Seit einiger Zeit besucht mich mein Schwiegervater regelmäßig in meinem Fußballkeller, um die Spitzenspiele der Fußball-Bundesliga mit Beteiligung des FC Bayern zu verfolgen. Das ist mittlerweile tatsächlich ein lieb gewordenes Wochenendritual geworden. Lieb geworden auch deshalb, weil er seit ein paar Spieltagen regelmäßig einen seiner alten Kumpel mitbringt, den mein kleiner Sohn Carl liebevoll Onkel Puskás nennt. Puskás deswegen, weil er mir auf einem dieser unumgänglichen Familienfeste mit einem abendfüllenden Gespräch über die ungarische Legende Ferenc Puskás und dessen Heldentaten für Honvéd Budapest und Real Madrid den Abend gerettet hat. Und sich damit diesen wunderbaren Beinamen sicherte. Manchmal kann das Leben wirklich einfach sein, wenn man weiß, wer Ferenc Puskás war.
Jedenfalls sitzen nun diese beiden Männer schlesischer Abstammung regelmäßig bei mir zu Hause, schenken mir das ein oder andere Gläschen vom mitgebrachten Honigschnaps ein und erklären mir die Welt des runden Leders aus ihrer unverblümten Sicht. Und keine Frage: Das ist großartig! Das ist ganz, ganz großes Kino! Da werden die neuesten Lukas-Podolski-Gerüchte aus erster Hand seziert. Weil beide einst mit dessen altem Herrn zusammenspielten, sind sie natürlich bestens informiert. Sie wissen, wie schlecht es dem armen Jungen dort unten im fernen München geht – da sind auch das viele Geld des armen Poldi und die Villa am Starnberger See keine Argumente mehr. „Was willst du mit all diesen Millionen, wenn in deiner Mannschaft alle nur Dupas sind“, lautet ihre einfache, aber einleuchtende Podolski-Theorie. „Dupas“ – das ist übrigens ihr Wort für Leute, die wir gelinde gesagt „Hammerwerfer“ oder „Ohrfeigengesichter“ nennen würden. Natürlich finden vor allem die Konkurrenten Podolskis keine Gnade. Unbarmherzig der Kommentar von Onkel Puskás, als Luca Toni einen Ball verspringen lässt. „Weißt du, Sascha, mein Vater war im Krieg in Italien stationiert, und der hat immer gesagt: Die Italiener – die sind nur zum Bumsen geboren!“ Zustimmend nickt mein Schwiegervater beim Anblick von Tonis Großaufnahme im Fernsehen und ergänzt, dass Miro Klose den Ball noch nie lupfen konnte, und macht mit einem Schaumstoffball meines Sohnes nach, wie es richtig geht. Zwar ist der Zusammenhang zwischen dem angeblich naturgegebenen italienischen Hang zum Liebesakt und Kloses fehlendem Spielverständnis nicht unbedingt spontan oder auf den ersten Blick nachvollziehbar, aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass es bisher noch niemand in einen Zusammenhang gestellt hat. Ein simultanes „Kurva“ – das schlesische Wort für alles, was, na ja, sagen wir: nicht rund läuft – beendet die Stürmerkritik und macht Fragen meinerseits bestenfalls überflüssig. Was soll ich hier auch fragen?
Alles andere als überflüssig sind jedenfalls all die anderen unwiderlegbaren Wahrheiten, die ich an solchen Abenden erfahre und insgeheim ohnehin teile. Niederlagen von Borussia Mönchengladbach werden schon mal der großen Klappe Hans Meyers geschuldet und Onkel Puskás wird nicht müde, zu betonen, dass er Mark van Bommel und Daniel van Buyten mit dem Fuß im eigenen Hinterteil schwindelig spielen würde – diese Dupas. Kurva! Alles Dupas! Unterbrochen werden all diese eindringlichen Kommentare nur von dem ein oder anderen Honigschnaps, der runterläuft wie Öl und seine Wirkung nicht verfehlt. Dass ich nach dem Besuch der beiden regelmäßig einen ausgedehnten Nachmittagsschlaf brauche, sie aber fröhlich mit dem Auto nach Hause fahren, fällt mir immer erst spätabends auf, wenn ich müde das Aktuelle Sportstudio verfolge und meine Frau sich telefonisch bei meiner Schwiegermutter beschwert.
Wie auch immer – der Besuch der beiden Herren ist in der Tat ein wirklich schönes Ritual geworden, völlig egal, dass dabei immer die Spiele der Bayern geguckt werden. Im Gegenteil: Ich freue mich sogar auf Leute wie Mark van Bommel, Daniel van Buyten oder Luca Toni, weil ich weiß, dass die bald ordentlich und ungeschminkt was verpasst bekommen – zwar nicht auf dem Rasen, aber in meinem Keller. Von zwei älteren Herren, von denen einer nach einer ungarischen Fußballlegende benannt ist und der andere Miro Klose mit einem Schaumstoffball von IKEA zeigt, wie man das Runde ins Eckige bringt – dort unten in meinem Keller bei einem Gläschen Honigschnaps.
Die erste Geschichte ist mir so nie passiert. Und ich würde sie ungern einer Anekdotensammlung mit dem Titel „Drei persönliche Anekdoten rund um den Fußballsport“ hinzugefügt haben, da ich aber nur zwei Anekdoten kenne bzw. mir behalten habe, und das nicht mal richtig, was soll ich tun. Aufgeben? Nein! Zumal die Kraft jener Geschichte den zugegebenen, den offen zugegebenen Mangel mehr als wettmachen kann. Sie muss. Und: Es ist ja eine persönliche Geschichte. Sie ist halt bloß nicht mir passiert! Ich kann ja nicht überall sein!
Die folgende Geschichte ist jemandem passiert. Ich kann nichts für sie, doch das macht mich nicht neidisch, mir ist genug anderes passiert. Ach, ich könnte Geschichten erzählen, einige zum Abschluss bringen, viele mehr noch beginnen, jedoch will ich es bei zwei abgeschlossenen Anekdoten – eigenen! – bewenden lassen. Und bloß Anekdoten. Nichts Protziges.
Die eine – nein, ich wollte ja mit der nicht-persönlichen Anekdote beginnen, aber die Reihenfolge ist egal, mir egal, ich kenne ja alle, auch die nicht-persönliche. Mit ihr werde ich beginnen, zumal und immerhin sie mit Fußball zu tun hat. Nicht direkt zwar – das hat die zweite, die meinetwegen zweite, die hat das. Hätte das.
1.Die erste bzw. die, die ich jetzt, ohne sie als meine auszugeben, was ja auch falsch wäre, erzählen werde, spielt nicht etwa, wie so unnötig viel dieser Tage, in China, sondern im Mutterland des Fußballsports; das ist für die einen – ich weiß – China: Da ritt er, rababerrababer, der einsame Hunne, durch die chinesische Steppe, ein trauriges tsuh-kü tsuh-kü – „mit dem Fuß stoßen, mit dem Fuß stoßen“ – rufend, klagend, ausstoßend, ach so irrend ritt er, ritt er? Ja, er ritt… Ich weiß nicht. China ist – so oder so – nicht der Ort der ersten Geschichte. Nein, nein, weit gefehlt, so weit wie der unglückselige Luca Toni, gestern wie eine nasse Rigatoni … Aber sagt man „weit gefehlt“? Nicht eher „weit verfehlt“? Die erste Anekdote trug sich zu in England, dem Mutterland des Fußballsports, des modernen Fußballsports.
Zu Manchester weilte einst mit einer Gruppe barhäuptiger Männer, es war in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts, ein junger Mann, Wolfgang, Anhänger des formidablen Fußballsports. Wie im Übrigen auch all seine Begleiter Anhänger des Fußballsports waren. Und alle kamen sie aus Deutschland. Und sie waren nicht wenig gespannt auf diese Fußballhochburg, denn für nichts anderes durfte Manchester schon damals gelten, vor allem durch United. Manchester City befand sich damals in einem Leistungsknick, der strenggenommen erst in den letzten Jahren endete.
Bleiben wir bei den jungen Männern aus Deutschland. Die Aufregung hatte sie recht tüchtig bei den Ohrwatschen gepackt, als sie wehenden Haares, barhäuptig wie sie waren, in die Vereinskneipe von United gingen. Es war gegen Abend. Fachkenntnisse fügten sich zu Englischkenntnissen, und so geriet man füglich ins Gespräch, scherzte, lärmte und trank Bier eines lokalen Anbieters. Freilich entging den hellhörigen Gastgebern nicht, dass die zunehmend ihre Zurückhaltung verlierenden Gäste wohl kaum im Fußballmutterland aufgewachsen sein konnten. In keinem der Fußballmutterländer. Auch nicht in China. Das sah man ja. Das andere hörte man jedoch. Da kam nun einem schwergewichtigen ManU-Fan die Idee allgemeiner Verbrüderung, bloß galt es ihm noch, letzte Vorbehalte auszuräumen, Vorbehalte, die Herkunft der Gäste betreffend. Wichtig ist es, darauf hinzuweisen, dass man sich besagten Manchester-United-Anhänger als jemanden vorzustellen hat, der zwar nicht ausschließlich, aber hauptsächlich aggressiv zu wirken verstand. Dies gepaart mit einem gesunden, aber knapp bemessenen Menschenverstand und diese Erscheinung wiederum flankiert von einigen durchaus ähnlich stabilen jungen Menschen, das machte Eindruck auf die jungen Besucher. Da hob der gewichtige Mann an, ich übersetze ihn der Einfachheit halber: „Wir sind Fußballfans“, sagte er, „wir alle hier sind Fußballfans.“ – „We also. Good this is“, erwiderte Wolfgang froh. „Und“, jetzt wieder der andere, „wir mögen alle Fußballfans. Alle. Bis auf die deutschen. Wo kommt ihr her?“
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