Ging er, ohne zu kaufen, so verliess das Kind lautlos seinen Platz, und in den grauen Augen war ein Ausdruck von Geringschätzung für den Vater.
Die Kleider Rosinchens behielten beharrlich den Geruch des Ladens, denn das kleine Mädchen war viel mehr unten als oben.
Da das Hinterzimmer auch noch mit Waren, vornehmlich mit Stiefeln, vollgepfropft und die Tür zwischen Laden und Hinterzimmer beständig in Bewegung war, hatte sich auch dort derselbe fatale Geruch festgesetzt, der im Laden dominierte, dem alten Mahn aber nicht mehr zum Bewusstsein kam, denn er kannte keine andere Atmosphäre; die sonntägliche Luft in den oberen Räumen schnaufte er misstrauisch ein, und sie erschien ihm unzuträglich.
Ueberhaupt die Sonntage hasste er. Die benutzte gewöhnlich die alte Tante, die sonst seiner nicht habhast werden konnte, sich an ihn zu hängen wie eine Klette. Da begann sie von den zahlreichen Krankheiten zu erzählen, die sie während der Woche überfielen, oder von den ebenso zahlreichen früheren Mägden, die es durchaus nicht hatten einsehen wollen, dass das Haus Mahn ein Eldorado — oder — aber das war ein gefährliches Thema — über das Rosinchen zu klagen; denn die alte Tante war weichen Gemütes und liebte das Kind, obwohl es, spottsüchtig und respektlos, einstweilen seinen Witz an der Alten ausübte.
Diese schüchternen Klagen aber passten dem Vater Mahn gar nicht; er war in dem Punkte sehr empfindlich; schön war das Rosinche nicht, also musste es doch brav und gescheit sein. Jetzt war die alte Schaluppe schon so lange Jahre im Haus und wollte das nicht einsehen!
„Des steckt dich zehnmal in de Sack, gelt, des sind dein Schmerze?“ spottete er.
Im Grund war die alte Tante ebenso ehrgeizig und ebenso verliebt in das Rosinche wie der Alte. Es war doch sonst niemand da!
Schon lange dünkte ihr die jüdische Volksschule nicht mehr passend für das Talent des Kindes, und es verlangte ja auch selbst, herausgenommen und ins Institut getan zu werden.
„Es hat doch Ambitione!“ sagte vorwurfsvoll die Alte, „des weisst de doch!“
„Stuss!“ brummte der Alte, „werd se dort schöner, werd se dort grösser, werd se dort gescheiter?“ — aber er gab doch nach und, freudig erregt, von Ehrgeiz und Stolz gebläht, hickelte das Rosinche in das Institut, das Töchterschülche, wie der Vater Aaron sagte.
Es war so klein geblieben, dass es noch gut in die erste Klasse der Volksschule gepasst hätte; die Nase zwar war mächtig gewachsen und das lange Kinn hing tief auf die schmale Kinderbrust herab. Die Haare pflegte die Tante in der Mitte zu scheiteln und dann mit solcher Wucht hinter die Ohren stramm zu kämmen und dort in zwei eisenharte Zöpfe zu pflechten, dass es aussah, als sprängen gerade durch diese barbarische Prozedur die Augen so gar sichtbarlich und gewölbt aus dem Kopf hervor.
Für die Gassenbuben, und dazu war vor allem der Kampelmacherfritzl zu rechnen, war das Rosinchen schon lange ein beliebtes Objekt, beliebt und dankbar, denn es weinte nicht wie die anderen Kinder, wenn es verschimpfiert wurde, oder lief auf und davon, sondern es schimpfte herzhaft wieder, kräftig und abwechslungsreich, schimpfte wie ein Rohrspatz und, findig wie es war, blieb es den Angreifern nichts schuldig in Worten und erfand obendrein noch die prächtigsten Namen für sie, so dass es oft die Lacher auf seiner Seite hatte.
Als es in einem neuen grasgrünen Kleide, das zu seiner fahlgelben Haut, Teint des Date Aaron, wundervoll stimmte, mit einem nicht nur angedeuteten, sondern ziemlich umfangreichen Reifröcklein, einem grossen Herrenwinker mit strohgelbem wehenden Band auf dem Haupte — Geschmack der Tante — in die Töchterschule wandelte, wurde es in dieser neuen und erstaunlichen Equipierung von seinen Widersachern mit Hallo empfangen, mit Hallo eskortiert und mit Hallo an der Tür des Instituts abgeliefert.
Bis dahin hatte das Rosinchen geschwiegen, wohl aus einem unklaren Gefühl heraus, dass es sich für eine angehende Töchterschülerin nicht schicke, auf der Strasse Krakeel zu machen. Vor der Pforte riss ihm aber doch die Geduld und es drehte sich ganz unerwartet um, streckte den Widersachern die lange, kohlschwarze Zunge entgegen, denn es hatte eben Schwarzbeerkuchen gegessen, riss blitzschnell die Schultasche vom Buckel, die gross und gewichtig aufs Wachsen berechnet war, packte sie bei einem Riemen und schlug herzhaft unter die Horde.
Resultat: Eine zu Tode erschreckte Pförtnerin, ein unsanftes Befördern ins Klassenzimmer, eine zürnende Standrede der Schwester-Lehrerin, eine Anstandspredigt der herbeigeeilten Oberin zum Beginn; dann folgte eine lange Ermahnung, Drohung der Ausweisung — das Rosinchen war ja nur ein Judenmädchen — und ein Tränenmeer von seiten der „kleinen Mahn“ als Eintritt in das Institut. Beim Eintritt in das Klassenzimmer war das Rosinchen von den neuen Gefährtinnen fast mit demselben Hallo begrüsst worden wie auf der Strasse von den Widersachern.
Still und langsam hickelte es, in seinem Krinolinchen einer kleinen wandelnden Glocke gleich, heim, nicht triumphierend, wie sich der eitle Date und die eitle Tante gedacht, sondern begossen wie ein Pudel, nicht strahlend die Girgengass herunter, sondern heulend durch die Gassen und Gässchen; daheim stane es noch ein Weilchen, ganz gegen seine sonstige kecke Art im Hausflur, bis es sich so weit ermannte, ins Hiuterzimmer zum Vater einzutreten und dort seine Niederlage zu bekennen.
Der Alte setzte flugs seinen Ingrimm in Hohn um, weil ihm das besser passte und sich überlegener ausnahm, und da er das kleine Mädel in seinem grossen und gerechten Schmerze nicht noch mehr kränken wollte, fiel er über die Tante her. Das war das Ende ihres verfluchten Ehrgeizes und ihres bornierten Geldausgebens!
„Da hascht dein Töchterschülche! Da hascht dein grasgrünes Kleid! Da hascht dein gelbe Hut!“
Die Alte zitterte vor Erschütterung, kniete sich vor das heulende grasgrüne Idol hin, das von Zeit zu Zeit vor Wut stampfte, suchte es zu trösten, obwohl es fest auf die liebkosenden Hände schlug; sie schwur trotzdem, von nun an alle Ströme ihrer Liebe über das arme Kind zu ergiessen. Ja, sie liebte es, sie liebte es unbändig in dem Augenblick, wo man gewagt hatte, es so zu misshandeln. Ihr Goldkind, ihr Sonnenstrählchen so zu kränken!
Da die alte Dame „latschte“, lautete ihr Rosinche ungefähr wie „Lochchinche“ und ihr Sonnenstrählche wie „Chlonnenchltrählche“. Aber das Chlonnenchltrählche wollte nichts von ihrer Zärtlichkeit wissen. Sie war an allem schuld, nur sie, und das Rosinche riss das grasgrüne Kleid herunter und spuckte darauf:
„Da, da, tu’s fort! Mach, mach!“ Erst als der Staat verschwunden war, wurde es ruhiger, ass, in seinem weissen Unterröckchen, dem weissen Pikeeleibchen, den Herrenwinker auf dem Kopf, noch immer sehr feierlich und feiertägig anzuschauen, mit am Tisch im Ladenzimmer, bekundete nach und nach sogar Interesse an den Kunden, die während der Tischzeit kamen, indem es aufhüpfte, sich auf die Zehen stellte, den Vorhang lüftete und mit grossen runden Augen die Vorgänge draussen im Laden überwachte.
Die Tante Mine, selig, dass der alte Aaron nicht mehr schimpfte, und der die Sache erledigt schien, schwätzte ununterbrochen darauf los, nur damit die fatale Geschichte nicht wieder berührt wurde. Die war aus und begraben, schimpflich, glimpflich.
Als es gegen halb zwei ging, sah der Alte angelegentlich und immer angelegentlicher nach der Uhr, über den Hornkneifer hinaus auf das Rosinche und zuletzt auch auf die Tante Mine.
„No, werd’s bald?“ frug er.
„Ja, was denn?“ fragte die Tante und kriegte es mit allen Schrecken. Das Rosinchen wurde blass, wie ein langer grauweisser Käsleib sah sein Gesicht aus, es sprang von seinem Stühlchen herab und stand zur Flucht bereit.
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