Aber das halbe Dach vom Stall, das war Schaden genug, und noch nicht der schlimmste. Denn der schlimmere wurde durch ihn erst aufgedeckt.
Wie sahen die Holzwände innen aus! Atem und Dampf der Tiere hatten sie Jahrzehnte lang nass erhalten. Das Holz fasste sich an wie Schwamm. Man konnte die Finger hineindrücken. — Hatte der Bauer das nicht gewusst? Jetzt, da in den sonst nur mangelhaft erhellten Raum durch das Loch in der Decke der Himmel hereinleuchtete, war es nicht möglich, zu übersehen, dass der Stall baufällig war, der ganze Stall. Ein neues Dach auf solche Wände zu setzen, erschien nutzlos.
Der Bauer murrte: „Wäre nur gleich der ganze Stall davongeflogen!“
„Aber die Tiere“, wandte die Bäuerin ein. „Welch ein Glück, dass uns kein Tier dabei umgekommen ist! Bis auf die alte Gans, nun ja, es ist schade um sie. Aber sogar das weisse Hühnchen, um welches Grieting geweint hat, weil wir es vermissten, ist wieder da.“
„Wenn man ein Bein bricht“, erwiderte darauf der Bauer, „so kann man es wohl ein Glück nennen, dass man nicht beide Beine gebrochen hat. Ich nenne es aber ein Unglück, wenn ich sehen muss, wie der ganze Stall nichts mehr taugt. Wo soll denn ein neuer herkommen? Kannst du mir das sagen?“
Das kann ich dir sagen“, antwortete die Bäuerin. Sie legte ihm den Arm tröstend um die Schultern. „Hast du nicht selber schon davon gesprochen, dass der Stall einmal neu gebaut werden müsste?“
„Aber doch nicht in diesem Jahr. Es ist zu spät, damit anzufangen.“ — Er griff sich ratlos ins Haar und kratzte sich den Kopf.
„Mann“, sagte die Frau, „du bist klug, du bist stark, du bist fleissig. Und du hast Ansis zum Gehilfen. Ich sehe euch beide schon, wie ihr zusammen den neuen Stall baut. Der wird schöner werden als der alte.“
Mit Ansis zusammen — das war ein Gedanke, dem sich Freude abgewinnen liess. — „Ich will mir’s in Ruhe überlegen“, sagte der Bauer.
Ansis als der älteste Sohn war dem Vater das wichtigste seiner Kinder. Zählte er sie an den Fingern her, so brauchte er für fünf von ihnen, mit Milda angefangen, die linke Hand. Aber für Ansis hielt er den Daumen der rechten hoch. Die anderen waren am Baum der Familie die Asttriebe. Ansis war der Stammtrieb.
Auch sollte ja Ansis einmal den Hof erben, also derjenige sein, der den Namen des Hofes wie der Familie zusammenhielt. Ob der Hof nach der Familie oder die Familie nach dem Hof, den sie besass, hiess, hätte niemand zu sagen gewusst. Die Sippe war über das Land verbreitet. Man wusste von einander nicht mehr, als sich aus nächster Verwandtschaft ergab. Mochte zu einer Zeit, da die Familiennamen verteilt wurden, ein Erzvater des Geschlechts den seinen sonstwoher bekommen oder sich nach der Scholle, auf der es sass, genannt haben, in jedem Falle gehörten sie, soweit sich zurückdenken liess, zusammen: die Wezrumbas und ihr Hof. — Wezrumba — mit einem solchen Namen konnten sie wohl zufrieden sein, und sie waren es.
Es hätten sich in ihrer Familiengeschichte, wenn jemand ihr hätte nachforschen wollen, unter Glück und Unglück, die ja beide nicht ausbleiben können, von letzterem sicherlich auch solche Fälle nachweisen lassen, die dem von dem Wirbelwinde angerichteten Schaden mehr oder weniger ähnlich gesehen hätten. Und wahrscheinlich haben sich bei solchen Gelegenheiten die davon betroffenen Männer genau in derselben Weise den Kopf gekratzt, wie es Karlis Wezrumba, Träger der Stammlinie, angesichts seines zerfledderten Stalldaches tat. Und wenn die Frauen dabei waren, haben sie ihnen Mut zugesprochen, genau wie Frau Anne. Wie denn überhaupt anzunehmen ist, dass die Wezrumbas von Urzeiten her ihre Abstammungsähnlichkeit nicht verleugnet haben.
Hinter der Stirnlocke aber des Urahns muss ein Gedanke gewohnt haben, wie ihn nicht jeder Stammvater gedacht hat: Ur-Wezrumba hat etwas im Geiste erschaut, das hat er wie einen Segen und eine Verheissung für das ganze Geschlecht vorausgesehen, gedacht und vielleicht auch ausgesprochen: Es soll einmal zu irgendeiner Zeit, in der es schon sehr viele Wezrumbas geben wird, unter ihnen einer sein, der soll in sich vereinigen alle Tugenden seiner Vorfahren unter Weglassung aller ihrer Untugenden.
Das war Ansis, wie der Vater ihn sah: Der leibhaft Wirklichkeit gewordene Gedanke Ur-Wezrumbas.
„Du verziehst ihn“, sagte zuweilen die Mutter.
„Was ist an Ansis zu erziehen?“ pflegte darauf der Vater zu erwidern.
Siebenmal schon hatte die Bäuerin dem Manne zu dem Glück verholfen, Vater zu werden. Nur leider war das Jüngste — ein Mädchen war es und sollte Welta heissen — noch im zarten Säuglingsalter gestorben. Der liebe Gott hatte das Engelchen wieder zu sich genommen. Aber wenn er wollte, so konnte er ja die Zahl sieben wieder herstellen, indem er den heranwachsenden Geschwistern noch einmal so ein Kleines zugesellte. Mit dem Heranwachsen ging es ja sonst zu schnell. Milda mit ihren achtzehn Jahren war ohne Zweifel schon heiratsfähig. Das konnte man freilich von Ansis, der erst im siebzehnten stand, noch nicht sagen. Aber wie Milda die Magd, so ersetzte er, kräftig entwickelt, vollauf schon den Knecht. Gerwiss, es war vorteilhaft, schon so grosse Kinder zu haben, die in der Wirtschaft tüchtig halfen. Auch Attis, der Vierzehnjährige, obwohl noch ein rechter Lümmel, war schon zu vielem zu gebrauchen. Tischler wollte er werden. Den Verstand und das Geschick hatte er dazu, und die Lehre würde ihm gut tun. Von Grieting, dem schmächtigen Ding, war nicht viel zu verlangen. Sie fütterte die Hühner. Man musste ja die Kinder so nehmen, wie Gott sie gab, und weniger geliebt war darum Grieting auch beim Vater nicht. Blieben als die beiden Jüngsten noch Mikelis und Maris, von Fremderen stets für Zwillinge gehalten, obwohl sie mit neun und zehn ein ordentliches Jahr auseinander waren. Auch sie assen schon ihr Brot am Tische der Eltern nicht umsonst: sie hatten das Vieh auf die Weide zu treiben und zu hüten, dass es nicht hinginge, wo es nicht sollte. Im Winter freilich schieden sie als nützliche Familienmitglieder aus, denn dann mussten sie zur Schule. Aber das alles ging dem Bauern zu schnell, und darum wünschte er, es träte noch einmal die Notwendigkeit an ihn heran, die Wiege vom Dachboden herunterzuholen, wo sie, seit das Engelchen aus ihr fortgeflogen war, in leerem Dasein verstaubte.
Und schliesslich brauchte es ja bei Sieben auch noch nicht sein Bewenden zu haben. Aber selbst wenn die Finger beider Hände zum Herzählen nicht mehr ausreichen sollten, so würde doch immer der Daumen der rechten Hand dem Ansis vorbehalten bleiben. Ansis war ja nicht nur der Daumen, er war — so sprach der Vater es einmal aus — seine ganze rechte Hand. Und darum hatte die Frau genau das Richtige damit getroffen, dass sie dem Manne, als dieser mutlos werden wollte, den Namen desjenigen vors Ohr sprach, der ihm Sohn und Gehilfe war, und mehr als beides: eine Verheissung.
So dauerte denn auch sein Überlegen nicht lange. — „In diesem Jahre wird das nicht mehr“, sagte er. „Wo nehme ich trockenes Holz her? Es muss im Winter geschlagen sein. Wir werden ein Notdach machen. Den einen Winter hält es das Vieh wohl noch in dem alten Stall aus. Aber vom nächsten Frühjahr an — — Frau, ich danke dir, dass du mir wieder Mut gemacht hast.“ — Er spuckte zum Zeichen seines wiedergewonnenen Mutes in die Hände, als wollte er gleich ein Werkzeug anpacken.
„Nun ich sehe schon“, sagte die Frau, „ein Dach hat uns der Wirbelwind zerblasen. Aber da drunter“ — sie griff dem Mann in die Stirnlocke — „hat er noch keinen Schaden angerichtet. Und darum wird auch alles wieder gut.“
„Ja, das wird es“, sagte der Mann.
Sie blickten sich vergnügt in die Gesichter, und keines von ihnen erschien dem anderen gealtert.
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