Die große missiologische Veränderung im ausgehenden 20. Jahrhundert bestand in hermeneutischer Hinsicht darin, dass Mission nicht mehr nur vom Missionsbefehl her begründet wurde, sondern von der gesamten Bibel her . Die missiologische Basis wurde sozusagen erweitert. Es gab nicht mehr nur einzelne Bibelstellen, welche eine Begründung für die Mission liefern, sondern die ganze Bibel wurde missiologisch gedeutet. Die traditionelle Mission wurde hinterfragt und kritisiert. Dies geschah nicht aus mangelndem Interesse an der Mission. Im Gegenteil: Man nahm die Brille des Kolonialismus ab und versuchte Kirche und Mission von der Bibel her neu zu definieren. Konkret waren es drei Neuerungen, die einen hermeneutischen Paradigmenwechsel herbeiführten, der bedeutende Veränderungen in der Missionstheorie zur Folge hat.
Die erste Neuerung, die zu einem veränderten Missionsverständnis geführt hat, bestand darin, dass der Kontext in den Erkenntnisprozess einbezogen wurde . In der Solidarität mit den Armen erkannte man, dass es keine neutrale Auslegung der Bibel gibt und dass dort die Botschaft des Evangeliums am klarsten erkannt wird, wo Auslegung und Dienst am Nächsten Hand in Hand gehen. Es entstand eine Hermeneutik der Betroffenheit, die ihr Zentrum nicht in der akademischen Disziplin hat, sondern im Dienst am Mitmenschen. Es setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass der Kontext (die Situation) in dem sich der Ausleger oder Missionar befindet, sein Verständnis der Bibel beeinflusst. Damit aber war das Ende einer neutralen und objektiven westlichen Leseart der Bibel besiegelt.
Die zweite Neuerung, die Anstoß zu einem veränderten Missionsverständnis gab war, dass Mission nicht mehr nur vom Tod und der Auferstehung Jesu aus begründet wurde, sondern von seinem Gesamtwerk her . Nicht mehr nur das Leiden und Sterben von Jesus und seine Auferstehung wurden als Grundlage der Mission begriffen, sondern ebenso seine Menschwerdung und damit seine Identifikation mit den Leidenden. Die Stellung Jesu zu den Sündern und den Armen und seine Konfrontation mit den Mächtigen wurden zu wichtigen Grundlagen für die Art und Weise wie Mission geschehen soll. Es kam zu nichts weniger als einer veränderten Christologie (Lehre von Christus). Die evangelikale Christologie des Westens besteht im Wesentlichen darin, dass Jesus geboren wurde, um zu sterben. Das ist natürlich richtig, aber es ist nicht einmal die halbe Geschichte. Jesus kam um ein Leben zu leben, das seine Nachfolger nachahmen sollen. Wenn das Gesamtwerk Jesu Mission definiert, dann muss Mission einen konkreten Bezug zur Welt mit ihren Nöten haben. Sie darf sich nicht auf die Verkündigung beschränken, denn das hat Jesus auch nicht getan.
Die dritte Neuerung war der gewichtige Umstand, dass das Alte Testament als Missionsbegründung herangezogen wurde . Im Leben des alttestamentlichen Israel entdeckte man Elemente, die für eine Missionspraxis mit einem starken Weltbezug relevant sind. Israel erlebte nicht eine bloße geistliche Erlösung. Israels Erlösungwar, wie der Exodus zeigt, ebenso eine politische und gesellschaftliche Befreiung. Die Gesetze, die Jahwe seinem Volk gab, man denke an das Jubeljahr, waren darauf ausgerichtet, dass Israel volles Leben und umfassendes Heil erfahren konnte. Mit dem Blick auf das Alte Testament erkannte man, dass der Gott der Mission das Heilsein seiner ganzen Schöpfung will und dass Mission die Transformation (Umwandlung) der Strukturen (Gesetze, Gesellschaft, Staat) einschließen muss. Diese Erkenntnis wurde insbesondere in den 1980er Jahren auf die evangelikale Missionstheorie angewendet, wenn sie auch nicht ohne Widerspruch blieb.
Die skizzierten Veränderungen vollzogen sich fast ausschließlich unter den Evangelikalen der Zwei-Drittel-Welt. Dieser Umstand kann uns im Westen allein schon wegen des neuen Kräfteverhältnisses im weltweiten Christentum nicht gleichgültig sein. Während in Edinburgh von den 1400 Teilnehmern gerade einmal 17 Personen aus dem Süden kamen, befindet sich das Zentrum des erwecklichen Christentums heute in der südlichen Hemisphäre. Nachdem der Westen während Jahrhunderten seine Sicht des Evangeliums in die Welt exportierte (und dabei zweifellos auch viel Gutes bewirkte), ist es an der Zeit, dass wir im Westen auf unsere Brüder und Schwestern im Süden und im Osten hören. Sie haben in der Solidarität mit den Armen eine missiologische Sichtweise entwickelt, welche für unsere veränderte Welt mit ihren globalen Verwerfungen äußerst relevant ist.
Die angedeuteten kulturellen und hermeneutischen Veränderungen, haben seit den 1960er Jahren zu einer veränderten evangelikalen Missionstheorie geführt. Diese Veränderung kann in den Stichworten Evangelisation, soziale Verantwortung, Transformation und Inkarnation zusammengefasst werden. Sie beschreiben Stadien einer unumkehrbaren Entwicklung, die Anstoß zu einem Missionsverständnis gegeben haben, das auf der gesamten Botschaft der Bibel beruht.
Bis in die 1960er Jahre setzten die Evangelikalen Mission weitgehend mit Evangelisation gleich. Es gab zahlreiche soziale Tätigkeiten im Umfeld der Mission, aber dieser Einsatz wurde nicht als missionarische Verpflichtung verstanden, sondern der Pflicht der Nächstenliebe zugeordnet. Soziale Verantwortung wurde nicht in erster Linie als Aufgabe der Kirche und der Mission gesehen, sondern als individuelle Pflicht einzelner Christen.
Die Evangelisation wurde als die vorrangige Aufgabe der Kirche verstanden. Es gab noch keine theologische Integration der sozialen Verpflichtung in den Missionsauftrag. Man befand sich im Grunde genommen immer noch auf dem Terrain von Edinburgh, wo Mission als Verkündigung im Vordergrund stand. So sagte Billy Graham an einem Kongress über Evangelisation in Berlin 1966, dass die soziale Verantwortung unter anderem deshalb wichtig sei, weil sie eine Brücke zur Evangelisation bildet (Johnston 1984, 162–163). Die soziale Verantwortung besaß, wie diese Aussage von Billy Graham zeigt, zu jenem Zeitpunkt keine eigenständige missionarische Legitimation. Mission wurde als die verbale Verkündigung der Heilstatsache von Golgata und dem Ruf zum Glauben definiert und diese Aufgabe wurde als das einzige Ziel der Mission betrachtet.
Zweifellos war es wichtig, dass sich die Evangelikalen zur Evangelisation bekannten und darauf bestanden, dass das Heil einzig in Christus zu finden ist. In den ökumenischen Theologien war dieses Ziel zu jenem Zeitpunkt weitgehend aufgegeben worden, und den sozialen Aufgaben wurde vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. Wenige Jahre vor Berlin hatte die ökumenische Bewegung eine Humanisierung und Politisierung des Heilsbegriffs eingeleitet. Von diesem Umstand her waren die Ängste der Evangelikalen vor der Preisgabe der Mission als Evangelisation verständlich. Die Veränderungen in der ökumenischen Missionstheologie und das Bewusstsein weltweiter sozialer Nöte blieben dennoch nicht ohne Auswirkungen auf die Evangelikalen und ihr Missionsverständnis.
Mitte der 1960er Jahre erwachte das soziale Gewissen der Evangelikalen wieder, das in der frühen evangelikalen Bewegung des 18. und 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle gespielt hatte. In jene Zeit fiel, zusammen mit großen evangelistischen Bemühungen, eine intensive soziale Tätigkeit der Evangelikalen (Tidball 1999, 261–267). Dabei spielten so bekannte Namen wie John Wesley, William Wilberforce, Charles Finney und Jonathan Edwards eine wichtige Rolle. Sie alle hatten ein traditionelles Evangelisationsverständnis, gleichzeitig war die soziale Betätigung, bis hin zum politischen Einsatz einzelner, ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Die soziale Tätigkeit kam auch auf struktureller Ebene zum Ausdruck. So hatte die Evangelische Allianz, die 1846 in London gegründet wurde, von Anfang an eine soziale Agenda. Sie wurde namentlich auch deshalb gegründet, um für das Recht auf Religionsfreiheit auch für die Angehörigen anderer Religionen einzutreten (Randall und Hilborn 2001, 45–70).
Читать дальше