Vershofens gewundener und verschachtelter Text endet mit einer Passage, die nahelegt, dass er wohl selbst unzufrieden war mit dem, was er geschrieben hatte und vielleicht durch Erhards Fragen auch hatte schreiben müssen: »Mir scheint es im übrigen in dieser schicksalsschweren Zeit doppelt überflüssig, daß wir uns gegenseitig immer wieder so lange Briefe schreiben, die doch zum Teil aneinander vorbei gehen. Ein richtiges Wort zur richtigen Zeit kann uns Arbeitskraft und Nerven sparen. Ich denke, so sollen wir es bis auf weiteres halten und uns des Wahns begeben, als ob wir die Zukunft in dem Augenblick vorausbestimmen können, wo es unser persönliches Interesse zu verlangen scheint.« Er endete nicht wie früher mit »besten« oder »herzlichen«, sondern lediglich kühl mit »kollegialen Grüssen«. 9
Tatsächlich beendete dieser Brief die Korrespondenz zwischen beiden. Ludwig Erhard wird nur noch einen einzigen persönlichen Brief an den Institutsleiter richten; für ihn war diese Entwicklung und Entscheidung von Vershofens ein schwerer Schlag. Vermutlich konnte er sich tatsächlich nicht vorstellen, dass Vershofen ausgerechnet ihn, der sich zweifelsohne mit ganzer Kraft dem Auf- und Ausbau des Instituts verschrieben hatte, tatsächlich nicht als Nachfolger einsetzen werde. Mit einem Mal war seine gesamte Zukunftsplanung abrupt über den Haufen geworfen. Er ist menschlich tief enttäuscht und verletzt. Und nimmt übel. Anders als bei Adenauer, wo der Bruch über Jahre hinweg gerade nach außen hin immer wieder notdürftig gekittet und verkleistert werden wird, ist das Tischtuch zwischen ihm und Vershofen rasch und nachhaltig zunächst intern und dann auch öffentlich sichtbar durchschnitten. Mit Schäfer war eine kollegiale Lösung nicht denkbar, so viel stand für Erhard schnell fest, und das muss auch Vershofen gewusst haben. Erhard hat wohl noch versucht, den Konkurrenten in einem Brief, der nicht erhalten geblieben ist, vom Wechsel von Leipzig nach Nürnberg abzuhalten. Und er suchte den in Nürnberg für die Stiftungsaufsicht verantwortlichen Bürgermeister Eickemeyer auf, erinnerte ihn an alte mündliche Zusagen bezüglich der Nachfolge, fragte vermutlich auch nach Gründen für die plötzlichen Vorbehalte gegen seine Bestellung. Seine Schritte wirkten wie ein Brandbeschleuniger, denn sie verkürzten den Entscheidungsprozess in den akademischen und städtischen Gremien.
An dieser Stelle kommt nun Luise Erhard ins Spiel. Sie erlebte die heftige Krise im Berufsleben ihres Ehemanns hautnah mit und versuchte sich als Feuerlöscherin. Für ihre stille Intervention wählte sie den Weg eines – nicht überlieferten – Briefes an die Frau von Professor Vershofen, weil sie völlig zu Recht fürchtete, dass das gute Verhältnis beider Ehemänner ebenso wie das enge Verhältnis der zwei Familien durch die Vorgänge irreparabel beschädigt werden würde. Naheliegenderweise reichte Frau Vershofen diesen Brief an ihren Mann weiter, sodass dieser am 11. März 1942 an Luise Erhard schrieb, justament, als die endgültige Entscheidung für die Berufung Schäfers in den zuständigen Gremien gerade gefallen war:
»Liebe Frau Erhard! … Den Anstoß zu der so verhältnismäßig plötzlichen Lösung gab ein Brief, den Ihr Herr Gemahl seinerzeit glaubte an Herrn Professor Schäfer schicken zu müssen und es dabei für nötig hielt, auch noch den Entwurf eines längeren Schreibens an die Stiftungsverwaltung beizufügen. Ein Entwurf, den er dann meines Wissens nicht abgeschickt hat, der aber höchst ungeschickt eine Reihe von Konsequenzen in Aussicht stellte, die von der Stiftungsverwaltung als Drohung angesehen und von Herrn Prof. Schäfer zum Anlaß genommen wurden, seine Absicht, nach Nürnberg zu kommen, einer Revision zu unterziehen. In diesem Stadium fühlte sich der Stiftungsverwalter in seiner Entscheidungsfreiheit getroffen und griff durch, indem er bestimmte, daß zu geschehen hätte, was inzwischen auch durch die Presse bekanntgeben worden ist … Die Lösung, wie sie die Stiftungsverwaltung herbeigeführt hat und herbeiführen mußte, kann mich persönlich auch nicht restlos befriedigen, bringt sie doch mit sich, daß ich eineinhalb Jahre früher als geplant aus der aktiven Leitung ausscheide. Wenn das auch bei meinem gegenwärtigen Gesundheitszustand als ein glücklicher Umstand zu bezeichnen wäre, so sind doch die Aufgaben, die dem Institut mit Kriegsende erwachsen, so einschneidende, daß ich lieber an ihnen noch entscheidend mitgewirkt hätte. Ich will Ihnen nicht vorenthalten, daß mir auch sonst Ihr Herr Gemahl, zumal seit dem vorigen Frühjahr, sehr viel Sorgen bereitet hat, obwohl mir von Zerwürfnissen nichts bewußt geworden ist, denn man kann die Nichtbeachtung von Anordnungen, die ich pflichtgemäß treffen mußte, kaum als Zerwürfnis bezeichnen. Dennoch habe ich, wenn ich mich selbst prüfe, keine persönliche Voreingenommenheit gegen ihn, die mich etwa seine positiven Qualitäten vergessen ließe und wäre selbst in diesem gegenwärtigen Stadium noch geneigt, mich mit ihm in eine Unterhaltung über eine Stellung in Wien einzulassen. Damit habe ich zugleich der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß sich die Angelegenheit auch nicht zu einem Zerwürfnis entwickeln möge.« 10
Vershofens Hoffnung erfüllte sich nicht. Ganz im Gegenteil. Es setzte ein mehrmonatiger Rosenkrieg ein, der absurd anmutende Weiterungen beinhaltete. In der Vereinbarung mit Eickemeyer zur Beendigung seines Dienstverhältnisses vom 26. März hatte man sich zwar noch einvernehmlich darauf verständigt, dass Ludwig Erhard auf juristische Schritte wie etwa eine Feststellungsklage gegen die Ernennung Schäfers – ein Verstoß gegen Treu und Glauben? – verzichten, zum 1. April 1942 aus der Geschäftsführung ausscheiden und das Institut Ende September mit Ablauf seines Dienstvertrags ganz verlassen würde. Zugleich, auch das war Teil der Abmachung, sollte er in den verbleibenden Sommermonaten noch an der Fertigstellung der Ostuntersuchung, der großen Analyse des Zigarettenmarkts sowie der von der Gauleitung Wien in Auftrag gegebenen Untersuchung des Bierkonsums in der Ostmark mitwirken. Zum Abschied wurde ihm zudem noch das Kriegsverdienstkreuz Zweiter Klasse, das EK II verliehen, vermutlich, um ihn zu besänftigen.
Doch das alles half nicht wirklich. Denn Erhard wurde nicht müde, mit der Entscheidung zu hadern. Seine öffentlich formulierte Behauptung, er habe doch de facto schon lange die Leitung des Instituts innegehabt, wurde ihm vonseiten der städtischen Verwaltung als »Überheblichkeit« ausgelegt, und er wurde daraufhin von Eickemeyers Hauptreferenten Hans Rollwagen im Sommer 1942 gegenüber dem ausscheidungswilligen Institutsmitarbeiter Friedrich Halbmeyer als »Störenfried« bezeichnet, der den sozialen Arbeitsfrieden im Haus gefährde. Erhard seinerseits, dem diese Aussage sofort hinterbracht worden war, nannte den Amtsdirektor beim Oberbürgermeister der Stadt daraufhin einen Lügner und Verleumder – was ihm am 4. November 1942 eine Strafanzeige wegen Beamtenbeleidigung durch Bürgermeister Eickemeyer eintrug, der hinter den Kulissen, so etwa am 4. Februar 1943, bei dem Nürnberger Generalstaatsanwalt Dr. Bems auf eine zügige Verurteilung drängte. Tatsächlich wurde Ludwig Erhard daraufhin wegen Beleidigung rechtskräftig verurteilt.
Den Vorwurf des »Störenfrieds« in Zeiten der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, noch dazu im Krieg, eine nicht ganz ungefährliche Etikettierung, wollte Erhard aber nun doch nicht einfach auf sich sitzen lassen und strengte deshalb seinerseits im Frühjahr 1943 eine Beleidigungsklage gegen Rollwagen an. Über diese Gegenklage »auf Zurücknahme einer Äußerung« mit einem Streitwert von 5000 Reichsmark zu entscheiden, stellte das Landgericht Nürnberg-Fürth im Juni 1943 »mangels jeglicher Kriegsdringlichkeit und zur Vermeidung einer nicht vertretbaren Belastung des in kriegswichtigem Dienst der Stadtverwaltung eingesetzten Beklagten« zwar bis nach Kriegsende zurück, ganz so wie es Oberbürgermeister Liebel im Schriftsatz des städtischen Anwalts Gottfried Biemüller nahegelegt hatte.
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