„Es ist sehr schade“, dachte der Bauer, „dass das Mauerstück nicht nach aussen gefallen ist. Dann läge der ganze Steinhaufe unten, wo es für mich am bequemsten wäre, mir das Nötige davon zu holen. Es wüchse dort auch nicht so viel Gestrüpp darauf infolge des Hochwassers. In jedem Fall wird es mühevoll sein, die Steine erst an den Fluss hinunterzuschaffen. Hier oben ist es unbequem, an sie anzukommen.“
Er betastete die Wand. Dabei entdeckte er einen Riss. Der Riss zog sich, unten dünn beginnend und sich nach oben ein wenig verbreiternd, in nicht gerader, aber im ganzen senkrechter Richtung die Mauer hinauf bis unter die Mitte eines der drei Fenster. Es war, so von innen gesehen, das Fenster rechts. Ob der Riss sich auch darüber noch bis zum oberen Rande der Wand fortsetzte, liess sich von unten her nicht erkennen. Dazu befand sich das Fenster zu hoch. Auch behinderte ein Bäumchen, das aus dem Spalt wuchs, die Sicht.
Der Riss gab zu denken. Offenbar war wieder ein Stück der Mauer im Begriff, sich aus seinem Verbande zu lösen und wegzubrechen. Tat es das und stürzte es gar nach aussen, nun, dann trat ja eben das ein, was der Bauer sich wünschte. Er wünschte es sehr.
Ursprünglich hatte es nicht in seiner Absicht gelegen, dem alten Gemäuer, soweit es noch aufrecht stand, zu Leibe zu gehen. Seinen Kalender, sein Wetterglas, seine Stundenuhr und den gewohnten Anblick, den die Ruine ihm bot, hätte er nach Möglichkeit gerne geschont. Man vergreift sich nicht unnötig an Sachen, die eine gewisse Ehrwürdigkeit haben, wie solche Fenster, die an betende Hände erinnern. Wenn es nun aber mit dem Steineholen so viel umständlicher war, als er es sich vorgestellt hatte, und wenn doch der Riss schon da war, wenn also das Werk einer weiteren Vernichtung der Ruine schon von selber im Gange war — — — sollte man da nicht darüber nachdenken dürfen, ob und wie sich dieser Vorgang vielleicht auf eine vorsätzliche Art beschleunigen liesse? — Je länger er hinsah, desto deutlicher erkannte er: „Ein Stück der Mauer, ein beträchtliches, bricht weg. Aber wann geschieht das? An der Zerstörung arbeiten die Nässe, der Frost und auch die Pflanzen. Wurzeln haben sprengende Kraft. Da wächst ein Stück unterhalb des Fensters ein Ebereschenbäumchen aus dem Spalt. Knollig zwängt sich der Ansatz des Stammes daraus hervor. Es arbeitet am Riss. Aber das sind langsame Arbeiter. Es kann ein Jahr, es können Jahre darüber vergehen, bis der Riss sich merklich verbreitert. Eine senkrecht geplatzte Mauer kann noch lange stehen.“
Ein Mensch, der bauen will, lässt sich nicht gern auf lange Geduld ein. „Das Vieh braucht den neuen Stall“, sagte er sich. „Länger als einen Winter noch kann es nicht darauf warten. Und ich kann auch nicht warten. Also — was ist zu tun, damit das Manerstück, das fallen will, schneller fällt?
„Es sind gewaltig dicke Mauern. So ein Stück davon gibt mehr her, als man zu einem Stall braucht. Die Ritter haben kräftig gebaut, das muss man sagen.
„Freilich, es hat ihnen, auf die Dauer gesehen, auch nichts genützt. Die Burg ist verfallen. Aber natürlich, wenn man die Sachen verwahrlosen lässt, dann gehen sie zugrunde. Eines steht jedenfalls fest: Stein hält länger als Holz, und wer daraus baut, der kann dabei weiter denken als nur an Kind und Kindeskind. Man sieht es ja an den Grabsteinen auf dem Friedhof. Wie schnell verfaulen die Holzkreuze und fallen um. Uber so ein Stein mit seiner Inschrift, der hält, man sollte fast meinen, bis zum Jüngsten Tage.“
In der Stadt, in die der Bauer selten kam, standen merkwürdige Figuren: Männer aus Erz auf Sockeln aus Stein. Man hatte ihm gesagt, dass das Denkmäler seien, und ihm auch die Namen der erzenen Männer genannt. Nun, ein Denkmal wollte auch er sich setzen, er sich bei Lebzeiten. Und da sollte auch sein Name darauf angebracht sein, in Stein gehauen, wenigstens die Anfangsbuchstaben: K.W.
So sollte es über der mittleren der drei Türen des neuen Stalles, der wie der alte in Schuppen, Pferde- und Viehstall geteilt sein würde, zu lesen sein. So hatten es auch zu ihrer Zeit die Barone gemacht, wenn sie bauten. — Wer baut, der setzt sich damit ein Denkmal.
„Ansis wird den Hof erben“, dachte der Bauer weiter. „Und wenn Ansis Herr des Hofes sein wird, und wenn er Kinder haben wird, darunter einen Ältesten, und der wieder Kinder, und so fort, dann wird das immer noch der Stall sein, den ich, Karlis Wezrumba, aus den Steinen der Ruine gebaut habe, mit Ansis zusammen. So etwas vergisst sich nicht in Generationen. Das wird das Denkmal sein, das ich mir setze, unzerstörbar, soweit etwas auf Erden unzerstörbar ist, und mein Name wird unvergessen sein, solange die Wezrumbas auf dem Hofe leben werden, und das werden sie voraussichtlich bis zum Jüngsten Tage!“
Der Bauer untersuchte den Riss. Er dachte an Schiesspulver. Irgendwann einmal hatte er zugesehen, wie man Steine mit Pulver sprengte. Aber das hatte seine Bedenken: „Pulver ist eine gefährliche Sache, und man muss die Kenntnisse haben, richtig damit umzugehen. Auch macht es Lärm. Bei so vielen Dingen im Leben ist es besser, sie gehen ohne Lärm vor sich.
„Aber gibt es nicht noch anderes, das sprengende Kraft hat, ausser der Nässe, dem Frost und den Pflanzen, diesen langsamen Arbeitern?
„Holz, dieser vergängliche Baustoff, Holz hat sprengende Kraft, lebendes Holz hat es, totes auch. Wenn es nass wird, quillt es. Ein Holzkeil hat sprengende Kraft. Wenn er nass wird, vermehrt sich die.“
Das war ein grosser, ein ersinderischer Gedanke. Da sah man es, von woher Attis, der zweite, seine Erfindungsgabe hatte. Mochte Attis, der künftige Tischler, es sein Leben lang mit Holz zu tun haben, er, der Vater, würde es mit Stein zu tun haben, aber das Holz musste helfen, die Steinmauer auseinanderzusprengen.
Er sah an der Mauer in die Höhe. Das Ebereschenbäumchen, das aus dem Spalt wuchs, verhinderte ihn daran, festzustellen, in welcher Weise der Riss nach oben verlief. Er änderte seinen Standpunkt, aber dann standen wieder die Sträucher vor. Man hätte, um sich über die Beschaffenheit des Risses Klarheit zu verschaffen, an der Wand hinaufklettern müssen. Und dabei konnte vielleicht noch eine sehr wichtige Feststellung zu treffen sein: Zeigte die Mauer vielleicht schon die Neigung, ob sie nach aussen oder nach innen fallen wollte? An einer solchen Neigung würde sich kaum etwas ändern lassen. Immerhin war es nicht gleichgültig, in welcher Weise man dem Einsturz nachhalf. Holzkeile, wenn man solche verwandte, konnten in den Spalt von innen oder von aussen getrieben werden. Von aussen wäre es schwieriger gewesen, an der Mauer hinaufzugelangen. In jedem Falle brauchte man dazu eine lange Leiter. Glücklicherweise war er im Besitz einer solchen. Sie hing auf dem Hof an der Hauswand.
Aber ging es nicht auch ohne Leiter? Der Bauer erinnerte sich, wie er als grosser Junge, fast schon Mann, ganz unnützerweise an eben dieser Wand hinaufgeklettert war. War es nicht gar dasselbe Fenster, zu dem der Riss hinaufverlief? Was damals möglich gewesen war, sollte es heute unmöglich sein? War er schwächer geworden? Oder war der Mann weniger mutig, als der Jüngling gewesen war? Ja, damals war es wohl Übermut. Aber jetzt hatte es einen Sinn.
Die Wand war nicht glatt. Längst waren aller Putz und alle Glättung von ihr abgefallen. Sie hatte Vorsprünge und Löcher. Deutlich zeichneten sich noch die Stellen ab, an denen die Holzteile des Baues ihre Verbindung mit der Mauer gehabt hatten. Wer gut Klettern konnte, der kam wohl, wenn auch nicht ohne Mühe und Gefahr, an der Wand hoch, wenigstens ein Stück weit.
Da war das Ebereschenbäumchen. An dieses konnte man sich halten. An seinem Ansatz hatte der Stamm etwa die Dicke eines Handgelenks. Er strebte mit einer Biegung nach oben und trug ein buschiges Krönchen aus Laub, daran die Beeren noch nicht reif waren. Wenn sie sich röteten, würden die Vögel kommen, sich den Leckerbissen holen. Man konnte sich wundern, wie aus so sprödem Boden die Pflanze die Kraft zu so stattlichem Wuchse zog.
Читать дальше