Finster war’s in der Schenke, Furcht griff nach jungen Herzen, hie und da wackelte ein Knie. „We are Holländer“, hauchte Wolfgang wortgewaltig. Da zischte es ihm ins Ohr: „D’s heißt anders!“, und es folgte lauter nun, ein Verbesserungsvorschlag: „We are Netherländer.“ Wolfgang präzisierte: „From Feyenoord.“ Da freute sich der üppige Mann aus Manchester sehr, und auch seine Kollegen waren’s zufrieden. Zügig ward Bier geordert, ein jedes präzise bis zum Rand hochgezapft, dann verteilt, die Gläser erhoben sich wie von selbst, alle Deutschen verschütteten ein wenig, was soll’s, die Stimmung versprach endgültig ins Herzliche zu kippen. Gütlichkeit schwappte schier ins Hochkante, da wurde den Gästen noch eine einzige Frage gestellt: „Was heißt denn bei euch ‚Prost‘?“ Stille, kurz, dann: Zwei Gläser schwappten über, hörbar über, ein Knie knickte weg, kaum hörbar das, und ManU-Männeraugen verengten sich unhörbar. „Was heißt denn bei euch ‚Prost‘?“ Da aber kam es wie ein Leuchten aus Wolfgangs schweißfeuchter Stirn, er erhob sein Glas, seine Stimme füllte den Raum mit einem erlogenen, doch herzlichen „Op de Grachten“. Und noch mal: „Op de Grachten!“ Da war’s getan, wie man so sagt, und alle feierten, bis der Morgen graute.
Wochen später sollen, so heißt es, einige niederländische Fans in nämlicher Gaststätte böse verprügelt worden sein, man hatte sie irrtümlich für Deutsche gehalten, aber das gehört nicht hierher, gehört nicht mehr zu dieser Anekdote, dieser persönlichen Anekdote, die ich nicht erlebt habe.
2.Sehr lustig bzw. bedauerlich war die erste Geschichte, die ich nicht erlebt habe bzw. weil ich sie nicht erlebt habe. Aber vielleicht fahre ich ja mal hin. Die zweite Geschichte ist meine, ganz und gar. Keiner hat sie je erzählt oder auch nur für erwähnenswert gehalten. Ich ja auch nicht. Aber mit dem Titel „Drei persönliche Anekdoten rund um den Fußballsport“ ist der Zugzwang da, der Ehrgeiz angestachelt, die bürgerliche Enge der mediokren Zahlenwelt – ich sage nur „drei“ – als pars pro toto verknöcherten Aufsummierens bewiesen und dennoch nicht abzutun – unwiderlegbar.
Ich war jung, nicht bloß in der Anekdote.
Es begab sich aber zu der Zeit, als ich in der D-Jugend des TuS Diez trainierte, dass ich über ein Jahr lang in der D-Jugend des TuS Diez trainierte, aber nicht einmal an einem Spieltag eingesetzt wurde. Das war zu der Zeit, als Theo Zwanziger im drei Kilometer entfernten Altendiez schon mächtig mit dem Zahn an der Zeit nagte und am Stuhl seines Vorvorgängers sägte, des Neuberger Herrmanns.
Die Pädagogik war seiner- und meinerzeit in Diez nicht auf dem neuestem Stand, aber vorhanden war sie, und so bedachte mich Trainer Beysel mit Aufmerksamkeit dergestalt, dass er mich zu einem Kurs mit dem Thema „Doppelpass für Anfänger“ anmeldete, einem Grundkurs also. Mit roten Wangen, geschürzten Lippen und geschnürten Schuhen traf ich zu Kursbeginn ein. Ich war nicht zu übersehen. Außer mir war keiner da. Der Kursleiter hatte zum Glück auch nicht sehr viel Zeit. Er schaute mich an, ich schaute zu Boden. „Doppelpass für Anfänger“, dachten wir beide, „Doppelpass für Anfänger.“ Der Kursleiter musste bald gehen, ich winkte, das konnte ich gut, er war nicht sehr lang zu sehen, obwohl er eine alte Vespa fuhr, ich winkte einfach weiter. Einen Ball hatte er mir dagelassen. „Ein Fußballer braucht ja einen Ball“, hatte er gelacht. Ich war Fußballer. Das konnte jeder sehen, leider nicht an diesem Tag. War ja keiner da. Ich trug ein kurzes blaues Trikothemd mit weißem Kragenspiegel und weißen Bändchen, hatte kurze weiße Hosen und Fußballstutzen an, blau-weiß, außerdem Fußballschuhe „adidas Uwe Seeler“, und ich fror. Ich überlegte kurz, zu winken, wieder zu winken. Vielleicht, dass der Kursleiter so wieder in Sichtweite käme. Oder mein Trainer. Ich stellte seufzend einen Fuß auf den Ball, ließ ihn unter den Gummistollen hin und her rollen. Das machte ein perlendes Geräusch, ein bisschen wie mit Käsekanten schnell auf ein Frühstücksbrett hauen. Ich dachte an Käsekanten, ans Abendessen.
Ich hatte aber keinen Hunger. Ich zog die Stutzen hoch, über das Knie, es ging aber nicht, und da ich immer noch mit dem Fuß auf dem Ball war, rutschte ich auf dem Ball aus. Drei Stunden später würde meine Mutter mich ja abholen, drei Stunden später. Ich hatte leider kein Taschentuch dabei. Was soll ich machen, fragte ich mich. Was machte ich, fragt ihr mich. Was hast du denn gemacht, fragte meine Mutter mich, die ganze Zeit lang hier. Das war drei Stunden später. Ich sagte ihr: „Ich hab Schnupfen.“ „Ja, das sehe ich“, sagte meine Mutter und holte ein Taschentuch aus ihrer Manteltasche. Wie immer reckte ich ihr mein Näschen empor, schloss die Augen, erwartete das Wischtuch. „Das kannst du mal schön alleine machen, mein Großer“, sagte meine Mutter. Jetzt hatte ich aber schon „Doppelpass für Anfänger“ alleine gemacht. Ich wollte nicht „mein Großer“ sein. Ich schlotterte. Ich weiß nur noch, dass es mir im Auto meiner Mutter, einem VW-Käfer, schnell warm wurde, obwohl die Heizung so gut wie gar nicht funktionierte, das Gebläse aber war sehr laut. Später habe ich die Geschichte, da sie mich in einem allzu menschlichen Licht erscheinen lässt, ein bisschen anders enden lassen, beim Erzählen. Wider besseres Wissen. Aber lustiger, als Anekdote, nämlich so: „Was hast du denn gemacht“, fragte meine Mutter mich, „die ganze Zeit lang hier?“ Da habe ich gesagt, und so endet die zweite Anekdote: „Doppelpass für Anfänger, liebe Mutter, geht alleine nicht, da habe ich mich halt drei Stunden lang selber getunnelt.“
Wie es auch immer gewesen sein mag, das Erlebnis entfernte mich für lange Jahre vom Fußballsport, vielleicht war es auch nur die mangelnde Spielpraxis, die uns einander entfremdete, nachher ist man ja nicht immer schlauer. Immerhin habe ich die Geschichte in eine Anekdotensammlung aufgenommen, was hätte ich sonst mit ihr tun sollen? Weiß der Deibel, wie es mit ihr weitergeht, jeder hat ja so Geschichten, die abgeschlossen scheinen, aber wie wird es insgesamt weitergehen? Dereinst? Fragezeichen. Drittens.
3.Die dritte Geschichte ist erneut eine, die mir selbst zugestoßen ist, was sie als persönliche Geschichte qualifiziert. Sag ich nur noch mal, damit hier keiner rummault. Es ist dies eine Geschichte, die mir dieser Argentinier erzählt hat, den jeder kennt, der seinen Namen nicht vergessen hat. Dieser kleine, dicke Argentinier mit den freundlichen Augen, Diego Maradona. Ein Argentinier, wie gesagt. Er nahm Drogen, und vorher war er beruflich sehr stark als Fußballer eingespannt. Es war Maradona, meine ich. Es war ja schließlich auch in einem Maredo-Steakhaus, da lebte er damals, weil er eine Fleischdiät, um von den Drogen runterzukommen, machte, möglicherweise; aber er aß einen großen Salatteller, es ging ihm… Ich weiß es nicht mehr. Ich war so fasziniert von diesem Mann mit seinem längsgestreiften, hellblau-weißen Trikot, das über seinen Bauch spannte, der auf der Maredo-Steakhaus-Tischplatte auflag. Ich glaube, es war Maredo. Und eben Maradona. Die Geschichte war lustig, aber auch voller versteckter Trauer, ich muss auch heute noch verwundert den Kopf schütteln, warum er mir diese Geschichte erzählt hat, ausgerechnet mir, gut, ich habe auch mal Drogen genommen, zwischendurch, warum nicht, auch mal gemischte Salatteller. Sicher, auch ich kann insgesamt auf ein ehemaliges Fußballerdasein zurückschauen, gleich ihm, Maradona, mit Tore schießen und weiten Einwürfen, halt allem Drum und Dran, bloß Doppelpassversuchen gegenüber blieb ich zeitlebens skeptisch, mied sie, wich ihnen scheu aus, was soll’s, vorbei ist vorbei, ist ja auch egal, weil: Da war Maradona und da war diese zugleich lustige und traurige Geschichte, die er mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählte.
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