Auch wenn es am Ende zu keinem Urteilsspruch kommen sollte, hinterließen die juristischen Auseinandersetzungen doch eine Fülle informativer Aktenspuren im Archiv der Stadt Nürnberg, auf die wir uns heute stützen können und in denen die Konflikte im Institut wie in einem Brennglas gebündelt aufscheinen. Am Ende des ausführlichen Schriftsatzes seines Fürther Anwalts Dr. Ernst Escher vom 28. Juni 1943 stand ein pathetisches Zitat Ludwig Erhards, mit dem er selbst das ihm verliehene EK II instrumentalisierte, um das Gericht für seine Sache einzunehmen: »Es ist mir unerträglich mit einem solchen Makel behaftet zu sein und ich müßte mich als unwürdig erklären, das mir nach meinem Ausscheiden verliehene Kriegsverdienstkreuz zu tragen, wenn ich mich während des Krieges tatsächlich als Störenfried betätigt hätte.« 11
Bemerkenswert ist in diesem Kontext, dass Erhard sowohl seinem Gegner Rollwagen wie auch dem Gericht gegenüber relativ offen vom besonderen Gemeinschaftsgeist des Instituts sprach, der unter dem Eindruck der Eingriffe vonseiten der nationalsozialistischen städtischen Kontrollbehörde – also durch Liebel, Eickemeyer, Rollwagen – immer schwächer geworden sei. So schreibt er am 12. Oktober 1942 an Rollwagen, »der Geist, den die Mitarbeiter des Instituts vor Einführung der Stiftungsverwaltung verkörperten, und der sie damit vor der durch Sie und Ihre Organe ›kontrollierten‹ Ordnung verband, war der einer echten Gemeinschaft, die von hohem Idealismus beseelt, in freudiger Hingabe an eine Idee auf freizügigster Grundlage höchste Leistungen erzielte. Es mögen alle seit 1938 im Institut tätig gewesenen Mitarbeiter bezeugen, welche Erscheinungen und Personen nach ihrer Meinung die Schuld dafür tragen, daß dieser Geist immer mehr verlorenging. Ich jedenfalls habe dieses Votum am wenigsten zu fürchten … Deshalb stehe ich auch nicht an, Ihre Bemerkung (›ich sei ein Störenfried‹, D.K.) als Lüge und Verleumdung zu charakterisieren.«
Erhard war so verärgert, dass er ziemlich unvorsichtig ganz grundsätzlich den »freizügigen«, also »freiheitlichen« Geist des Instituts der »kontrollierten Ordnung« – sprich: Überwachung – durch die NS-Stadtverwaltung in Nürnberg gegenüberstellte, die auch nach der Amtsenthebung von Gauleiter Julius Streicher 1940 weiterhin zutiefst nationalsozialistisch geprägt war. Aber es ging auch um konkrete Vorgänge. Erhard erlebte während seiner Endphase im Institut die Zunahme des Überwachungsdrucks, wo Briefe und Äußerungen von ihm von Denunzianten sogleich den Aufsichtsstellen hinterbracht worden waren. Das spricht er in einem langen Schriftsatz vom 23. Dezember 1942 an die Amtsanwaltschaft Nürnberg in seiner »Strafsache 3 FLS 3669/42« erstaunlich offen, ja fast politisch naiv an, mit dem er sich gegen die von Rollwagen angestrengte Verurteilung wegen Beleidigung wehrt: »Die gesamte Geschäftsführende Leitung des Instituts vertrat den Standpunkt, daß eine wissenschaftliche Forschungseinrichtung nicht nach den Methoden einer städtischen Verwaltungsabteilung behandelt werden dürfe, und daß die Übertragung der dort vorherrschenden formalen Ordnung auf dieses Institut dessen Entwicklung hemmen müsse und in diesem Sinne verhängnisvoll sei. Alle Mitarbeiter des Instituts empfanden die seitens der Stiftungsverwaltung, und soweit mir bekannt ist, vornehmlich durch Herrn Amtsdirektor Rollwagen verfügte Arbeitsüberwachung durch subalterne Verwaltungsorgane als eine Art Bespitzelung, die in hohem Masse geeignet war, die bis dahin bestehende soziale Harmonie zu zerstören …«
Vershofen wiederum hatte Erhard bereits ab dem Frühjahr 1942 als ganz heftigen Störenfried betrachtet. Auch von ihm war das eine oder andere Material in denunziatorischer Absicht an die städtische Aufsicht weitergeleitet worden. Vershofen war hintertragen worden, wie Erhard zum Gegenschlag ausholte. Diese im Institut kursierenden Gerüchte wurden dem im Allgäu Weilenden unverzüglich hinterbracht und empörten ihn zutiefst, weil sie die Substanz der von ihm geschaffenen Einrichtung ganz unmittelbar zu bedrohen begannen. Ludwig Erhard suchte nach einer neuen Aufgabe und Führungsposition. Das bedeutete diverse Sondierungen, etwa bei dem mit der GfK vertraglich verbundenen Wiener Institut. Parallel dazu muss er aber auch schon den Plan verfolgt haben, ein eigenes Wirtschaftsforschungsinstitut zu eröffnen und damit der Nürnberger Einrichtung Konkurrenz zu machen. Aber das war es nicht, was Vershofen erboste, sondern die schlichte Tatsache, dass Erhard neben seiner Sekretärin Ella Muhr offenbar auch noch gleich eine ganze Reihe der besten Mitarbeiter abzuwerben und mitzunehmen trachtete: Dr. Gerhard Holthaus, Walter Hesse, der auf dem Außenposten in Metz weilte, Friedrich Halbmeyer und Dr. Albert Kerschbaum. Manpower mit wirtschaftlichem Sachverstand war in jenen Kriegszeiten schwer zu bekommen, ausscheidende Topleute mithin nur schwer zu ersetzen. Entsprechend zornig reagierte Vershofen – hinter den Kulissen. Am 27. Mai 1942 hatte er sich bei Amtsdirektor Rollwagen beschwert, der den an einer Gallenblasenentzündung laborierenden Eickemeyer als städtischen Stiftungsaufseher vertrat: »Herr Dr. Erhard hat neuerdings nach meiner letzten Anwesenheit in Nürnberg Mitarbeitern des Instituts wieder Angebote gemacht, in seine Dienste zu treten. Er hat ein Jahresgehalt von RM 10.000,– angeboten. Nachdem ich entsprechendes ›Benehmen‹ von Herrn Erhard schon früher gemeldet hatte, beweist dieses neue Vorgehen, daß er ganz zielbewußt darauf aus ist, die Arbeit des ganzen Instituts lahmzulegen.«
Aber es blieb nicht nur bei solchen Beschwerden. Vershofen riet beispielsweise dem Verband der Porzellanindustrie im Frühjahr 1942 wiederholt ab, Erhard in seinen Beirat zu berufen. An den Fabrikanten Ernst Heinrich schreibt er am 12. Mai, »Dr. Erhard hat meinen Anweisungen, die ich ihm als Vorgesetzter gegeben habe, verschiedentlich und in zum Teil höchst verhängnisvoller Weise nicht Folge geleistet … Dr. Erhard ist ein sehr begabter Mann von großer Arbeitskraft und Tüchtigkeit. Aber er huldigt einem Optimismus, der in vielen Fällen leider nicht von absolutem Leichtsinn zu unterscheiden ist. Die Folge davon war, daß es immer wieder zu Konflikten mit ihm gekommen ist …« Als Vershofen klar geworden ist, dass ein Teil der führenden Mitarbeiter wie die Doktoren Holthaus und Kerschbaum wohl tatsächlich zusammen mit Erhard sein Institut verlassen würden, legt er gegenüber dem gleichen Adressaten kurz darauf noch schärfer nach: »Von Herrn Dr. Erhard muß ich mich nunmehr vollständig distanzieren, derart, daß ich in Zukunft in keiner Weise, sei es mittelbar oder unmittelbar, mit ihm zu tun haben will. Der Grund ist der, daß er nun zum zweiten Mal den Versuch gemacht hat, mir einige der wichtigsten Mitarbeiter wegzuholen und damit die Arbeit meines Instituts lahmzulegen.« 12Dass der Verband Erhard dennoch in den Beirat berief und das Institut damit zugleich seinen ältesten Auftraggeber verlor, muss Vershofen mächtig gewurmt haben.
Der Kleinkrieg ging weiter. Weil Erhard im Institut Privatbriefe seiner Sekretärin Ella Muhr diktiert hatte, darunter auch seine Angebote an Mitarbeiter im Haus, die von einem Denunzianten an Vershofen und von diesem an die städtische Stiftungsaufsicht weitergereicht worden waren, wurde der armen Frau – sie sollte Erhard bis ins Bundeskanzleramt begleiten – am 11. Juli von Stiftungsverwalter Rollwagen verboten, »innerhalb der vorgeschriebenen Arbeitszeit und mit den sachlichen Einrichtungen des Instituts (Schreibmaschine, Schreibpapier usw.) irgendwelche Arbeiten für Herrn Dr. Erhard auszuführen. Jede Zuwiderhandlung gegen diese Anordnung würde die fristlose Entlassung nach sich ziehen.« Zeitgleich wurde Ludwig Erhard per Einschreiben untersagt, »sich für Ihre privaten Angelegenheiten irgendwelcher privater Einrichtungen des Instituts zu bedienen. Frau Muhr ist entsprechend angewiesen worden.« 13
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