Der Bauer ruderte. Über den Fluss hinüberzurudern, war ihm nichts Ungewohntes. Als Flussbauer war er natürlich auch Fischer. Einträglich war die Fischerei nicht. Dazu lagen die Städte mit ihren Märkten als Abnehmer zu weit. Doch für den eigenen Tisch hatte er schon manchen schönen Fisch aus dem Fluss geholt. An seinem Ufer hatte er ja auch die Berechtigung dazu. Die Berechtigung galt bis zur Mitte des Flusses.
Aber auf einem so breiten, noch dazu strömenden Wasser, konnte man da wohl immer vom Boot aus genau bestimmen, wo die Mitte sei? Und war denn das auch wichtig? So ein Hecht, wie man ihn gerne fing, der war ja kein angebundenes Haustier, das seinen Stall kennt. Der schwamm her und hin, wie es ihm gerade einfiel. Da nahm er vielleicht den Köder auf der Wezrumbaschen Seite an und zog mit der Schnur auf die Seite des Staates hinüber. Oder er machte es umgekehrt. Dem Hecht war das einerlei und dem fischenden Bauern auch. Und darum hatte er sich schon manchesmal unvermerkt und sachte bis zum anderen Ufer hinübergefischt, war dort wohl auch ans Land gestiegen, um auf dem Trockenen seine Schnüre zu ordnen. Zur Burgruine war er dann aber nicht gegangen. Wozu sich den steilen Hang hinaufbemühen, wenn man dort oben doch nichts zu suchen hatte! — Jetzt aber hatte er dort etwas zu suchen, vielmehr er wollte sich’s ansehen, wie das mit den Steinen wäre, dass man sie sich im Winter holen könnte.
Während des Ruderns, das seine Aufmerksamkeit weiter nicht in Anspruch nahm, überkam ihn eine Kindheitserinnerung. Sie drängte sich ihm ungerufen auf. — Wie ja so manchesmal eine Erinnerung uns plötzlich wieder wach und lebendig wird, ohne dass wir müssten woher und warum gerade in dem Augenblick. — Er sah sich als kleinen Jungen zu Füssen der Grossmutter sitzen, die ihm Märchen erzählte. Aber für die Erzählerin selbst waren es keine Märchen, sondern lauter wahre Geschichten. So hatte sie ihm auch die Sage vom grauen Reiter erzählt und war fest überzeugt davon gewesen, dass alles sich genau so zugetragen habe, wie sie es von ihrer Grossmutter, und die wohl auch schon von der ihren hatte erzählen hören.
„Er ist grau wie der Nebel“, hatte die Grossmutter gesagt, wie der Nebel, wenn er so dick über dem Fluss liegt, dass man das andere Ufer nicht sieht. Auch das Pferd ist grau. Man kann ihm auch auf dem Fluss begegnen, aber natürlich nur im Winter, auf dem Eise. Öfters zeigt er sich oben bei der Burg. Er ist einer von den Rittern gewesen, die dort gewohnt haben. Im Fluss ist er ertrunken. Er ist grau wie der Nebel, auch das Pferd ist grau. Nur das Gesicht und die Hände sind weiss.“
Die Grossmutter hatte dann noch eine lange Geschichte von dem Ritter erzählt. Der Bauer erinnerte sich der Einzelheiten nicht mehr genau. Der Ritter war vor etwas gewarnt worden. War es, dass er die Burg zu einer bestimmten Zeit nicht hätte verlassen dürfen oder, nachdem er daraus fortgeritten, nicht zu ihr hätte zurückkehren sollen? Oder war er im Frühjahr über das Eis geritten, als es schon unsicher war? Oder war nicht auch von einem Liebchen die Rede gewesen, das der Ritter nicht hätte zu sich nehmen sollen, und er hatte sie doch auf die Burg gebracht? Wonach denn ein grosses Unglück entstanden war, nicht nur für ihn und für das Liebchen, sondern für alle seine Leute und für das ganze Land. — Die Grossmutter hatte viele Märchen und Sagen erzählt, und der Bauer brachte sie in der Erinnerung durcheinander. Nur dessen entsann er sich noch genau, dass die Grossmutter gesagt hatte: „Er ist ein Warner. Wer etwas vor hat, und ihm erscheint der graue Reiter, der soll von seinem Vorhaben lassen. Er hat selber nicht auf Warnungen gehört. Nun warnt er andere. Er sagt nichts, er ruft nichts, er winkt nur mit der Hand. Dann weiss man schon, was es bedeutet.“ Und sie hatte Beispiele berichtet von solchen, denen der graue Reiter erschienen war, und sie hatten auf seine Warnung gehört, und von anderen, die hatten nicht darauf gehört, und dann war jedesmal ein grosses Unglück daraus entstanden, für sie selber und auch für andere.
Der kleine Junge hatte es der Grossmutter nicht geglaubt. Er hatte sie ausgelacht. Bei der nächsten Gelegenheit aber, als der Vater ihn wieder zum Angeln mitnahm, war er doch noch einmal zur Ruine hinaufgelaufen und hatte gewartet, ob ihm der graue Reiter erscheinen wollte. Er hatte, da nichts kam, zu rufen angefangen: „Grauer Reiter! Grauer Reiter!“ Der war ihm aber nicht erschienen. Da hatte er nachher der Grossmutter gesagt, dass sie lügt. Die Grossmutter hatte dazu nur milde mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: „Ich weiss, was ich weiss. Du bist ein Dickkopf und hörst schon jetzt auf keine Warnungen. Ich habe dich vor der Katze gewarnt, als sie Junge hatte, und sie hat dich doch gekratzt, weil du sie nicht in Ruhe liessest. Möge also der graue Reiter dir nie erscheinen, denn du würdest auch auf seine Warnungen nicht hören. — Geh und hole mir die Milch aus dem Keller!“ — Das hatte er folgsam getan. Denn die Milch war ja auch für ihn.
Der Erinnerung nachlächelnd, hatte der Bauer nicht bemerkt, wie er sich von der Strömung hatte abtreiben lassen. Er musste mit dem Rudern tüchtig aufholen, um nicht zu weit unterhalb der Burg zu landen. An geeigneter Stelle liess er das Boot im Flachen auflaufen und befestigte es im Schilf, dass es nicht mit der Strömung davonschwamm. Er stieg an Land und suchte nach dem Pfade, der zur Burg hinaufführte. Am ebenen Uferstreifen unterhalb des steilen Hangs lagen Steine. Sie mussten von der Burg herabgekollert sein. So weit wirkte sich ihr Verfall aus, bis ans Wasser. Der Pfad war als solcher kaum mehr zu erkennen, so sehr war er zugewachsen. Einstmals mochte es ein, wenn auch steiler, doch gangbarer Weg von der Burg herab zum Fluss gewesen sein. Aber längst hatten Strauch und Kraut und Baumgeäst sich über ihm geschlossen. Auch war wohl schon lange niemand mehr hier gegangen. Im Gras und auf dem Sande des Ufers zeigte sich nichts, das der Spur eines Menschen geglichen hätte. Nur ein Reh hatte den feinen Spalthuf im feuchten Schlamm abgedrückt.
Der Bauer fand den Pfad. Er klomm durch das Dickicht aufwärts. Oben angelangt, brauchte er eine Weile, um sich zurechtzufinden. So anders sah alles aus, als er es in der Erinnerung hatte. Früher hatten um die Burg nur wenige alte Bäume gestanden, zwischen ihren Stämmen den Blick nach allen Seiten freigebend. Jetzt war alles rundherum zugewachsen von jungem Baumvolk, das keck bis in das Innere der Burg vorgedrungen war. Selbst vor den noch aufrecht stehenden Resten des alten Baus hatte das junge Wachstum nicht Halt gemacht. Einzelne Bäumchen hatten kühn begonnen, Turm und Wand zu erklimmen, als sei das Mauerwerk auch nichts anderes als ein Stück Erde, darauf sich’s wachsen liess. Es lagen auch nirgends mehr Steinhaufen offen zutage. Gras und Disteln deckten sie zu, rankige, stachliche Sträucher hatten sie übersponnen. Schon lange schien niemand mehr Steine von hier geholt zu haben.
„Da müsste man ja erst ein Stück Wald roden, um an die Steine heranzukommen“, sagte sich der Bauer. Es war eine Mühe, mit der er nicht gerechnet hatte. Er trat dicht an die aufrechtstehende Mauer heran, dass er von unten an ihr hinaufsah. Ja, er erkannte sie wieder, nur dass seitlich ein Stück von ihr fehlte, mit dem vierten Fenster darin. An den drei noch vorhandenen hatte sich nichts geändert. Sie schlossen sich jedes nach oben in dem spitzen Bogen, der an die Fenster einer Kirche denken liess. In der Kirche, die der Bauer kannte, hing über dem Altar ein Bild, darauf war eine Frau dargestellt, die ihre Hände betend zusammenhielt. Wie sich ihre Fingerspitzen berührten, das machte denselben spitzgerundeten Bogen wie die Fenster mit ihrem Abschluss nach oben. — „Betende Fenster“, dachte der Bauer.
An der geringeren Verwitterung des Gesteins war die jüngste Abbruchstelle noch deutlich zu erkennen. Sie verlief fast senkrecht. Sonst nicht wahrnehmbare Verlagerungen oder Senkungen des Grundes, auf dem die Burg stand, mochten Ursache dafür gewesen sein, dass der Abbruch in dieser Weise erfolgt war. Das Mauerstück war nach innen gefallen, wie sich an dem gleichfalls schon überwucherten Steinhaufen feststellen liess, der dort lag. Überhaupt hatte sich der Einsturz der Ruine bisher in der Weise vollzogen, dass das meiste davon nach innen gefallen oder in sich zusammengesunken war. Anders, verhielt es sich mit den Steinen, die unten am Fluss lagen. Die waren nach aussen gefallen und den steilen Hang hinuntergerollt. Da lagen sie nun am Wasser, wo das Ufer unter dem Hang eben und flach war. Hochwasser und Eisgang konnten über sie hingehen. Hochwasser und Eisgang hatten auch an dem Hang geschürft und ihn unterhöhlt. Aber wenn kein Hochwasser war, lagen die Steine frei.
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