»Obwohl das mir zugeleitete Zeugnis über meine dreizehnjährige Tätigkeit am Institut nicht den gesetzlichen Erfordernissen entspricht, die ich zu stellen berechtigt bin und ich mir deshalb das Recht einer neuen Zeugnisanforderung ausdrücklich vorbehalte, kann ich mich nicht entschließen, dieses mir von Ihnen ausgestellte sogenannte Zeugnis zu vernichten oder wieder zurückzugeben. Zwar dokumentiert dieses nicht meine Leistung, sondern lediglich einen Charakter, aber nach dieser Richtung stellt es ein umso bemerkenswerteres Dokument dar, weil es zeigt, bis zu welchem Grad Verblendung, Eifersucht, Mißgunst und Mißtrauen führen können …
Seien Sie gewiss, daß ich glücklicher wäre, wenn Sie mir den Glauben und die Verehrung für Ihre Person nicht so gründlich geraubt hätten, daß ich dort, wo ich Größe wähnte, heute nur noch menschliche Kleinheit und Unzulänglichkeit erblicken kann. Ich muß deshalb noch einmal feststellen, daß nicht ich Ihnen, sondern Sie mir die Treue gebrochen haben … Mit Schaudern fühlte ich Ihren Haß, wenn Sie im Frühjahr 1941 feststellen zu können glaubten, daß ich an der Verschlechterung der Wirtschaftlichkeit des Instituts Schuld trage, obwohl Ihnen bei einigermaßen klarem Erkenntnisvermögen das Groteske dieses Vorwurfs hätte zum Bewußtsein kommen müssen. Ich kann zur Wahrung meiner Ehre nicht darauf verzichten, diese Behauptung als eine bewußte Verleumdung zu charakterisieren, weil Ihnen oft genug die tatsächlichen Gründe für die Notwendigkeit einer immer noch beträchtlichen Zuschußleistung seitens der Stiftungsverwaltung vor Augen geführt worden sind. Seien Sie sich dessen bewußt, daß sich jede Kränkung und Verleumdung mir in die Seele brannte, weil ich mich stets schuldlos und ehrlich fühlen konnte. Ich werde wohl stark genug sein, diese schwere, ja größte Enttäuschung meines Lebens zu überwinden, aber vergessen werde ich sie niemals können. Das ist also das Fazit einer dreizehnjährigen Zusammenarbeit.«
Ob Wilhelm Vershofen diesen bitteren Abschiedsbrief, der ohne jede Abschiedsgrußformel geblieben war und lediglich Erhards Unterschrift trug, überhaupt gelesen hat, wissen wir nicht. Er hatte schon längst Anweisung gegeben, ihm Schreiben von Erhard nicht mehr vorzulegen. Eine unmittelbare Reaktion erfolgte jedenfalls nicht. Die beiden blieben geschiedene Leute, und alle Versuche von Dritten, nach dem Krieg in Bonn zu einer Aussöhnung beizutragen, scheiterten, weil der ansonsten friedfertige und wenig nachtragende, mittlerweile zum Wirtschaftsminister aufgestiegene Erhard dazu einfach nicht die Bereitschaft aufbrachte.
Auch mit der nationalsozialistischen Stadtverwaltung von Nürnberg hatte es sich Ludwig Erhard verscherzt. Als er sich nach Etablierung seines eigenen »Instituts für Industrieforschung« im Sommer 1943 um Aufträge aus dem Rüstungsministerium bemühte, wurde dies vom Nürnberger Oberbürgermeister Liebel in seiner Tätigkeit beim Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Albert Speer, vereitelt, nachdem ihm Bürgermeister Eickemeyer, der von Erhards entsprechenden Bemühungen gehört hatte, eingedenk der zurückliegenden heftigen Auseinandersetzungen am 5. Juni geschrieben hatte: »Ich glaube nicht, daß Dr. Erhard, der jetzt nicht mehr Exponent eines wissenschaftlichen Instituts, sondern reiner Privatunternehmer ist und dessen Verflechtungen und Verfilzungen mit allen möglichen privaten Wirtschaftskreisen nicht durchschaut werden können, besondere Eignung dafür besitzt, von Ihrem Ministerium mit derartigen Aufträgen bedacht zu werden.«
Auf die Unterstützung der überzeugten Nürnberger Nationalsozialisten Liebel und Eickemeyer konnte Erhard also nicht mehr zählen. Seinen entscheidenden Rückhalt bildeten jetzt tatsächlich nicht braune Netzwerke und Seilschaften von Parteigenossen und -bonzen, sondern das, was Eickemeyer abschätzig »Verflechtungen und Verfilzungen« mit privaten Wirtschaftskreisen genannt hatte. Das sollte Erhard aber nicht davon abhalten, nach dem Krieg im Entnazifizierungsverfahren von Eickemeyer diesem ein durchaus wohlwollendes Zeugnis in seinem erbetenen »Persilschein« auszustellen und dadurch mit dazu beizutragen, dass aus einem »Hauptschuldigen« ein »Mitläufer« wurde. Allerdings nutzte der Streit nach Kriegsende auch ihm selbst, denn er belegte seine Bereitschaft, sich unerschrocken mit lokalen NS-Größen anzulegen – auch wenn es dabei nicht um politische Differenzen gegangen war. Das aber hatten tatsächlich im Dritten Reich nur wenige gewagt.
ZWISCHEN GOERDELER UND OHLENDORF – EIN EIGENES INSTITUT UND NACHKRIEGSPLANUNGEN
Nach seinem Ausscheiden aus dem Vershofen-Institut galt es für Ludwig Erhard ab Herbst 1942 eine neue Position zu finden und aufzubauen – dabei wurden ihm jedoch, wie wir gesehen haben, manche Steine in den Weg gelegt. Glücklicherweise hatte ihm schon früh Karl Guth, der Ehemann seiner Schwester Rose und Hauptgeschäftsführer der Reichsgruppe Industrie (RI), seine Unterstützung und diejenige seiner Organisation signalisiert, die zu jener Zeit bereits darangehen wollte, in kleinen Arbeitsgruppen über die zu erwartenden Nachkriegsprobleme forschen zu lassen. Das war nicht ungefährlich, weil mit Führererlass vom 25. Januar 1942 jegliche Nachkriegsplanung untersagt worden war. Über Karl Guth waren Erhard wohl schon unmittelbar, nachdem sich sein rüder Abschied von Vershofen abgezeichnet hatte, die Mittel für ein eigenes kleines »Institut für Industrieforschung« in Aussicht gestellt worden. Deshalb begann er schon im Sommer, Mitarbeiter an- und von Vershofen abzuwerben.
Entsprechend stellte Erhard auch schon Forschungsfragen zusammen, die seiner Ansicht nach unbedingt bearbeitet werden sollten. In dem Band von Horst Friedrich Wünsche über Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft ist das mehrseitige Arbeitsprogramm vollständig abgedruckt. Ganz oben auf seiner Liste stand die Ermittlung der materiellen Grundvoraussetzungen, die bei Kriegsende zu erwarten wären, also die genaue Erfassung des Zustands der deutschen Wirtschaft und der geld- und währungspolitischen Situation, speziell der nationalsozialistischen Kriegsfinanzierung verbunden mit der Suche nach Möglichkeiten, die angehäuften immensen Schulden zu konsolidieren. Um das tun zu können, waren die Sammlung aller verfügbaren Daten und ein klarer Blick zu ihrer Bewertung erforderlich. Was die Inflation anging, verdeckte und tarnte der staatlich angeordnete gesetzliche Preis- und Mietenstopp ihr tatsächliches Ausmaß. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte kein Konzept existiert, um die ökonomischen und vor allem auch monetären Konditionen des geschlagenen und hoch verschuldeten Reichs zu erfassen und die Reparationen auf eine tragfähige Grundlage zu stellen. Eine fatale Folge war damals die Hyperinflation gewesen. Das sollte sich nicht wiederholen.
Erhard besprach das alles nicht nur mit seinem Schwager, sondern schickte seine Liste, verbunden mit der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung, an Wilhelm Zangen von den Mannesmann-Röhren-Werken, dem Leiter der Reichsgruppe Industrie, und dessen Stellvertreter Rudolf Stahl vom Salzdetfurth-Konzern. Die Reaktionen sollten vielversprechend ausfallen. Allerdings dauerte es, bis die Mittel tatsächlich fließen konnten. Erst im November wurde auf Vorschlag von Hermann von Siemens, der Erhards Forschungspläne kannte, vorgeschlagen, im Rahmen der Reichsgruppe eine »Fördergemeinschaft der deutschen Industrie« zu gründen und für diese Mittel einzusammeln. Die Fördergemeinschaft wurde auch gegründet – und sagte im Mai 1943 Erhard finanzielle Unterstützung aus dem Spendenaufkommen für drei Jahre zu, wobei ihm jährlich 150 000 Reichsmark zur Verfügung gestellt werden sollten.
Sein »Institut für Industrieforschung«, die Mutter des späteren Ifo-Institutes, hatte Ludwig Erhard samt Außenstelle in Berlin schon Ende 1942 in Nürnberg gegründet, und es wird auch schon zum Jahreswechsel seine Arbeit aufgenommen haben, vermutlich mithilfe einer Anschubfinanzierung von 30 000 Reichsmark durch die Reichsgruppe und den Einnahmen für die noch weiter laufende Beratertätigkeit in Lothringen. Schließlich mussten und sollten Mitarbeiter wie Holthaus und Kerschbaum bezahlt werden. 1
Читать дальше