie mit anhören musste, wie bunt es der kleine Balg nebenan trieb.
Eine Lunge hatte der Zwerg! Die stand in gar keinem Verhältnis zu dem Brüstchen und Körperchen, das man immer erst in den Bettstücken suchen musste. Zwei Stufen höher als das tiefgelegene Gewölbe lag nämlich das „Kabinettl“, Schlafgemach der Dame Vevi, vor kurzem Ort „des accouchements“, jetzt Kinderzimmer, dabei Küche, Garderobe und im grimmen Winter auch Empfangszimmer für etwaige Besuche. Es hatte die Länge des Gewölbes, war aber so schmal, dass Mama Vevi nur mit Mühe die gewichtigen Teile ihres Körpers zwischen Bett und Kommode durchzuzwängen vermochte.
Nun stand ausser der alten Kommode, dem alten Schrank, einem alten Holzkoffer und anderem Gerümpel noch der Korb mit dem neuen Jungen darin, und Mutter Glocke begab sich nicht gern unnötig in die Enge und Wirrnis des Kabinettls. Die Mauern waren dick und die Türe hielt sie geschlossen: das Schreien des stets lauten Knäbleins musste schon mörderisch werden, ehe sie ans Aufstehen dachte.
Jetzt, da sie den Weg von ihrer Behausung zum Stand nicht ein paarmal am Tag hin und her zu machen gezwungen war, nahm ihr Umfang täglich zu, ja sie glich eher einer wandelnden schwammigen Fettphramide denn einem auch nur einigermassen geformten weiblichen Wesen.
Wenn sie ging, sah sie aus, wie wenn sie auf ein Brett mit kleinen Rädern gestellt wäre, das eine unsichtbare Hand an einer unsichtbaren Schnur hinter sich drein zog.
Aller unnötigen Beschäftigung abhold, war ihr die mit dem Kinde in den Tod zuwider. Konnte denn der krebsrote Kerl mit den spindeldürren Beinchen, der stets aussah, als sei er am Ersticken, nicht endlich den Zweck erfüllen, den Mutter Vevi für seinen einzigen hielt, nämlich — sich möglichst bald aus dem Staube zu machen? Nein, voll ausgesuchter Bosheit blieb er leben, genau wie er eben diese Bosheit dadurch bewies, dass es ihm auch in der Folge gar nicht einfiel, einem der mutmasslichen Väter zu gleichen.
„Wo der Bua ner des G’müt her hat?“ fragte sie oft und oft die dürre Wiesnerin, ihre Kollegin, die manchmal ihre Abendvisiten machte. „Von mir doch net! Ich bin alleweil gutmütig und g’fällig g’wesen, und er is es net. Es is, g’wiss und wahr, ein Irrtum, und ich kann’s gar net glauben, dass grad ich sei Mutter worden bin. G’münzt hab ich’s net auf ihn g’habt und entbehren könnt ich ihn leicht.“
Die dürre, ausgemergelte Wiesnerin verstand das sehr gut. Sie hatte es auch nicht auf ihre zehn „gemünzt“ und hätte sie auch leicht entbehren können
„Ja, gelt Wiesnerin, vor fünfundzwanzig Jahren, da war’s anders!“ Gerieten sie auf dies Thema, so kamen die beiden, die miteinander jung und sauber gewesen, an kein Ende.
Wer allerdings heute Mama Glocke sah, förmlich zerflossen, Leib und Brust ineinander übergehend, dass nur die Schürzenbänder die mutmasslichen Konturen bezeichneten, mit entzündeten Augen, die Haut rot und höckerig unter dem spärlichen Haar, der musste erstens freilich den Kopf schütteln über Fritzls Existenz, zweitens konnte er sich gewiss nicht vorstellen, dass die schwammige Hökerin einst eines der schönsten Mädchen war.
Die Wiesnerin jedoch hob jederzeit den Schwurfinger für Vevis Reize, und wer es trotzdem nicht glauben wollte, den konnte man schlagend auf die schöne Tochter verweisen, die, zwanzig Jahre vor dem Fritzl geboren, der Mutter Abbild geworden, eine bekannte Schönheit, gross und schlank, mit blitzenden Augen und blitzenden Zähnen, mit einer Haut wie Alabaster. Leider war sie nur im Bild und nicht leibhaftig zu sehen, da sie von einem reichen Viehhändler geheiratet und nach Ungarn exportiert worden war. Dort blieb sie bis gegen das Ende dieser Geschichte für die Mutter verschollen, froh wahrscheinlich, die Schweinewirtschaft im grossen Stil vertauscht zu haben.
Die sei ein anderes Kind gewesen, kein solcher Wechselbalg wie der Fritzl, klagte Mama Glocke.
Der glich ja eher einem Vogel denn einem kleinen Menschenkind; sein Gesicht büsste niemals die Röte ein, die er mit in dieses Jammertal gebracht, und er sah schon im Wickelkissen aus, als sei er voller Zorn und Geifer.
Die war prompt zur richtigen Zeit gekommen, Vevi konnte prompt den Vater angeben, und mit einem Jahr fing sie prompt zu laufen an.
Dagegen der!
Im dritten Jahre bequemte er sich erst, auf den dünnen gekrümmten Beinchen zu stehen und ein wenig zu reden. Geschimpft hatte er freilich, ohne reden zu können, von allem Anfang an aus seinem Korb heraus wie ein Rohrspatz. Da lag er drinnen, anzusehen wie ein halbverhungerter Rabe, mit dem langen dünnen Halse, der grossen Nase und den runden schwarzblanken Augen, die schon ganz früh eine Verruchtheit verrieten, die später sein Stolz und seine Stärke wurden.
Nichts hatte er von ihr, wie sie meinte, vor allem nicht ihr schönes, warmes und gütiges Herz.
Er konnte noch nicht einmal laufen, nur krabbeln, doch versuchte er schon, die Mutter von ihrem Lehnstuhl zu zerren, weil er ihn in Besitz nehmen wollte, und konnte dabei blaurot vor Wut werden und um sich schlagen und beissen wie ein kleines Tier.
„Fot! fot!“ schrie er und stiess nach dem unbeweglichen Fettkoloss von Mutter. Sie stiess nicht wieder, das verbrauchte zu viel Kraft. Ihre ganze Vitalität hatte sie nötig, um aufzustehen, wenn ein Kunde kam, und dem ein süsses Maul über die Hängebacken zu machen. Hatte der die Tür wieder von draussen zugedrückt, sank sie allsogleich in den Lehnstuhl zurück, der noch lange nach der „Niederlassung“ Töne des Protestes von sich gab.
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